Vom Glück, in Frieden zu leben

von Redaktion

Heiteres und Nachdenkliches beim Abend zu 80 Jahre Kriegsende in Aschau

Aschau – „Wir hatten das Glück, in einer friedlichen, kriegslosen Zeit aufzuwachsen. Möglicherweise sind wir die einzige Generation ohne Krieg und Angst.“ Gottfried Wimmers Resümee nach einem eindrücklichen Gedenkabend des Aschauer Heimat- und Geschichtsvereins (HGV) im evangelischen Pfarrheim brachte es auf den Punkt.

Er, Josef Hobelsberger und Hans Rucker waren zwar noch Kinder, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Wie war das Leben im Priental in den letzten Kriegstagen und nach der Kapitulation? Thomas Bauer, Zweiter Vorsitzender des HGV, moderierte den Abend, an dem die drei Zeitzeugen Wimmer, Hobelsberger und Rucker sowie Rupert Wörndl, Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins Frasdorf, teils heiter, teils nachdenklich stimmende Anekdoten vortrugen.

Sepp Hobelsberger erinnerte an die Tauschgeschäfte und die Lebensmittelkarten: „Die waren wichtiger als Geld, die durfte man nie verlieren.“ Und dass er, Jahrgang 1938, bei den Bauern hamstern war, auch wenn das eigentlich verboten war. Auch Hans Rucker, Jahrgang 1936, berichtete, dass die Hauptsorge war: „Wo kommt das Essen her. Ich sehe noch genau vor mir, wie meine Mama in den Laib Brot sieben Tage einritzt.“ Seinem Vater, der einen Gartenbaubetrieb hatte, habe man während des Krieges angedroht, dass er nach Dachau komme, wenn er weiter Blumen anbiete. Er solle ausschließlich Gemüse anpflanzen. Auch muss im Ort bekannt gewesen sein, dass bei ihnen zwei Jüdinnen versteckt waren. Denn selbst nach Kriegsende sei sein Vater deswegen angegangen worden.

Gottfried Wimmer, Jahrgang 1938, berichtete, dass sich sein Vater mit einem Baugeschäft nur deshalb selbstständig machen durfte, wenn er in die NSDAP eintrat. Nach dem Krieg hatten die Amis ihr Haus besetzt, erzählte er. Im Stall fanden die Soldaten Schnaps und im Keller Eier. Dem selbst gebrannten Eierlikör hätten die Amis allerdings so stark zugesprochen, dass sie beim Appell immer noch nicht nüchtern waren.

Alle drei erinnern sich noch gut, dass sie schnell Englisch lernten. So konnte man so manches Mal einen Chewing Gum, eine Orange oder eine Schokolade von den Amis zugesteckt bekommen. Und dass das Kriegsende für alle Familien als Erlösung gesehen wurde.

Rupert Wörndl hatte zwei Bilder dabei. Das eine zeigte das Anderlkreuz und den Gedenkstein, die beide kurz vor der Autobahnbrücke in Frasdorf noch heute zu sehen sind. An der Stelle explodierte ein deutscher Munitionslastwagen kurz vor Kriegsende. Dabei kamen 15 Soldaten ums Leben, die zusammen mit zwei kurze Zeit später erschossenen SS-Männern auf dem Gemeindefriedhof in einem Gemeinschaftsgrab beerdigt sind.

Die Niggl-Geschwister, von denen heute noch zwei Damen (97 und 100 Jahre alt) leben, könnten auch so einiges berichten, so Wörndl. Von ihnen wisse er, dass von Traunstein kommend über 5000 deutsche Kriegsgefangene auf der A8 nach Bad Aibling zum Kriegsgefangenenlager wanderten. „Anfang Mai hat es noch geschneit.“ Die Schwerstkranken durften, laut den Niggl-Schwestern, im Stall der Niggls übernachten, alle anderen mussten auf freiem Feld schlafen. Auf einem Foto zeigte er den Fußmarsch der Soldaten. Wer die A8 kennt, weiß genau, wo damals der Fotograf zwischen Frasdorf und Achenmühle stand. Rucker wusste auch noch zu berichten, dass sein Vater beim Volkssturm beim Bau von Panzersperren mithelfen musste. Als dieser den Sinn dieser Aktion – die Amis standen ja schon kurz vor Frasdorf – in Frage stellte, sei er der Wehrzersetzung bezichtigt worden, aber mit viel Glück davon gekommen.

Gerti Wächter, Jahrgang 1935, meldete sich aus dem Publikum zu Wort. Keiner habe Englisch gekonnt, aber mit Händen und Füßen habe man sich verständigen können. Drei Finger standen für drei Kinder. „Der hatte wohl drei Kinder,“ das habe er stets angedeutet und sie selbst waren damals ja auch drei Kinder. Dass es noch so viel mehr zu berichten gebe, zeigte sich beim Hinausgehen, als sich viele der zahlreichen Besucher an ihre Kinderjahre nach dem Krieg erinnerten. Eine große Aufgabe, die man schnellstmöglich angehen sollte, solange die Zeitzeugen noch leben. Ein Abend als Ansporn und Mahnung zugleich. Denn 80 Jahre Kriegsende stehen auch für 80 Jahre Freiheit und Frieden.

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