Rosenheim/Samerberg –- Seit mittlerweile 90 Jahren ist sie ein Ort der Begegnung: die Kolpinghütte am Samerberg. Ein großes Festprogramm jedoch planen die Kolpingfamilie Rosenheim, in deren Besitz sich die Hütte befindet, und der Bezirksverband Rosenheim der Kolpingfamilien anlässlich des runden Geburtstages nicht. Die Feier wird eingebettet in eine Traditionsveranstaltung, die die Kolpingfamilien in Stadt und Landkreis seit Jahren an diesem Feiertag abhalten: die Bezirkswallfahrt, bei der die Vereine mit ihren Bannern um 9.30 Uhr vom Parkplatz Gritschen bei Nußdorf aus zum Gotteshaus in Kirchwald ziehen.
Gemütliches Beisammensein nach Gottesdienst
Dort wird um 10 Uhr ein Gottesdienst gefeiert, dann geht‘s zur Kolpinghütte, wo der Tag mit einem gemütlichen Beisammensein ausklingt. Für Speis und Trank ist ausreichend gesorgt, die musikalische Umrahmung übernimmt das Duo Mangfallkrainer.
Die Geburtsstunde der Hütte, die unterhalb der Hochries am Weg zur Doagl-
alm liegt und am 25. Mai 1933 von Landespräses Westner eingeweiht wurde, ist mit den Anfängen der Nazizeit verbunden. Viele junge Menschen waren damals arbeitslos, es bildeten sich zahlreiche sogenannte „Arbeitsdienstvereine“, in denen die Beschäftigungslosen eine Betätigung fanden. Um die Kolpinghütte zu errichten, gründete sich damals eine eigene Initiative. „Es entstand eine Hütte mit einem geräumigen Tagesraum, einer Wohnküche, einem Raum für den Hüttenwart mit einem bescheidenen Lager und Sanitäreinrichtungen im Erdgeschoss, zwei Schlafräumen mit Platz für circa 20 Personen in Obergeschoss und teilweiser Unterkellerung“, heißt es in der Chronik der Rosenheimer Kolpingfamilie.
Die Unterkunft am Samerberg wurde schnell zur zweiten Heimat für viele naturverbundene Handwerksgesellen. Sie stellte ein preiswertes Freizeitangebot mit Selbstverpflegung dar. An den Feiertagen und regelmäßig zum Jahreswechsel trafen sich ausschließlich Mitglieder der Rosenheimer Kolpingfamilie auf der Hütte.
Um das Gebäude vor dem Zugriff der Nazis zu schützen, denen kirchliche Aktivitäten nach ihrer Machtübernahme zunehmend ein Dorn im Auge waren, griff die Rosenheimer Kolpingfamilie zu einem Trick.
Die Hütte wurde am 23. September 1937 pro forma für 8000 Reichsmark an einen Privateigentümer verkauft. Karl Fiegl hielt damals in der Chronik des Vereins eine aus Kolping-Sicht besonders wichtige Vereinbarung im Rahmen des Geschäfts fest. „Unsere Mitglieder haben nach wie vor das Recht, sie ungeschoren zu besuchen.“ Erst am 30. Oktober 1950 wurde das Gebäude wieder an die Kolpingfamilie Rosenheim zurückgegeben und als Eigentum verbrieft. Der Zahn der Zeit nagte auch an der Hütte, zwei größere Sanierungsmaßnahmen wurden im Verlauf der Jahre notwendig. 2009 wurden die Fenster im oberen Stockwerk ausgetauscht, Wände und Decken fachgerecht wärmeisoliert und die Holzverkleidung des Hauses erneuert. Außerdem wurden für das Nachtlager neue Matratzen beschafft.
Zwischen den Jahren 2015 und 2017 standen dann nochmals größere Sanierungsmaßnahmen an. Für die Abwasserentsorgung war die Errichtung einer biologischen Kläranlage erforderlich, außerdem waren aufgrund geänderter Vorschriften umfangreiche Brandschutzmaßnahmen vonnöten. Darüber hinaus wurde ein Anbau für neue Toiletten errichtet. Ebenfalls in Angriff genommen wurde die Hangabsicherung hinter dem Haus. Heutzutage wird die Hütte etwa zu 20 Prozent von Kolpingmitgliedern besucht, doch auch viele andere Besuchergruppen kehren mehr oder weniger regelmäßig in ihr ein. Eberhard Häfele, der aktuell an der Spitze der Rosenheimer Kolpingfamilie steht und auch Vorsitzender aller Kolpingfamilien im Bezirk Rosenheim ist, misst der Hütte eine große Bedeutung bei – nicht nur für das Vereinsleben. „Diese Hütte ist auch ein wichtiges Angebot für junge Leute“, sagt er. Häfele ist froh, dass die Corona-Pandemie vorüber ist, in deren Folge die Besucherzahlen stark zurückgegangen sind. „Jetzt ist die Belegung deutlich besser, der Betrieb läuft wieder rund“, zeigt er sich erleichtert.
900 Personen besuchen pro Jahr
die Kolpinghütte
Stefan Hadersbeck, der seit 3. Mai 1993 als Hüttenwart fungiert, spricht von etwa 900 Personen, die pro Jahr durchschnittlich die Kolpinghütte besuchten. Etwa 1400 Übernachtungen schlügen zu Buche. Die Hütte biete derzeit 45 Plätze im Aufenthaltsraum und 22 Schlafplätze sowie eine Küche. „Sie wird oft auch für Geburtstagsfeiern und Gruppenerlebnisse genutzt. Auch Schulklassen haben wir immer wieder in den Reihen unserer Gäste“, weiß Hadersbeck.
Und er verrät noch ein kleines Geheimnis. „Es macht mir Freude, das ganze Jahr über die verschiedensten Wetterstimmungen bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit erleben zu dürfen.“