Schnaitsee – Eine Besonderheit des Magdalena-Festes in Kirchstätt war heuer die Segnung des Kirchstätter Sühnekreuzes an seinem neuen Standort vor der Magdalena-Kirche. Die beiden Steinkreuze, ein größeres mit etwa 90 Zentimeter Höhe und ein kleineres mit etwa 60 Zentimeter, stammen aus dem nahen Kirchstätter Wald, kartografisch als Westerholz bezeichnet, landläufig aber nach einer langjährigen Vorbesitzerin auch Schuhbeck-Holz genannt.
Das Waldstück gehörte gemäß dem Urkataster von 1813 bis 1864 lange Zeit zum Großmaier-Hof im nahen Weiler Kirchstätt. Die Kreuze befanden sich an einem Wald-Flurweg, der von Kirchstätt aus nach Poschen und Iring führt, nahe der Gabelung der beiden Wege.
Von Moos und
Gestrüpp bedeckt
Heimatvereins-Schriftführer Richard Hellmeier hat sie noch als Bub an ihrem früheren Standort gesehen, da die Familie in den dortigen Wäldern vielfach Holzarbeiten übernommen hatte. Zuletzt lagen sie wohl am Boden und waren von Moos und Gestrüpp überwuchert. So hat sie der zwischenzeitliche Besitzer des Flurstücks, Martin Obersojer vom Harpfinger Schirlhof, vorgefunden. Er dachte, er müsse sie vor dem Verschwinden bergen, und da ihm von der Schnaitseer Gemeindeverwaltung niemand etwas zu den Kreuzen sagen konnte, hat er sie letztlich an seinen Stammhof in Feldmoching verbracht.
2014 hat er sich in dieser Sache in einem Brief an den ihm gut bekannten Bürgermeister Vitus Pichler gewendet. Da Vitus Pichler dazu aber auch nichts wusste, hat er den Sachverhalt beim Heimatverein vorgetragen. Hellmeier war sofort klar, um was es sich dabei handelte: „Die Sühnekreuze von Kirchstätt“.
In der Folge wurde überlegt, wie und wo man die Kreuze am besten sichern, aber auch den Bürgern zeigen könnte. So kristallisierte sich heraus, sie an der Magdalena-Kirche zu platzieren.
Damit wären sie noch nahe ihres Ursprungsortes und der Bezug zu Kirchstätt wäre hergestellt. Mitglieder des Heimatvereins holten daraufhin die Kreuze in Feldmoching ab und lagerten sie zwischenzeitlich in der Magdalena-Kirche. Nach Rücksprache mit der Kirchenverwaltung wurde der neue Standort festgelegt.
Nun ging es daran, für die Kreuze eine sichere und standfeste Konstruktion zu finden. Heimatvereins-Vorstand Dr. Arnold Böhm wandte sich mit dem Anliegen an den Schmiedebetrieb Löw in Schnaitsee.
Schmied Bernhard Löw hat zusammen mit seinem Neffen Christian lange getüftelt, um eine nicht zu auffällige, aber stand- und diebstahlsichere Halterung zu entwickeln. So wurden sie nun unter Zuhilfenahme von Baggerbetrieb Peteranderl in Waltlham an ihrem neuen Standort montiert.
Nach einer alten Volkssage sollen in alter Zeit, als Kirchstätt nachweislich noch aus einem einzigen großen Hof bestand, beim Kampf zweier Brüder um ihr Erbe, diese ums Leben gekommen sein. Zur Sühne sollen diese Kreuze aufgestellt worden sein. Gerade Hans Zieglgänsberger, früherer Steineckerbauer, erzählt diese Geschichte immer sehr dramatisch: So ging der eine mit einer Holzhacke auf den anderen los und spaltete ihm den Kopf. Im gleichen Moment stieß ihm der andere ein Messer in den Bauch. Beide fielen tot zu Boden.
Jetzt kommt aber eine Wendung, die erst bei der Montagevorbereitung zu Tage kam. Als die beiden Flurdenkmäler nach Schnaitsee zum Schmied gebracht wurden, um sie für die Aufstellung vor der Kirche herzurichten, fiel dem Schmied-Personal sogleich auf, dass die Form der Kreuze mit Ausnahme der Gesamthöhe deckungsgleich ist. Aufeinander gelegt passten sie zusammen.
Ein hinzugezogener Fachmann für Gesteinsformationen fand auf der Rückseite des großen Kreuzes scharfe Kanten, die darauf hindeuten, dass das kleinere Kreuz durch Witterungseinflüsse abgespalten worden war. Mit Ausnahme weniger Stellen würde nicht einmal ein Zündholz zwischen die beiden Teile passen. Somit muss davon ausgegangen werden, dass an der Weggabelung im Kirchstätter Wald ursprünglich nur ein großes Kreuz stand. Damit muss man die Legende von den zwei Sühnekreuzen in die Fabelwelt verweisen.
Bei dem eigentlich „einem“ Steinkreuz, mit den eingezogenen Armen, handelt es sich von der Form her um ein in der Barockzeit gefertigtes Sühnekreuz. Mit der Aufstellung solcher Sühnekreuze war es bis ins frühe 17. Jahrhundert möglich, einen Totschlag zu sühnen – zusammen mit anderen Taten der Buße, wie etwa Geldbußen oder Pilgerfahrten. Für Mord aber wurden Blutstrafen verhängt. Ob der Grund für die Aufstellung des Kreuzes aber tatsächlich ein Tötungsdelikt war oder von einem Unfall auszugehen ist, wird nie zu erfahren sein, zumal auch die örtlichen Chroniken, besonders die erst kürzlich bearbeitete Veichtmayr-Chronik, darüber keine Auskunft geben.
Die Steine bestehen aus dem in der Umgebung allseits auffindbaren Gneis-Glimmer-Schiefer, landläufig „Bleistein“ genannt. Das ist eine weitere lokale Besonderheit. Denn andere Sühnekreuze in dieser Gegend bestehen zumeist aus örtlich vorkommendem Nagelfluh oder Granit. Bleisteine sind für ihre leichte Spaltbarkeit bekannt. Diese leichte Spaltbarkeit ist sicherlich dem Kirchstätter Sühnekreuz zum Verhängnis geworden.
Diese „Bleisteine“, darunter so riesige Exemplare wie der haushohe Bräundlstein im Streitwald oder der Osterstein oberhalb Loibersdorf, wurden vor über 10000 Jahren vom Prien-Gletscher, dessen Endmoräne in dem bei Mantelsham verlaufenden „Schnaitsee-Seeoner Bogen“ zu erkennen ist, aus den Zentralalpen bis in unsere Gegend transportiert.
Elan des
Vereins gewürdigt
Kreisheimatpfleger Dr. Christian Soika, der der Segnung beiwohnte, zeigte sich überaus erfreut, mit welchem Elan der Heimatverein Schnaitsee sich der heimischen Flurdenkmäler annimmt.
Nach der verbesserten Platzierung des Fahrnbichl-Marterls, der Renovierung und der Erkundung der Entstehungsgeschichte des Eggerdinger-Bildstockes, hat der Verein mit dem Kirchstätter Sühnekreuz erneut zur Sicherung und dem Erhalt nennenswerter Flurdenkmäler beigetragen.
Das Kirchstätter Sühnekreuz, das auch weiterhin als Doublette aufgestellt wurde, hat damit hoffentlich einen sicheren und „ewigen“ Platz gefunden.