Vogtareuth/Ampfing – Die Auflösung der sogenannten Jerwa-Station (Junge Erwachsene mit Behinderungen) der Schön-Klinik in Vogtareuth trifft Familien mit schwer- und mehrfach behinderten Angehörigen mitten ins Herz. Patientinnen und Patienten verlieren eine spezialisierte medizinische Anlaufstelle, die über Jahre hinweg individuelle, interdisziplinäre Versorgung geboten hat. Was bleibt, ist Unsicherheit – und das Gefühl, von Politik und Verantwortlichen alleingelassen zu werden.
Besonders deutlich wird das am Beispiel von Moritz Greimel aus Ampfing. Der junge Mann ist auf den Rollstuhl angewiesen, kann seine Hände nur eingeschränkt nutzen. Er kann nicht sprechen. Doch er ist hochintelligent. Moritz liebt Mathematik, begeistert sich für Musik und bringt sich viele Inhalte selbst bei – unter anderem über YouTube. Lesen lernte er mithilfe einer engagierten Nachbarin, nachdem lange unklar geblieben war, warum ihm dies so schwerfiel.
Moritz kommuniziert
mit der rechten Hand
Heute nutzt er seine rechte Hand, um zu kommunizieren. Er deutet auf einzelne Buchstaben, um Wörter und Sätze zu formulieren. Seine Eltern scheinen seine Gedanken lesen zu können, wenn sie ihm als Übersetzer zur Seite stehen. So erfährt man zum Beispiel, dass der 20-Jährige begeisterter Trachtler ist. Er ist Mitglied beim Trachtenverein Almröserl in Oberneukirchen und bei den Isentalern in Ampfing. Er liebt Blasmusik, durfte sogar schon auf dem Oktoberfest in München beim Neumarkter Musemoaster Sepp Eibelsgruber auf der Bühne stehen und dirigieren.
Gleichzeitig hat Moritz besondere medizinische und psychische Bedürfnisse. In Belastungssituationen fällt er emotional in frühkindliche Muster zurück. „Das ist der Fall, wenn es Abend wird“, berichtet seine Mutter Beate. Dann braucht ihr Sohn Struktur, Sicherheit und vertraute Bezugspersonen. „Genau hier lag die große Stärke der Jerwa-Klinik“, ergänzt sein Vater Rainer.
Die Jerwa-Station in Vogtareuth arbeitete interdisziplinär – ähnlich einer Universitätsklinik. Neurologie, Orthopädie, Schmerztherapie, Physio- und Ergotherapie, Hilfsmittelversorgung und Pflege griffen ineinander. Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen, nicht nebeneinanderher. Für die Familien bedeutete das kurze Wege, abgestimmte Therapien, erzählen seine Eltern Rainer und Beate. „Und vor allem Vertrauen, das sich über die vielen Jahre aufgebaut hat“, ergänzt Rainer Greimel.
„Unsere Ärztin kannte Moritz wirklich“, sagt der Vater. „Sie wusste, wie er reagiert, was ihn stresst, was ihm guttut. Dieses Wissen kann man nicht einfach übertragen.“ Besonders die Oberärztin habe über Jahre hinweg enormes Fachwissen im Umgang mit komplexen Behinderungsbildern aufgebaut – Wissen, das nun verloren gehe. Denn mit der offiziellen Schließung der Abteilung in Vogtareuth zerfällt dieses Team. Ärzte mit jahrelanger Erfahrung müssen gehen, einige schweigen aus Angst um ihre berufliche Zukunft.
Seit Bekanntwerden der Schließung suchen betroffene Familien nach Anschlusslösungen. Doch das ist schwierig. Die Fachzentren sind in ganz Bayern verstreut. Konkrete Angebote? Fehlanzeige. Deshalb nutzte die Familie Greimel auch die Sendung „Jetzt red i“ Mitte November in Mühldorf, um einen Hilferuf abzusetzen. Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach versprach, sich darum zu kümmern. „Innerhalb von 14 Tagen!“, berichtet Beate Greimel, „wollte sich ihr Büro melden und Empfehlungen für Anschlussversorgungen geben.“ Doch mittlerweile sind vier Wochen ins Land gezogen, gehört haben die Greimels bislang nichts. E-Mails blieben unbeantwortet, Visitenkarten aus dem Ministerium ohne Rückmeldung. Hoffnung machte kurzzeitig die Zusage, man werde sich erneut melden – doch bis heute fehlt eine konkrete Perspektive.
Offiziell werden die Schließungen in Vogtareuth mit wirtschaftlichen Ursachen begründet. Abteilungen hätten „zu wenig Gewinn“ erwirtschaftet. Die Greimels kritisieren die Privatisierung des Klinikbetriebs: Lukrative Bereiche seien ausgelagert worden, während spezialisierte, aber kostenintensive Angebote nun wegfielen. „Gesundheit lässt sich nicht nur nach Gewinn berechnen“, regt sich Moritz’ Vater auf. „Gerade Menschen mit Behinderung brauchen Strukturen, die vielleicht nicht rentabel, aber notwendig sind.“
Als mögliche Alternative nennen die Greimels ein Medizinisches Zentrum für Erwachsene mit Behinderungen (MZEB). Doch dieses arbeite ausschließlich ambulant. Was der Ampfinger Familie fehlt, ist eine stationäre Anlaufstelle, in der Diagnostik, Therapie und Pflege gebündelt stattfinden können.
Für Menschen wie Moritz sind häufige Arztwechsel, lange Wartezeiten und fremde Umgebungen kaum zu bewältigen, erklären seine Eltern. Ein Beispiel: Für ein MRT ist oft eine Narkose nötig. Dafür braucht es spezialisierte Fachärzte, Erfahrung mit Menschen mit Behinderung und ein Umfeld, das Sicherheit gibt. In der Jerwa-Station sei all das vorhanden gewesen. Nun müssten die Familien weite Wege auf sich nehmen, Termine koordinieren, mehrfach erklären – und doch immer wieder bei null anfangen.
Die größte Sorge der Eltern ist die Zukunft. Was passiert bei einer akuten Verschlechterung? Wohin sollen sie sich wenden, wenn mehrere medizinische Baustellen gleichzeitig auftreten? „Früher wussten wir: Da ist jemand, der uns kennt“, sagt der Vater. „Jetzt wissen wir nicht einmal, wer zuständig ist.“ Gespräche mit Entscheidungsträgern, auch mit dem Landrat und dem Bürgermeister bei „Jetzt red i“, hätten stattgefunden. Es wurde über mögliche Räume und neue Konzepte gesprochen. Doch eine konkrete Lösung für die ehemaligen Jerwa-Patienten gibt es nicht. Niemand weiß, wie es im neuen Jahr weitergeht.
Also fragen die OVB-Heimatzeitungen direkt beim bayerischen Gesundheitsministerium nach. Ein Ministeriumssprecher bestätigt, dass sich Familie Greimel an die Gesundheitsministerin gewandt hat. Nur so viel teilt das Ministerium dazu mit: „Eine Antwort zu dem konkreten Fall ist derzeit in Abstimmung und wird so bald wie möglich zugestellt.“
Für die Familie
heißt es abwarten
Laut Ministeriumssprecher liefen im Hintergrund in den vergangenen Wochen Gespräche auch zwischen der Krankenhausplanungsbehörde und den Schön-Kliniken. Dabei habe das Gesundheitsministerium zu Lösungsmöglichkeiten beraten. Die Schön-Kliniken hätten in dem Gespräch erneut zugesichert, Patienten der Jerwa-Station aktiv bei der Suche nach geeigneten künftigen Anschlussbehandlungsmöglichkeiten zu unterstützen. „Sie wurden in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf das Anliegen der Familie Greimel hingewiesen“, so der Sprecher.
Nichts Konkretes also. Abwarten heißt die Devise. Für Moritz ist die aktuelle Lösung akzeptabel – noch. Er ist in der Stiftung Ecksberg untergebracht, wo er in der Förderstätte einen Platz bekommen hat, in der er sich wohlfühlt. Doch seine Eltern wissen: Das kann sich jederzeit ändern. Und dann?