„Ich möchte 100 Jahre alt werden“

von Redaktion

Er hat Todesängste durchgestanden und seine große Liebe verloren. Trotzdem bleibt Franz Zwölfer positiv: Gleich an seinem 99. plant er den 100. Geburtstag. Das Geburtstagskind aus Großkarolinenfeld erzählt über sein bewegtes Leben, geprägt von Krieg, Musik und Wein im eigenen Keller.

Großkarolinenfeld – Das Ziel sind 100 Jahre. Saal und Musik sind für den runden Geburtstag schon gebucht. Weil ein solches Jubiläum gut geplant sein will, begann Franz Zwölfer mit der Organisation an seinem 99. Geburtstag, den er vor wenigen Tagen feierte. Viele Glückwünsche hatte er entgegenzunehmen, die Telefonate rissen nicht ab. Dann endlich ging es mit seinem Schwager und seiner Schwägerin zum Mittagessen in die Lieblingsgaststätte zum Wirt von Dred in Großkarolinenfeld. Anschließend wurde er, wie jeden Mittwoch, schon beim „Kontaktstadel“ der Nachbarschaftshilfe in Großkarolinenfeld erwartet. „Seine Witze kommen immer gut an“, sagt sein Schwager Karl Reif. Jeden Tag käme die Nachbarschaftshilfe vorbei, was eine große Unterstützung für Reif sei.

Nach Späßen war dem 99-Jährigen nicht immer zumute. Seine Wurzeln liegen im eben erst gegründeten Jugoslawien: Zwölfer wurde 1925 im Banat als jüngstes von drei Kindern geboren. Viel Zeit hat er mit seinen Geschwistern nicht verbringen können. Sein Bruder wurde von Partisanen erschossen, seine Schwester Fanny in die Ukraine verschleppt. Seitdem hat er nie wieder etwas von ihr gehört. Er selber wurde mit 16 Jahren in die Wehrmacht eingezogen und nach Russland geschickt. „Der Krieg war schrecklich“, sagt Zwölfer. Er habe oft Todesängste gehabt und zwei Schussverletzungen erlitten, die ihn bis heute beeinträchtigen.

Verwickelter
Lebensweg

Sein verwickelter Lebensweg führte ihn nach dem Krieg zunächst nach München. Ohne zu wissen, was mit seiner Schwester passiert war oder wie es seiner Mutter geht, kam er nach einigen Monaten, mit nichts als einem leeren Rucksack als Besitz, nach Großkarolinenfeld. Dort lebt er bis heute. Hier fand er bei der Gärtnerei Maler Unterkunft und Arbeitsstelle. Dort arbeitete er, bis er später den Beruf des Steinmetzes erlernte.

In Großkarolinenfeld hat er auch seine Frau Hilde kennengelernt, mit der er 1950 seinen Sohn Franz bekam. 1958 begann er mit dem Hausbau. „Damals musste man die Baugrube noch mit der Hand, Schaufel und Schubkarre ausheben“, erzählt der 99-Jährige.

In all diesen Jahren hatte er keine Ahnung, was mit seiner Mutter passiert ist. Erst nach langer Suche, mit Unterstützung einer Hilfsorganisation, konnte er seine Mutter schließlich ausfindig machen. „Sie arbeitete als Haushälterin bei einer angesehenen, reichen serbischen Familie, bei der es ihr gut ging“, erklärt Zwölfer. Nachdem er seine Mutter gefunden hatte, holte er sie zu sich nach Großkarolinenfeld, wo sie noch 28 Jahre miteinander verbringen konnten.

Es gab solche Lichtblicke in seinem Leben, es gab aber auch erneute Schicksalsschläge. Seine Frau starb im Alter von 65 Jahren an Krebs. „Der Tod seiner Frau war für ihn sehr schmerzlich. Die Ehe der beiden war sehr glücklich. Sie hatten einen außergewöhnlichen Zusammenhalt“, sagt Zwölfers Schwager Karl Reif. Er geht Franz Zwölfer im Alltag zur Hand. Schließlich fällt mit 99 Jahren manches schwerer.

Durch diese Tiefen und Höhen hat ihn immerzu die Musik begleitet. „Den Gesang und die Musik liebt er sehr“, sagt sein Schwager. Früher sei er mit seinen Musikkameraden öffentlich als Sänger und mit seiner Geige aufgetreten. Sowohl bei der Maiwanderung des TuS als auch im Wirtshaus. Auch heute liebt er es, Musik zu machen: „Wenn wir manchmal auf den Berggasthof Kogel fahren, darf er mit zwei Holzlöffeln die Musiker begleiten“, erzählt Reif. Möglicherweise stammt diese Leidenschaft von seinem Vater, der Kapellmeister der Militärmusik war.

Auch sein zweites Hobby ist von seinem Vater geprägt. Der war Weinbauer. Und von ihm hat er vor dem Einzug ins Militär das Winzern gelernt und in Großkarolinenfeld weiter betrieben. „Im Garten hat er seine eigenen Weintrauben gezüchtet. Darauf war er besonders stolz“, erzählt sein Schwager. Die Trauben hat Zwölfer im eigenen Keller zu Wein verarbeitet.

Sein Motto für
die Zukunft

Mittlerweile ist es um den 99-Jährigen etwas ruhiger geworden. Er lebt gemeinsam mit seiner Urenkelin Melanie und deren Mann in seinem Haus in Großkarolinenfeld. „Besonders stolz bin ich auf meine zwei Urenkel“, sagt Zwölfer. Die beiden teilen sich, mit der Nachbarschaftshilfe, die Pflege des Urgroßvaters. Zweimal die Woche besucht er den Kontaktstadel, ansonsten gehört der Fernseher zu seiner Tagesroutine. Nur die Tagesschau wolle er nicht mehr schauen: „Nur Krieg und Klima, ich hab die Schnauze voll vom Krieg. Die Wahnsinnigen“, meint Zwölfer. Lieber schaut er optimistisch in die Zukunft. Auf jeden Fall bis zum nächsten Geburtstag. Sein Plan: „Ich möchte 100 Jahre alt werden.“

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