Neubeuern – Der Montagnachmittag im Norden Neubeuerns war kein gewöhnlicher. Kurz nach Mittag muss es gewesen sein, als dort plötzlich ein Großaufgebot an Polizisten auftauchte. „Das ging alles ganz schnell, auf einmal war nur noch Polizei vor meinem Fenster zu sehen“, sagt eine Anwohnerin am Telefon, die lieber anonym bleiben möchte. Weder Sirenen noch andere laute Geräusche hätten den großen Einsatz angekündigt, sagt die Frau ein paar Stunden später.
Auffällig sei aber gewesen, dass einige Polizisten schwer bewaffnet vor ihrem Balkon herumgelaufen seien. Ganze Straßenabschnitte waren abgesperrt. „Wir konnten nicht aus unserer Straße herausfahren“, sagt die Frau. Was sich da an ihrem Nachbarhaus abspielte, habe aber niemand wirklich gewusst. „Es gab keine Hektik oder die ganz große Aufregung“, erzählt die Anwohnerin. Ihr Mann habe daher darauf getippt, dass es sich um eine Razzia handeln könnte.
Was hinter dem Einsatz steckt, weiß Stefan Sonntag, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd. In einer Pressemitteilung teilt er mit, dass es darum ging, einen Tatverdächtigen in einem Wohnhaus festzunehmen. „Dabei handelt es sich um einen 38-Jährigen aus dem Raum Ingolstadt“, sagt Sonntag. Er soll seine Mutter, die in Neubeuern lebt, mehrfach bedroht haben – auch mit dem Tod. So habe der Mann ihr unter anderem auch ein Messer an den Hals gehalten.
Als es der Frau zu viel wurde, habe sie ihren Sohn bei der Polizei in Ingolstadt angezeigt. Die Beamten dort hätten dann die Informationen ans Polizeipräsidium Oberbayern Süd weitergegeben. Unter anderem mit der Polizeiinspektion Brannenburg sei am Montagmorgen überlegt worden, wie man weiter am besten vorgeht. „Die naheliegendste Option war, den Mann festzunehmen, bevor weitere Zeit verstreicht und er womöglich seiner Mutter tatsächlich etwas antut“, sagt Sonntag.
Zumal es Hinweise darauf gab, dass sich der 38-Jährige gerade in Neubeuern aufhält. „Aufgrund dieser Lagebewertung haben wir uns dazu entschlossen, den Einsatz am Montag geplant und ruhig durchzuführen“, sagt auch Fabian Bernhardt, stellvertretender Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Brannenburg. Man habe genau gewusst, worum es geht und habe sich entsprechend darauf vorbereiten können, sagt Bernhardt. Er sagt aber auch: „An dem Einsatzort hatten wir in der Vergangenheit bislang keinerlei Einsätze.“
Dennoch wussten die Beamten zum Beispiel auch, dass der Mann aus Ingolstadt in dem Haus seiner Mutter womöglich zu Messern oder sogar zu einer Schusswaffe greifen könnte. Das habe der Mann selbst einmal geäußert, sagt Stefan Sonntag. Aus diesem Grund seien auch spezielle Einsatzkräfte der Verhandlungsgruppe und des Spezialeinsatzkommandos Südbayern (SEK) mit nach Neubeuern gefahren.
Das sei inzwischen Standard, sagt Stefan Sonntag. „Wenn ein gewisses Gefährdungspotenzial auch für die Einsatzkräfte anzunehmen ist, wenn Messer, Schusswaffen oder dergleichen im Spiel sind oder im Raum stehen, dann holen wir unsere Profis vom SEK dazu, weil die speziell für solche Einsätze ausgebildet sind und das ständig trainieren“, erklärt der Polizist. Für die Bevölkerung habe aber zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr bestanden. „Eine Gefährdung Unbeteiligter stand zur Zeit des Einsatzes nicht im Raum“, sagt Fabian Bernhardt. Zumal der Einsatz sehr gut abgelaufen sei. Nachdem sich das SEK Zutritt zum Haus der Mutter verschafft hatte, wurde der 38-Jährige in Gewahrsam genommen. „Dabei wurde niemand verletzt, das ist immer das Wichtigste“, betont Pressesprecher Stefan Sonntag. Mittlerweile wurde der Mann wegen einer Eigen- und Fremdgefähdung in eine Fachklinik eingewiesen. Die Polizei in Brannenburg ermittelt nun gegen den Mann aus Ingolstadt wegen des Vorwurfs der Bedrohung.
In Neubeuern ist inzwischen wieder Ruhe eingekehrt, bestätigt die Anwohnerin. Vergessen wird sie diesen Montagnachmittag wohl aber trotzdem nicht so schnell.Julian Baumeister