Manuel M. (16) tritt auf die Platte im Boden. So misst der Physiotherapeut Claus Baumgart die Druckverteilung des Fußes. Foto Paula L. Trautmann
Aschau – In der Kinderklinik in Aschau gibt es ein Labor. Aber keines mit Reagenzgläsern, Petrischalen und Mikroskopen. Sondern mit 13 Metern Laufsteg und zehn Kameras. In dem Labor machen Professor Dr. Harald Böhm (55) und Physiotherapeut Claus Baumgart (56) Ganganalysen.
Manuel M. (16) hat seit Monaten Schmerzen in seinem linken Fuß. Deshalb hat ihn seine Ärztin in die Kinderklinik geschickt. Bevor die Experten den Gang des Patienten untersuchen, messen sie die Belastung seiner Füße. Dafür gibt es eine Platte im Boden. Manuel M. geht los und tritt darauf. Dreimal links, dreimal rechts.
Planung für
Orthesen erleichtert
„Wie ein Uhrwerk“, sagt Claus Baumgart. „Das schaffen die Wenigsten.“ Meistens treten die Patienten mindestens einmal so auf die Platte, dass Fersen oder Zehen abgeschnitten sind. Wenn jemand „reinstolpert“, ergebe das ein anderes Belastungsbild. Deshalb müssen die Patienten mehrmals auf die Platte treten.
Baumgart sieht das Ergebnis auf dem Computer vor sich. Ferse, Zehen und Zehenballen sind pink gefärbt. Pink bedeutet am meisten Belastung, blau am wenigsten. Nun muss der Patient leicht joggen und die Platte treffen. „Er hat relativ wenig Außenrandbelastung“, sagt Harald Böhm. Es sei zu viel Druck auf dem ersten Zeh. Der rechte Fuß ist „ordentlich belastet“. Nun ist die Kernuntersuchung an der Reihe: die Ganganalyse. Nach Angaben von Dr. Böhm können Ärzte Operationen dadurch zuverlässiger planen. Ein Röntgenbild ist nur ein Standbild. Die Untersuchung im Ganglabor sei besser, weil die Experten die Patienten in Bewegung sehen.
Auch nach Operationen könne der Erfolg besser beleuchtet werden. Zudem sei die Versorgung mit Orthesen dank der Analyse wirksamer. Während Prothesen einen Körperteil ersetzen, stabilisieren Orthesen diesen mit Schienen und Bandagen.
Vor der Ganganalyse wird der Patient gewogen und gemessen. Dann zieht er seine Hose aus und stellt sich auf das Podest. Mit seinen 1,89 Metern muss sich Manuel M. ducken, damit er nicht mit dem Kopf an die Decke stößt. Harald Böhm sitzt auf einem Hocker vor ihm. Mit einem wasserlöslichen Stift markiert er einige Punkte – am Becken, an den Fußknöcheln und Beinen. Auf allen „anatomischen Landmarken“.
Der Arzt klebt reflektierende Kugeln auf die Punkte. Dann misst sein Kollege die Beinlänge des Jugendlichen. Der Physiotherapeut setzt sich wieder an den Computer. Zeit für die Standmessung. Die Kameras senden ein Infrarotlicht auf die reflektierende Oberfläche der Kugeln. Und messen den Körper auf Mikrometer genau.
Claus Baumgart ordnet die grünen, pinken, blauen und roten Punkte den passenden Bezeichnungen auf dem Bildschirm zu. So schnell, dass das ungeübte Auge fast nicht mitkommt. „Beim Fuß muss ich mich schon konzentrieren“, sagt Baumgart. Am Ende sind die Punkte miteinander verbunden. Wie in einem Computerspiel läuft eine Figur über den Bildschirm – nur dass es die Bewegung des Patienten ist. Zehn- bis zwölfmal muss Manuel M. auf dem Laufsteg hin- und herlaufen. Dann muss er joggen. „Rechtzeitig stoppen“, sagt Claus Baumgart. „Das da ist nur eine Trockenbauwand.“
So wie im
Alltag bewegen
Die Patienten sollen sich so wie in ihrem Alltag bewegen. Deshalb auch die Anzahl der Durchläufe. Dadurch bekommen die Experten einen Durchschnittswert. „Manche Eltern sagen ihren Kindern: Geh mal schön“, berichtet der Physiotherapeut. Das verfälsche den Wert. Nach 20 Runden entfernt Harald Böhm die Kugeln vom Körper des Jugendlichen. Sein Kollege testet noch Kraft und Beweglichkeit von Manuel M. Er muss erst auf dem einen, dann auf dem anderen Bein hüpfen. Auf die Zehenspitzen und wieder absetzen. Nach ein paar Übungen setzt er sich auf die Liege. Claus Baumgart bewegt seine Füße hin und her. Rechts ist alles in Ordnung, links lässt sich der Fuß kaum drehen.
Der Patient darf seine Hose wieder anziehen. In zwei Wochen bespricht der Oberarzt das Ergebnis mit ihm. Harald Böhm verrät schon jetzt: Manuel M. geht etwas langsamer als die Norm, die Schrittlänge ist rechts kürzer. Seine Beine sind zu sehr nach außen gedreht, das Becken nach hinten. Er hat X-Beine. Laut dem Arzt ist eine Operation nötig, bei der die Oberschenkelknochen gedreht werden.
Nach einer Stunde verlässt der Patient das Ganglabor. „Ich fand es interessant“, sagt Manuel M. Die Untersuchung habe ihn kaum angestrengt. Nur der linke Fuß habe ihm beim Joggen wehgetan. „Du hast es super gemacht“, sagt Claus Baumgart. „Jetzt weißt du, wie Heidi Klum sich fühlt.“
Es laufen zwar keine Models über den Laufsteg im Ganglabor, aber viele Kinder und Jugendliche. Seit 2005 gibt es das Angebot in der Aschauer Kinderklinik. Böhm kümmert sich seit 2009 um die Untersuchungen, Baumgart seit zweieinhalb Jahren. „Es ist schön, wenn wir Patienten über einen längeren Zeitraum verfolgen können“, sagt der Physiotherapeut.
Krankenkassen
zahlen nicht mehr
„Wir freuen uns immer, wenn die Patienten Fortschritte machen“, ergänzt sein Kollege. Er erzählt von einem Mädchen mit O-Beinen und einer Bewegungsstörung, das nun studieren will. Durch die Ganganalyse und die Behandlung habe sich ihre Lebensqualität verbessert. Die beiden Experten bedauern, dass sie die Patienten nicht immer nachuntersuchen können. Seit 2022 übernimmt die Krankenkasse die Kosten für die Ganganalyse in der Aschauer Kinderklinik nicht mehr. Nun müssten Betroffene 300 Euro zahlen. Privatversicherte bis zu 700 Euro. Dabei ist es Harald Böhm zufolge wichtig, früh etwas gegen Schmerzen zu unternehmen.