„Das Cavallo wird uns fehlen“

von Redaktion

30 Jahre lang haben Angelika und Roland Jugl mit ihrer Leidenschaft eine ganze Region verwöhnt. Nun wollen sie nur noch privat nach guten Lebensmitteln jagen. Am 31. März schließen sie ihr Genusshaus „Cavallo“ in Thansau.

Rohrdorf – „Damit geht ein Stück Lebensqualität verloren“, bedauern Claudia und Hans Nowak aus Neubeuern die Entscheidung der Familie Jugl, ihr Genusshaus in Thansau zu schließen. Sie sind seit vielen Jahren Stammkunden. Sie verstehen aber auch, dass die Inhaber mit 67 und 68 Jahren kürzertreten wollen. „Die Restlaufzeit wird immer kürzer“, sagt Roland Jugl lachend. Und da ist er, der Humor, den seine Kunden an ihm lieben. „Er hat uns so oft mit seinen Witzen zum Lachen gebracht“, erinnert sich Leon Schein aus Neubeuern an die Abende in der Vinothek. Auch Hans Nowak vermisst die vielen guten Gespräche: „In der Espresso-Bar fühlte man sich wie zu Hause.“

Wie der Verkaufsraum wurde auch die Vinothek von Familie Jugl selbst gebaut. Sie ist mit Altholz getäfelt. Die Bar hat nach der Corona-Pandemie zwar nicht wieder aufgemacht, doch es gibt sie noch. Und wer den Espresso aus dem Hause „Cavallo“ noch nicht kennt, der wird hier noch immer zu einer Kostprobe eingeladen. Mit seiner einladenden Art sorgt der Hausherr dafür, dass seine Kunden entspannt verweilen und seinen Geschichten lauschen. Vom großen Mischtisch in der italienischen Kaffeerösterei in Chieti beispielsweise, auf dem zig Sorten der Arabica- und Robusta-Kaffeesorten aus den verschiedensten Anbaugebieten der Welt lagen, als er seine eigene Mischung aussuchen wollte. „Es dauerte anderthalb Jahre, ehe wir die richtige Röstung und die perfekte Mischung gefunden hatten“, erzählt er. Abgestimmt auf das heimische Wasser. Nicht zu bitter im Abgang, sondern „dolce“.

Den Geschmack getroffen

20 Jahre später schwört Jugl noch immer auf seine Mischung und hat damit auch den Geschmack vieler Stammkunden von Österreich bis Sachsen getroffen. Doch Espresso schmeckt nur, wenn er richtig zubereitet wird. Also vertrieb Jugl eine Zeit lang auch Espresso-Automaten – Wartung inklusive. „Das war ein Hobby“, sagt er schmunzelnd, denn Technik begeistert ihn schon immer. Seine Erfahrungen wissen die Kunden zu schätzen. Denn fragt sich einer, warum sein Espresso manchmal irgendwie verbrannt schmeckt, dann weiß Jugl die Antwort: „Das liegt nicht an den Bohnen, sondern an der zu hohen Brühtemperatur.“

Auf unzähligen Reisen durch Italien haben sich die Jugls ihr Wissen angeeignet. Fernab der ausgetretenen Touristen-Pfade und der großen Lebensmittel-Exporteure fanden sie ihre Delikatessen. „Nur auf dem Radl entdeckst du die Höfe und Weingüter, kommst mit den Leuten ins Gespräch und darfst ihre Köstlichkeiten probieren“, beschreibt er seine Art von Akquise. Italienisch könne er zwar nicht, erzählt der 68-Jährige. Dafür aber bairisch-italienisch mit Händen und Füßen. Vor allem aber kennt er die Sprache des Herzens und des Genusses. „Das Schöne an den Italienern ist, dass sie dich als Menschen kennenlernen wollen, ehe sie mit dir Geschäfte machen“, beschreibt Jugl die Atmosphäre. Und wenn er Wein, Olivenöl oder Balsamico-Essig für „molto buono“ befand, wurden diese Produkte kurz darauf direkt vom Erzeuger nach Thansau geliefert.

In drei Jahrzehnten ist das Sortiment des „Cavallo“ gewachsen. Dabei fing alles mit traditionellem Handwerk und einer Töpferei an. Die suchte einen Nachfolger. Und Roland Jugl – damals Fernmeldetechniker – entschied sich gegen die Bequemlichkeit eines Beamten auf Lebenszeit und für den unbequemeren, aber eben auch spannenderen Weg. Mit seiner Frau Angelika wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Die Rohstoffe für die Keramik kauften sie vor Ort in Italien. Und so entwickelte sich die Idee, auch die „vielen wunderbaren italienischen Delikatessen“ direkt beim Erzeuger einzukaufen und im Töpferladen mit anzubieten. „Das kam bei unseren Kunden so gut an, dass wir uns ganz darauf konzentrierten“, blickt er zurück.

Der einstige Stall an der Rosenheimer Straße in Thansau bot den perfekten Rahmen. Und mit dem Namen „Cavallo“ erinnern sie an ihre Keramik, die einst mit einem historischen Pferde-Siegel geprägt wurde.

Noch hofft Roland Jugl, dass er einen Nachfolger findet. Fünf Bewerber hatten Interesse, sein Geschäft zu übernehmen. „Doch junge Leute bekommen heute von den Banken kaum noch einen Kredit“, sagt Jugl. Zwei Interessenten sind noch im Rennen. Auch sie würden das Genusshaus gern weiterführen – mit seinen ausgewählten Waren, der stilvollen Einrichtung des 340 Quadratmeter großen Ladens mit Vinothek sowie den 2600 Stammkunden. Bis zum 31. März besteht noch Hoffnung. Bis dahin ist das „Cavallo“ auch weiterhin geöffnet. Der Abverkauf der Produkte hat begonnen.

Eine ruhigere Zeit, aber kein „Ruhestand“

Am 1. April beginnt für Angelika und Roland Jugl eine ruhigere Zeit. „Wir sind gern in der Natur und wollen diese Leidenschaft jetzt noch intensiver leben“, freuen sie sich. Doch ein wirklicher Ruhestand wird es wohl nicht: „Ich muss immer etwas tun, sonst wird es langweilig“, kündigt Jugl an. Sollte er keinen Nachfolger finden, will er mit den beliebtesten Produkten seines Genusshauses weiter online handeln: Dazu gehören Balsamico-Essig, Olivenöl, Espresso-Kaffee und der Alte Willi. „Mit 2000 Litern pro Jahr unser Verkaufsschlager“, sagt Jugl. „Und diesen mit Birnensaft verfeinerten Williams-Christ-Birnen-Brand gibt es auch in Zukunft nur bei uns.“

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