Entdeckungen an den Eiszeitseen

von Redaktion

Mit Gebietsbetreuer auf Streifzug durch Eggstätt-Hemhofer Seenplatte

Bad Endorf / Eggstätt – Camping und Badeurlaub im Naturschutzgebiet? Strengstens verboten! Wir haben Gebietsbetreuer Patrick Guderitz auf seinen Streifzügen durch die Hemhof-Eggstätter Seenplatte begleitet. Was es hier alles zu entdecken gibt, was erlaubt und was verboten ist.

Wo Flora und Fauna
im Einklang sind

„Die Kiebitze sind da!“ Patrick Guderitz ist überrascht. Schon seit fünf Jahren wurden am Pelhamer See keine Kiebitze mehr gesehen. Würden sie sich jetzt wieder hier niederlassen, wäre das ein großer Erfolg. Aus sicherer Entfernung beobachtet der Gebietsbetreuer mit Fernglas und Spektiv den nordwestlichen Verlandungsbereich des Pelhamer Sees. Im Niedermoor hat sich eine Streuwiese entwickelt. „Im Rahmen des Vertragsnaturschutzes wird sie in ihrer traditionellen Form gepflegt und so konnte ein ideales Brutareal für Kiebitze entstehen“, erklärt er.

Seit Beginn der Vegetationsperiode ist er wieder viel in der Natur, um nach Flora und Fauna zu schauen. „Beobachten, vermitteln und informieren“, umreißt er seine Aufgaben. Er versteht sich als Bindeglied zwischen Natur und Mensch, bringt die verschiedenen Interessen wie Landnutzung, Erholung und Naturschutz in Einklang. „Meine Arbeit ist nur in Kooperation mit ehrenamtlichen Naturschutzwächtern, Landwirten, Jägern und Erholungssuchenden möglich.“

Seit sechs Jahren
für die Natur vor Ort

Seit 2018 betreut Guderitz die Eggstätt-Hemhofer Seenplatte und Seeoner Seen. Als Vegetationsökologe hat er viele Jahre in Planungsbüros gearbeitet und Artenschutzgebiete kartiert. „Doch die Ornithologie fasziniert mich besonders“, sagt er und wendet den Blick nicht von der Streuwiese ab. „Jetzt verjagt er eine Krähe“, beschreibt er fasziniert. In akrobatischen Flugmanövern umkreist das Kiebitz-Männchen die Krähe und attackiert sie: „Das ist ein Zeichen, dass er etwas beschützt“, schlussfolgert Guderitz. Dann entdeckt er auch das Weibchen. Es steht versteckt in der Wiese. Der Federschopf am Kopf ist deutlich zu erkennen. „Da war auch ein Junges“, beobachtet der Gebietsbetreuer, verliert es wieder aus den Augen, sucht geduldig weiter. 2018 wurde das Vogelschutzgebiet am Pelhamer See kartiert und eine erfolgreiche Brut beobachtet. Seitdem nicht mehr.

„Es wäre ein toller Erfolg, nach sechs Jahren wieder einen Brutnachweis am Pelhamer See zu erbringen.“ Doch ehe er den Fund artenschutzrechtlich kartiert, wird er noch einmal vorbeischauen, um ganz sicher zu sein. Wieder aus sicherer Entfernung, denn er will den Kiebitz nicht stören, nicht aus seinem neuen Gebiet vertreiben.

„Das wäre wirklich schön“, reagiert Margit Böhm, die Kiebitz-Beauftragte der unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Rosenheim, auf die gute Nachricht. „2021 hatten wir Kiebitze in Höslwang. Leider haben sie dort ihr Brutgebiet verloren. Vielleicht sind sie ja von dort gekommen“, vermutet sie. Auch in Meisham bei Eggstätt wurden Kiebitze gesichtet. „Am Pelhamer See allerdings lange nicht.“

Doch die Tiere, so erklärt sie, erforschten immer wieder neue Gebiete und probierten neue Brutplätze aus. Nun komme es darauf an, dass sie am Rande des Pelhamer Sees in ihrer Brutmulde in Ruhe ihre Jungen aufziehen können und nicht von natürlichen Feinden wie Fuchs oder Dachs gestört werden.

Blaukehlchen und
Gelbbauchunken

Plötzlich sind die Rufe von Blaukehlchen und Rohrammer zu hören. „Sie finden immer weniger Lebensräume“, erklärt Guderitz ihren Schutzstatus, trägt ihr Vorkommen in eine Artenschutzkartierungs-Datenbank ein, denn: „Man kann nur schützen, was man kennt.“ Für den Gebietsbetreuer geht die Erkundungsfahrt weiter. Nach dem Regen will er auch nach der Gelbbauchunke schauen – unter anderem in einem Waldstück am Natzinger Gewerbegebiet, einer Ausgleichsfläche der Gemeinde Eggstätt. Der kleine Froschlurch ist streng geschützt. Sein bevorzugter Lebensraum sind temporäre Kleinstgewässer, die frei von Fressfeinden sind. Doch so genau Guderitz die Pfützen auf Wegen und in Traktorspuren auch unter die Lupe nimmt. Die kleine Unke mit dem gelbgefleckten Bauch zeigt sich nicht: „Leider nein“, sagt er enttäuscht.

Auch ein Tümpel böte in diesem Waldstück einen idealen Laichplatz. „Doch hier wurden Goldfische ausgesetzt“, kritisiert Guderitz den Verstoß gegen das Tierschutzgesetz und erklärt: „Der gebietsfremde Zierfisch vermehrt sich rasant, verdrängt einheimische Tier- und Pflanzenarten und gefährdet damit auch das heimische Ökosystem.“ Der Teich musste abgefischt werden. Trotzdem sind noch immer vereinzelt Goldfische zu sehen. Keine Chance also für Amphibien, denn Laich und Larven sind vor dem gefräßigen Fisch nicht sicher.

Der Gebietsbetreuer schaut sich Ufer- und Moorbereiche des Pelhamer Sees an. Auf einer artenreichen Niedermoorwiese blühen unzählige Orchideen. Pflücken oder Ausgraben ist streng verboten. „Auch das Betreten dieser Wiesen ist nicht erlaubt“, macht Guderitz klar. Im Naturschutzgebiet gelten Regeln. Mehrere Hinweisschilder klären darüber auf: Fahren, Parken und Baden sind hier untersagt. Nur vom öffentlichen Strandbad aus darf der See betreten werden. Stand-up-Paddeln und Kanufahren sind verboten.

Eine idyllische Bucht am Südufer des Pelhamer See lädt förmlich zum Baden ein. „Aber auch hier haben die Tiere Vorfahrt, sollen sie Rückzugsräume finden. Trotzdem parken oft Wohnmobile hier, deshalb schaue ich regelmäßig vorbei.“ Ein Teichrohrsänger meldet sich aus dem Schilf. „Der wäre nicht hier, wenn das Baden erlaubt wäre.“ Trifft Guderitz in diesem Bereich Camper an, sucht er das Gespräch: „Meine Aufgabe ist es, die Leute aufzuklären und die Besucher an die richtigen Orte zu lenken. Die Meisten reagieren sehr verständnisvoll und sind sich gar nicht darüber bewusst, dass sie die Natur stören.“

Bunte Vielfalt
der Natur

Die Blütenpracht einer Wiese am Rande des Naturschutzgebietes begeistert den Gebietsbetreuer. „Das sieht nach einer mageren Flachlandmähwiese aus“, meint er begeistert und ist schon dabei, die Artenvielfalt zu dokumentieren: Margerite, Klee, Hahnenfuß, Klappertopf, Wiesenhafer… Zwölf wiesentypische Krautarten reichen aus, um die Wiese unter Schutz zu stellen. Vorsichtig betritt er die Fläche, denn: „Das ist wertvolles Futter.“ Mit dem Landwirt will er in Kontakt treten: „Für die Pflege dieser artenreichen Wiese ohne Dünger und mit nur zwei Schnitten pro Jahr kann er eine Förderung erhalten.“ Dann setzt er seinen Streifzug durch das etwa 86 Quadratkilometer große Gebiet der Eiszeitseen fort, begutachtet Vorkommen, Verbreitung und Lebensräume der Arten, regt Schutz- und Pflegemaßnahmen an – ist vor Ort für Natur und Mensch.

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