Aus Armut zur Unternehmerin

von Redaktion

Maria Weiß führt erfolgreiches Gartenbau-Geschäft: Heute wird sie 85

Schechen – Maria Maurer erblickte am 2. April 1939 auf einem kleinen Bauernhof in Fachenliehen bei Soyen das Licht der Welt. Die Eltern hatten sieben Kühe, der Vater musste nebenher noch Torf stechen, da der Hof alleine nicht zum Leben reichte. Als Maria drei Jahre alt war, musste der Vater sich entscheiden: An die Front gehen oder Sozialdienst leisten. Da die Mutter mit dem dritten Kind schwanger war, entschieden sich die Eltern für den Sozialdienst. Bei dieser Arbeit passierte ein eigentlich kleiner Unfall, aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung während des Krieges starb Vater Maurer jedoch am Heiligabend 1943 an einer Blutvergiftung. Die Mutter war mit drei Kleinkindern, einem verschuldeten baufälligen Hof und sieben Kühen alleine.

1945 kam Maria Maurer in die Schule, 1955 begann sie beim Duschl-Bräu in Rosenheim eine Ausbildung zur Köchin. 1957 hatte die Mutter einen neuen Lebensgefährten, mit dem sie einen Hof in Obermühle bei Rott am Inn kaufte. Hier war es wieder das Gleiche: keine Maschinen, kein Geld, nur Handarbeit. Maria arbeitete nebenbei bei Meggle.

Hochzeit mit
Georg Weiß 1960

Kurz darauf lernte sie Georg Weiß kennen, den sie im Februar 1960 heiratete. Er bewirtschaftete damals schon den elterlichen Bauernhof in Wurzach bei Schechen. Auch hier war alles arm, bergig und schwierig zu bewirtschaften. So begann Weiß schon sehr früh, verschiedene Einnahmequellen auszuprobieren. Sie hatten 17 Kühe. Weiß baute damals laut Familien-Chronik die erste Schwemm-Entmistung des Landkreises Rosenheim. Er war zeit seines Lebens Tüftler und hat mehrere Patente angemeldet.

1960 kam Tochter Ingrid zur Welt, 1962 Sohn Manfred. Georg und Maria Weiß betrieben den Bauernhof, hatten eine Hundezucht, eine kleine Hühnerfarm und probierten verschiedene Dinge aus, um das Leben zu verbessern und mehr Geld zu verdienen. Sie hatten inzwischen 30 Kühe.

„1967 hatten wir im Wald sehr schöne Fichten, so kam mein Mann auf die Idee, diese als Weihnachtsbäume zu verkaufen. In Wasserburg gab es einen Gärtner, der schon Bäume verkaufte – das war keinesfalls üblich. Der wollte unsere Bäume aber nicht“, erinnert sich Maria Weiß.

Also ist Weiß selbst zum Bauernmarkt nach Rosenheim gefahren, um dort seine Fichten zu verkaufen. Um 5 Uhr ist er los, damit er ganz vorne stehen konnte. Georg und Maria Weiß konnten sich von den Einnahmen einen kleinen Autoanhänger kaufen. Der Grundstein für den heutigen Familienbetrieb war gelegt. Es ging stetig bergauf.

1970 brach eine Welt zusammen

Bis im August 1970 Maria und Georg Weiß‘ Welt zusammenbrach. Ingrid und Manfred waren in den Sommerferien bei den Geschwistern der Eltern. Beim Baden im See ertrank Manfred im Alter von acht Jahren. Georg und Maria Weiß versenkten sich in die Arbeit, schufteten rund um die Uhr, um nicht an dem Schmerz zu ersticken.

Der größte Wunsch von Maria Weiß war es, nochmal zwei Kinder zu bekommen. Fast genau ein Jahr nach dem Tod von Manfred kam der kleine Georg zur Welt. Weitere anderthalb Jahre wurde Birgit geboren. „Manfred ist noch immer unser aller Schutzengel, der uns durch das Leben begleitet und zu dem wir beten, wenn wir Hilfe benötigen“, sagt die jüngste Schwester.

Die ganze Familie
auf der Plantage

Nachdem die beiden jüngeren Kinder da waren, wurde die Landwirtschaft aufgegeben. Georg und Maria Weiß pflanzten inzwischen schon selber Weihnachtsbäume an. Erst Weißtannen aus dem Allgäu – geholt mit dem Traktor – und später Nordmanntannen aus Dänemark. In den Sommerferien wurden die drei Kinder ins Auto gepackt. „Das war ein alter Bus, in dem hinten für uns Kinder Matratzen ausgelegt waren zum Schlafen und Spielen während der Fahrt“, erinnert sich Georg Weiß junior.

In großen Baumschulen rund um Hamburg wurden Jungpflanzen und Baumschulpflanzen gekauft, in Dänemark Christbäume ausgesucht. „Die ganze Familie lief dann durch die Plantage und markierte die Bäume, die wir kaufen wollten. Das waren unsere Ferien. Einmal haben wir einen Tagesausflug nach Norderney gemacht. Das war schön, da mussten wir einen Tag lang nichts tun“, erzählt Birgit Weiß.

Maria Weiß hat sich selbst zur Pflanzenfachfrau weitergebildet und nebenbei die Baumschule begonnen. Sie hat noch heute die Federführung und weiß alles über ihre Pflanzen.

In den letzten 20 Jahren hat sich die älteste Tochter Ingrid sehr für die Christbaumzucht engagiert und den Betrieb auf bio umgestellt. „Importieren müssen wir die Bäume schon längst nicht mehr, wir produzieren nur noch aus der Region für die Region“, sagt sie.

Immobilien sind
ihr Steckenpferd

Georg Weiß senior war der Tüftler der Familie. Maria Weiß hielt das Geld zusammen, kümmerte sich darum, dass die viele Arbeit nicht brotlos blieb. Sie fing an, in Häuser zu investieren. Immobilien waren schon immer ihr Steckenpferd und sie wurden zum Grundstock, auf dem die Kinder aufbauen konnten. Die Verwaltung der eigenen Immobilien ist heute die Hauptaufgabe der Familie Weiß.

Die strukturierte Maria Weiß hat ihrem freigeistigen Tüftler immer aufgetragen, ein Aufmaß der Immobilien zu bringen. Wenn er das nicht gemacht hat, musste das am Sonntag erledigt werden.

„Unsere Sonntagsausflüge waren Baustellenbesuche mit Aufmaß und Lieferscheinerstellung. Für uns war das normal, uns fehlte nichts“, berichtet Georg Weiß junior.

Baumschule
fest im Griff

Maria Weiß hat heute noch ihre Mitarbeiter und ihre Baumschule fest im Griff, sind sich die drei Kinder einig. Jeden Tag steht sie um 5.15 Uhr morgens auf, geht eine halbe Stunde schwimmen, kümmert sich um Hund und Kater, sperrt dann ihre Lager auf, gibt den Mitarbeitern die Arbeit vor, fährt mit ihrem Golfwagerl über den Hof und freut sich, dass alles so schön „beinand“ ist in Wurzach. „Geistig ist sie extrem fit, wer Pflanzen bei ihr kauft, der bekommt eine handgeschriebene Rechnung, auf der sie selbst die sieben Prozent Mehrwertsteuer noch im Kopf ausrechnen kann“, berichtet die jüngste Tochter. Begleitet wird sie den ganzen Tag von ihrem Hund Casanova, der ihr nicht von der Seite weicht.

Nach dem Mittagessen liegt Maria Weiß gern in ihrem Liegestuhl im Halbschatten auf der Terrasse und denkt sich „schöner könnte es im Fünf-Sterne- Hotel nicht sein.“ Einer ihrer Leitsprüche des Lebens war und ist: „Man muss nur zufrieden sein mit dem, was man hat – dann hat man ein schönes Leben!“

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