„Die nasse Strass“: Schiffsleute am Inn

von Redaktion

Der Inn war früher eine wichtige Handelsstraße. Die Schiffszüge brachten wertvolle Güter und vielen Bürgern Reichtum. Über „die nasse Strass“, die sogar Elefanten transportierte, fluchende Schiffsleut und ihre Bedeutung für Wasserburg – wo die St.-Nikolai-Bruderschaft am 17. Oktober Jubiläum feiert.

Wasserburg – Flüsse waren und sind immer noch wichtige Handelsstraßen. Der Inn war über Jahrhunderte hinweg für Bayern und Österreich einer der wichtigsten Verkehrswege. Als Handelsstraße ermöglichte er den Warenaustausch von Tirol bis nach Ungarn. Die Ansiedlungen an seinen Ufern entwickelten sich prächtig und den Bürgern brachte er Wohlstand.

Plätten,
Zillen und Fähren

Plätten und Zillen fuhren auf ihm abwärts, Fähren kreuzten seinen Lauf und mächtige Schiffszüge wurden stromaufwärts gezogen. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war der Inn eine viel befahrene Wasserstraße. Josef Egginger beschreibt dies in seinem Buch „Der Inn – Städte und Landschaften“: „Befördert wurde auf dem Inn fast alles, was beweglich ist: Menschen, Pferde, Rindvieh, Schafe, Geflügel, Steine, Holz, Kalk, Zement, Erz, Salz, Getreide, italienischer und sogenannter Osterwein (Wein aus Ungarn), Tuche, Gewürze, Tabak und vieles mehr. Dreimal wurde an der Länd in Wasserburg ein Elefant ausgeladen.“

Ganze Armeen samt Kanonen und sonstiger Ausrüstung wurden den Fluss hinunter und hinauf bewegt. In den Türkenkriegen entsandte man welsche Truppen, Italiener und Spanier nach Wien, damit sie ausgeruht und frisch in den Kampf gehen konnten. Noch 1809 wurden bayerische Truppen auf dem Inn nach Tirol verschifft, wo sie mit den Franzosen den Aufstand der Tiroler niederschlagen sollten.

Ein besonderes Frachtgut waren die diversen Fürstlichkeiten mit ihrem Hofstaat. Wenn der bayerische Hof eine Flussreise unternahm, fuhr er nicht etwa in München die Isar hinab (auf der Isar konnten nur kleine Schiffe und Flöße fahren), sondern bestieg die Schiffe in Wasserburg am Inn, das deshalb auch „Lände/Hafen Münchens“ genannt wurde. Von Wasserburg fuhr Kurfürst Maximilian im Jahre 1635 mit 24 Schiffen, auf denen zusätzlich zur Mannschaft und Personal noch 314 Pferde, 23 Kutschen und 7 Wagen geladen waren, zur Hochzeit mit Maria Anna, der Tochter Kaiser Ferdinands II., nach Wien. 1765 wurde der Leichnam von Franz I. Stephan, des Gemahls der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, von Innsbruck über Wasserburg nach Wien geführt, nachdem dieser überraschend in Innsbruck gestorben war.

Die Schiffsmeister waren dabei tatkräftige Organisatoren. Wer über Jahre sein Geschäft mit dem nötigen Weitblick und entsprechender Autorität führte, der kam zu Reichtum und Ansehen. Die bekanntesten Schiffsmeister aus Wasserburg waren Georg Buchauer, Peter Breitenacher und Johann Näbauer. Aber der mit den größten Ehren, der von Wasserburg losfuhr, war ein Rosenheimer: Johann Rieder, 1633 bis 1715. Er war der Erste Leib- und Hofschiffsmeister der bayerischen Kurfürsten aus München. Von Wasserburg aus hat Rieder die kurfürstliche Familie mehrmals wohlbehalten nach Wien und wieder zurück gebracht. So hat Rieder auch 1683, im Türkenkrieg, Soldaten mit deren Kriegsmaterial nach Wien geführt.

Auch die Handwerker und Kaufleute hatten durch die Innschifffahrt ihr gutes Aus- und Einkommen. Der Bedarf an Schiffen war groß, das Schoppergewerbe (Schiffbauer) stand in hoher Blüte. Die lokalen Schopper konnten den Bedarf nicht allein decken. Noch 1862 wurden über 600 Plätten von Tirol nach Bayern ausgeführt. Für ihre Hofreisen ließen sich die Fürsten aus München eigene Leibschiffe bauen. Die Wasserburger Handwerker erhielten den Auftrag, diese mit allem Prunk auszustatten. Außerdem hatte Wasserburg, wie auch einige andere Innstädte, das Stapelrecht. Die Stadt konnte von durchziehenden Kaufleuten verlangen, dass sie für einen bestimmten Zeitraum ihre Waren am Marienplatz abluden, „stapelten“ und anboten.

Der Ruf der Schiffsleute war allerdings nicht der beste. Übermäßiges Fluchen und Geschrei hielten sich an der Tagesordnung. In Reiseberichten heißt es: „…die Schiffleute (…) dem Trunke ergeben und alsdann unvorsichtig und tollkühn“ oder „vollgesoffen und nit mehr farn kunten und ganz voll bezecht darniedergelegen seien“. Der Agrarpolitiker Josef Ritter von Hazzi schrieb dazu im Jahre 1801: „Im Sommer gehen die Nußdorfer Männer, wohlerfahrene Schiffleute, auf das Wasser, kehren im Spätherbst mit viel Geld heim, das sie im Winter vertrinken und verspielen.“ Grundsätzlich war die Arbeit der Schiffleute schwierig, verlangte Mut und Ausdauer. Unfälle forderten zahlreiche Opfer unter den Schiffleuten und besonders unter den Schiffsreitern.

Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes begann dann der Niedergang der Innschifffahrt. Für 1854 ist noch ein mächtiger Schiffszug nachgewiesen. Peter Breitenacher aus Wasserburg stellte einen letzten Schiffszug zusammen. Dieser wurde von 70 Rössern gezogen.

Die Schifffahrt versuchte zunächst auch, die traditionellen Plätten und Schiffszüge mit der Dampfmaschine zu mechanisieren. 1854 fuhr so das erste dampfbetriebene Eisenschiff mit dem Namen „Vorwärts“ von Passau nach Rosenheim. Die Begeisterung an den Flussufern und Länden war groß. Überall bestaunte man das neue Wunderschiff und winkte den Passagieren freudig zu. Doch die Freude währte nicht lange. Der noch unregulierte Inn war für diesen neuen Schiffstyp mit viel Tiefgang viel zu unberechenbar und unzuverlässig. So wurde der Personenverkehr auf dem Inn bereits 1858 wieder eingestellt. Danach kam der Handel auf dem Inn fast vollständig zum Erliegen.

Inn-Schifffahrt
am Ende

Plätten und Flöße mit Holz, Kalk und Zement fuhren noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts innabwärts von Tirol bis Wasserburg, Passau und Wien. Schiffszüge stromaufwärts gab es aber nicht mehr. Am Ziel wurden die Plätten von „Plättenschindern“ als Bauholz aufgekauft. Der Bau des ersten Inn-Kraftwerks in Töging bedeutete auch für diesen bescheidenen Rest der einst so stolzen Inn-Schifffahrt das Aus.

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