Kiefersfelden – Ein Auto geriet am 30. Dezember auf einem Wanderparkplatz an der Thierseestraße in Brand. Eine Passantin meldete den Vorfall per Notruf. Doch bis die Feuerwehr eintraf, dauerte es. Der Grund: Der Notruf hatte einen Umweg über Tirol genommen. Die OVB-Heimatzeitungen haben Anfang Januar über den Fall berichtet. Doch es war nicht das erste derartige Vorkommnis. Ein Vorfall vom 16. August 2024, der jetzt bekannt wurde, war weitaus dramatischer.
Hilfloser Mann liegt
im Wasser
Dominik Schirmer aus Kiefersfelden ging zusammen mit seiner Frau am Inndamm spazieren, als er auf Höhe des Klärwerks in Richtung Kieferbach eine Person im Wasser liegen sah. Ein halbseitig gelähmter Kiefersfeldener war mit seinem Elektrorollstuhl auf einer Spazierfahrt vom Weg abgekommen und in den Inn gestürzt. Schirmer stieg in den Inn, hielt den Kopf des Ertrinkenden über Wasser und wählte um 16.53 Uhr mit seinem Handy den Notruf. Und dann dauerte es und dauerte. Also rief er um 17.01 Uhr erneut den Notruf, um zu fragen, wann die Einsatzkräfte eintreffen werden. „Der Mann lag die ganze Zeit über im Wasser und ich hielt seinen Kopf. Mir war zu dieser Zeit unverständlich, dass die professionelle Hilfeleistung so lange auf sich warten ließ“, erinnert sich Schirmer. Dabei sei es Sommer gewesen. „Ein derartiger Unfall im Winter wäre sicherlich nicht so glimpflich ausgegangen.“
Um 17.06 Uhr und um 17.09 Uhr wählte er erneut die „112“ und bat mit Nachdruck um Hilfe. Er sei beruhigt worden und ihm wurde wiederholt mitgeteilt, dass die Rettungskräfte unterwegs seien. Um 17.10 Uhr traf die Feuerwehr Kiefersfelden ein. Minuten später dann Rettungswagen und Notarzt aus Kufstein.
Doch warum hat das so lange gedauert? „Das habe ich dann die Feuerwehr gefragt, und der Kommandant war sehr erstaunt“, berichtet Schirmer. Denn die Kieferer Feuerwehr sei gegen 17.06 Uhr erstmals alarmiert worden.
Verwundert darüber, begann Schirmer seine Recherche, und es stellte sich heraus: „Obwohl ich nachweislich im Netz der Telekom Deutschland eingewählt war, wurde ich an die Leitstelle Tirol geroutet. Die Leitstelle Tirol hat meinen Notruf digital erfasst und dann wohl mittels Telefax an die Integrierte Leitstelle (ILS) Rosenheim weitergeleitet.“
Dass es in der Region immer wieder Verzögerungen bei der Abwicklung von Notrufen gibt, bestätigt auch der Kiefersfeldener Feuerwehrkommandant Kilian Hager. „Das ist kein reines Kiefersfeldener Problem. Auch in anderen Gemeinden, die nicht direkt im Grenzgebiet liegen, kommt das vor.“ Die Netzabdeckung sei in großen Teilen des Landkreises schlecht. Teilweise gebe es auch komplette Funklöcher – darunter auch in Wandergebieten.
Hager selbst ist am 16. August nicht bei dem Einsatz dabei gewesen, hat sich die Situation aber von seinem Stellvertreter schildern lassen und die Alarmzeiten geprüft. „Wir waren vier Minuten nach Alarmeingang vor Ort“, so Hager. Warum der Notruf der ILS aber verzögert ankam, sei ihm nicht bekannt.
Christoph Schirmer ließ das Thema nicht los. Nachgefragt bei der Telekom, erklärte man ihm, dass es in Grenzgebieten durchaus vorkommen kann, dass Anrufer, die aus dem Mobilfunknetz anrufen, automatisch in das stärkere Netz eingewählt werden. „Und das war das österreichische. Anders kann ich mir das nicht erklären“, so Schirmer. Dass in Grenzgebieten eine Alarmierung der Rettungskräfte auf beiden Seiten nicht Standard ist, schockiere ihn.
Also wandte sich Schirmer zunächst an die Leitstelle Tirol gGmbH, wo man ihm mitteilte, dass seine Anrufe an die Landesleitzentrale der Polizei Tirol geleitet wurden. Auf Nachfrage des OVB teilte die österreichische Behörde mit, dass Polizeinotrufe in Österreich zentral in Wien gesteuert werden. „Zu einem Notrufüberlauf aus Deutschland kommt es aber eher selten. Aus der Erfahrung heraus gesprochen, sind es Einzelfälle“, so ein Sprecher der Tiroler Polizei. Wenn es doch passiert, dann werde die Partnerzentrale in Bayern alarmiert. Für den Bereich Westtirol sei dies Kempten, für den Osten Rosenheim. „Das ist ein einheitlicher Vorgang“, so der Polizeisprecher.
Im Fall des Autobrands sei die Verzögerung auf Kommunikationsschwierigkeiten zurückzuführen. „Das war ein Hin und Her. Die ILS hat versucht, uns zu kontaktieren und Hilfe anzufordern.“ Der Notruf von Christoph Schirmer am 16. August sei zwar zunächst bei der Polizei eingegangen und weitergeleitet worden. Die drei weiteren Anrufe, die er getätigt hat, seien aber nicht in Tirol eingegangen, stellt der Polizeisprecher klar. Eine Alarmierung per Fax könne er nicht bestätigen.
Innenministerium veranlasst Messung
Wer landkreisweit den Notruf wählt, wird in der Regel mit der ILS Rosenheim verbunden, die dann Rettungsdienst beziehungsweise Feuerwehr verständigt. Wie die Alarmierungskette abläuft – und ob sie per Fax oder digital erfolgt – war bis Redaktionsschluss vom Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Rosenheim, in dessen Zuständigkeit die ILS liegt, nicht zu erfahren.
Nach dem Autobrand befasste sich auch der Gemeinderat Kiefersfelden mit dem Thema. „Anfang des Jahres haben wir uns diesbezüglich an das bayerische Innenministerium gewandt“, berichtet Bürgermeister Hajo Gruber auf Anfrage. Mit Erfolg: „Demnächst soll am Sportplatz ein Mast aufgestellt werden, der über mehrere Monate die Netzabdeckung prüft“, sagt Gruber.