Bad Feilnbach – „Sprachlos“: Das war auch am Montag das Wort, das bei der Nachbesprechung der Bürgermeisterwahl von Bad Feilnbach am häufigsten genannt wurde. So setzte sich fort, was schon während der Stimmauszählung am frühen Sonntagabend immer deutlicher wurde: die große Verwunderung, dass der Kandidat der Überparteilichen Wähler (ÜW), Max Singer, seit Mai 2020 im Gemeinderat, den seit 2018 amtierenden Bürgermeister Anton Wallner (CSU) mit der deutlichen Mehrheit von 56,6 Prozent der Stimmen aus dem Amt kickte.
Denn die 8500 Einwohner zählende Gemeinde wirkt, wie von fast allen Seiten bestätigt wurde, sehr gut aufgestellt. Auch das große Engagement Wallners für die Kommune will ihm öffentlich niemand absprechen. Und doch sahen 2186 der insgesamt 3860 Bürger, die eine gültige Stimme abgegeben haben, die Zeit für den von Singer propagierten Neustart gekommen.
CSU: „Es braucht
keinen Neustart“
Für den CSU-Fraktionsvorsitzenden Martin Kolb junior absolut unverständlich: „Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass es keinen Neustart braucht.“ Die reine Sacharbeit, die Wallner als Bürgermeister in den vergangenen sechs Jahren geleistet habe, sei hervorragend gewesen und „natürlich“ hätte man an den laufenden Projekten lieber mit ihm anstatt unter neuer Führung weitergearbeitet.
Auch wenn man sich nun erst einmal sortieren müsse, werde die CSU-Fraktion im Gemeinderat weiter zum Wohl der Gemeinde Bad Feilnbach mitarbeiten. Nicht nur Kolb spricht von Dingen, die im „Wahlbewerbungsverfahren“ vorgefallen seien, die „nicht gerade der ideale Ausgangspunkt“ für die Zusammenarbeit nach der Wahl seien. Doch er betont: „Wir dürfen nicht einzelne Köpfe im Blickpunkt haben, sondern wollen miteinander die Gemeinde weiter voranbringen. Auch das ist mit die Aufgabe des neuen Bürgermeisters mit seinem ,Neustart‘. Es bleibt interessant.“
Noch gar nicht „sortiert“ hatte dagegen der Zweite Bürgermeister Josef Rauscher (CSU) gestern den Wahlausgang für sich: „Ich weiß selber noch gar nicht, wie ich das nehmen soll. Da wird Toparbeit geleistet, und dann kommt so eine Niederlage wie aus dem Nichts. Das treibt mich sehr um.“ Wie sehr, zeigt seine Aussage: „Ganz ehrlich: Ich weiß überhaupt nicht, wie es jetzt weitergeht. Wir stehen eigentlich vor einem Trümmerhaufen.“
Wallner sei nach Josef Kirner (CSU), Christoph Rastinger (ÜW) und Hans Hofer (ÜW) der vierte Bürgermeister, den er als Gemeinderat erlebt habe. Er habe immer sehr sachlich gearbeitet. Von daher könne er sich das Ergebnis einfach nicht erklären. „Ein Stück weit narrisch“ sei er durchaus, weil der „Wahlkampf“ – ein Begriff, den Herausforderer Max Singer nicht verwenden wollte – aus seiner Sicht unfair gelaufen sei. Man habe von vielen Halbwahrheiten und Unterstellungen gehört, die nie geradegerückt worden seien.
Dass Rauscher „als Zweiter Bürgermeister weitermacht“, hofft Dritter Bürgermeister Christian Bergener (ÜW). „Wir stehen miteinander für das Gemeinwohl, dafür sind wir vom Bürger auch in den Gemeinderat gewählt worden.“ Auch er selbst sei „absolut überrascht“ vom Wahlsieg Singers, freue sich aber natürlich, dass seine Fraktion nun den Bürgermeister stellt.
Allerdings: „Wir haben momentan gar nicht richtig jubeln und feiern können, als das Ergebnis feststand“, beschreibt er die Situation am Abend im Sitzungssaal. „Gerade das stellt vielleicht auch ein Stück weit unsere Wertschätzung für Anton Wallner und seine Arbeit dar. Er hat nicht alles schlecht gemacht und sich wirklich aufgeopfert für die Gemeinde“, bescheinigt ihm Bergener. In manchen Fällen sei er den Räten allerdings zu wenig kompromissbereit und zu rigoros erschienen, man habe sich oft mehr Diskussion und Klarheit gewünscht.
Pragmatisch sieht ÜW-Fraktionssprecher Peter Menhofer den Wahlausgang: „Ich bin weder überrascht noch enttäuscht noch euphorisch. Nachdem es bei den beiden letzten Wahlen keinen Gegenkandidaten gegeben hatte, war es schön, dass der Bürger wieder eine Wahl hatte. Und so ist das in der Demokratie: derjenige, der gewählt wird, hat den Auftrag des Wählers, der andere nicht.“
ÜW: „Lage wird sich
schnell beruhigen“
Auch glaubt der langjährige Gemeinderat, dass sich die Lage schnell beruhigen wird. „Das ist wie bei einem Fußballspiel, man gibt sich die Hand und dann ist es gut. Wir alle haben den Auftrag, für die Gemeinde zu arbeiten. Außer Sachthemen hat da nichts Platz. Max Singer kann das, er kann Menschen begeistern, führen und zusammenhalten.“
Alle Gemeinderäte der Fraktionen von ÜW, SPD/PF sowie drei der Grünen hatten auf einem Flyer ihre Unterstützung Singers bekundet. Nicht unter ihnen: Grünen-Rat Thomas Forster. Er hatte eine Wahlempfehlung für Wallner ausgesprochen und mit den in seinen Augen „herausragenden Qualifikationen, seiner langjährigen Erfahrung im Gemeinderat und seiner nachgewiesenen Fähigkeit, innovative Lösungen für die Herausforderungen unserer Gemeinschaft zu finden“ begründet.
Er erklärte gestern: „Der Ausgang der Wahl hat mich sehr überrascht. Ich hätte nie gedacht, dass Max Singer so klar gewinnt. Ich akzeptiere natürlich den Wählerwillen und möchte mich zu weiteren Spekulationen nicht äußern.“ Grünen-Fraktionsprecherin Sieglinde Angermaier betonte: „Es ist für uns selbstverständlich, dass Max bei der Umsetzung kommender Aufgaben, mit unserer vollsten Unterstüzung rechnen kann.“ SPD/PF-Sprecherin Inge Gasteiger gratulierte Max Singer: „Er hat das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger durch die Wahl bestätigt bekommen. Es liegt nun in seiner Hand, die nächsten sechs Jahre die Geschicke der Kommune verantwortungsbewusst zu lenken. Die Liste SPD/Parteifreie wird ihn bei den anstehenden Herausforderungen, Projekten und Aufgaben gerne im Sinne der Gemeinde unterstützen.“