von Redaktion

Markus C. Müller wuchs in Rosenheim auf und startete dann als Top-Manager durch. Doch auf dem Höhepunkt seiner internationalen Karriere änderte ein Erlebnis alles. Dem OVB erzählt er nun seine bewegende Geschichte, bevor er mit seinem Buch am heutigen Freitag nach Bad Aibling kommt.

Bad Aibling – Für Markus C. Müller ging es in seiner Karriere stets steil bergauf. Der 52-Jährige, der in seiner Kindheit und Jugend in Rosenheim aufwuchs, blickt auf viele Jahre als internationaler Top-Manager zurück. Doch mitten im Strudel des erfolgreichen Berufsbusiness machte er eine erkenntnisreiche Entdeckung, die sein Leben von heute auf morgen schlagartig auf den Kopf stellte. Er schmiss seinen Job hin und ließ sich später als Sterbebegleiter ausbilden. Bevor er diese und weitere Erfahrungen, festgehalten in seinem Buch „Im Angesicht des Lebens“, bei den Literaturtagen in Bad Aibling am heutigen Freitagabend vorstellt, hat er mit dem OVB über seinen außergewöhnlichen Werdegang gesprochen.

Lebenszeit ist eine
limitierte Ressource

„Es war nicht so, dass mir mein alter Job keinen Spaß gemacht hat“, erzählt Müller gegenüber dem OVB. Entscheidungen treffen, unternehmerisch arbeiten – Dinge, die ihm immer lagen. Doch zwischen etlichen Flügen rund um die Welt, zwischen Meetings und der Verantwortung für Tausende Mitarbeiter verlor er viele Dinge abseits seiner Tätigkeit aus den Augen.

Er war gerade Europa-Chef vom kanadischen Softwareunternehmen BlackBerry, als ihm im Jahr 2015 in einer Flughafenbuchhandlung der Band „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ von Bronnie Ware in die Hände fiel. „Das war der letzte Funke, der zum Feuer, sprich zur Kündigung, geführt hat“, sagt Müller, der schon in den Jahren zuvor eine innerliche Zerrissenheit verspürt hatte.

Eine Zerrissenheit zwischen zwei Persönlichkeiten. Dem „Business-Markus“ auf der einen Seite, dem privaten Markus auf der anderen, der Werte – auch emotionaler und spiritueller Art – vertrat, die er in seinem Job nicht ausleben konnte. „Mein Problem war: Ich habe diese beiden Persönlichkeiten nie zusammengebracht.“ Die Versäumnisse, die Müller dann beim Durchblättern des Buches am Flughafen las, berührten ihn zutiefst. Er erkannte, dass auch er vieles auf seinem Sterbebett bereuen würde, sollte er an seinem Leben nichts ändern. „Ich habe dann im Flugzeug meine Kündigung geschrieben“, erinnert sich Müller.

Noch im Flugzeug die
Kündigung geschrieben

Für ihn war ab diesem Tag klar, dass er eine dieser Persönlichkeiten loslassen musste, um der anderen wieder Raum zu geben. „Natürlich hat mein Umfeld auch verdutzt auf diesen harten Cut reagiert, weil es niemand verstanden hat“, sagt der 52-Jährige. Und klar ist, dass der in München lebende Müller damals als scheidender Top-Manager finanziell bestens abgesichert war, was für die folgenschwere Entscheidung freilich eine Rolle spielte. Doch Müller, der mit seiner Geschichte auch andere inspirieren möchte, sagt dazu: „Es geht ja nicht darum, dass jeder gleich seinen Job kündigen muss. Man kann Veränderungen auch in kleinen Schritten herbeiführen.“

Etwa eine Beförderung aus Rücksicht auf die Familie ablehnen oder beruflich in eine Branche wechseln, die einem sinnstiftender erscheint. „Es braucht also nicht für jeden dieser Schritte ein großes finanzielles Polster“, so Müller. Doch auch er gibt zu, dass seiner Kündigung zunächst harte Jahre voller Zweifel folgten. Er ließ sich jedoch von der Suche nach einer neuen Aufgabe, „bei der ich nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen dabei bin“, nicht abbringen. Und letztlich wurde er in einem völlig neuen Bereich fündig.

„Ich selbst hatte das Thema Sterbebegleitung nie auf dem Schirm“, sagt Müller, dessen Eltern früher im Hospizverein Rosenheim engagiert waren. Er wurde über einen Artikel mit Sterbebegleitung konfrontiert und merkte schnell, wie emotional er darauf reagierte.

Die Beschäftigung mit der Endlichkeit des Lebens öffnete ihm schließlich die Augen. „Wir leben nicht im ‚Immer‘, und das führt dazu, dass man die Zeit, die noch übrig bleibt, als limitierte Ressource sieht.“ Alles, was limitiert ist, sei laut Müller auch mehr wert.

Diese Sichtweise, die er aus dem Thema Sterbebegleitung mitnahm, eröffnete ihm eine völlig neue Perspektive aufs Leben. „Dann stellt man sich eben idealerweise die Frage: Wie möchte ich mein Leben leben, welche Werte und Qualitäten sind mir wichtig?“ Und Müller fokussierte sich nach und nach auf die entscheidende, symbolische Frage: Wie muss ich mein Leben gestalten, damit ich auf dem Sterbebett zufrieden zurückblicke und in Frieden gehen kann?

Der Gedanke änderte alles. Er absolvierte eine Ausbildung zum Hospizbegleiter in München und war anschließend als ehrenamtlicher Sterbebegleiter aktiv. In den vergangenen zehn Jahren begleitete er viele Sterbende. „Und da ist wirklich jede Begegnung besonders“, versichert Müller. Zudem erlerne man bei der Tätigkeit das Reflektieren über die eigene Endlichkeit, was sich für jeden Menschen lohne. Die jahrelange Arbeit mit Sterbenden führte auch dazu, dass Müller zahlreichen pflegenden Angehörigen begegnete. „Diese haben mir oft ihre unglaubliche Geschichte erzählt und darüber gesprochen, dass die Situation häufig zu einer großen Überforderung führt.“

Auf der beschwerlichen Suche nach strukturierten digitalen Hilfen für Angehörige stieß Müller schließlich auf den Aspekt, der mittlerweile einen großen Teil seines Lebens ausfüllt – und der ihn persönlich erfüllt: die Vision eines niederschwelligen Angebots, eines digitalen Begleiters für Angehörige.

Und so wurde Müller zum Mitgründer von Nui Care, einer App, über die Angehörige Hilfe bei der digitalen Antragstellung, bei der Schritt-für-Schritt-Begleitung oder der individuellen Pflegeplanung erhalten. Und CEO Müller hat damit etwas Sinnvolles für sich gefunden, das sein Leben ausgeglichener und zufriedener macht, sagt er.

Der eigenen
Endlichkeit bewusst

All die Schritte der Veränderung, die Müller gegangen ist, machen ihn nach eigener Aussage heute zu einem glücklicheren Menschen. Und mit seiner Geschichte will er andere Menschen inspirieren, mit ihrem eigenen Weg eine Veränderung in ihrem Leben anzustreben. „Weil ich der Meinung bin, dass man versuchen sollte, alle Elemente, die einem wichtig sind, in sein Leben zu integrieren.“

Als früherer Top-Manager widmete er 98 Prozent seiner Zeit dem Job. Heute sei das anders. Heute mache er regelmäßig einen „Check“, ob seine festgelegten persönlichen Themen, etwa die Hospizarbeit, das Reisen, das Pflegen sozialer Beziehungen und die Liebe, genügend Platz in seinem Alltag finden. Dies erfordere ein ständiges Reflektieren. Dabei helfe stets das Bild des eigenen Sterbebettes.

Vom Top-Manager zum Sterbebegleiter

Auftritt bei den Literaturtagen Bad Aibling

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