Versorgungskrise spitzt sich zu

von Redaktion

Nach Schließung der Jerwa-Station finden Menschen mit Behinderung keine Anschlussbehandlung

Vogtareuth – Trotz aller Proteste wurde die „Jerwa“-Station der Schön-Klinik Vogtareuth geschlossen. Für erwachsene Menschen mit schweren Behinderungen entsteht eine Versorgungslücke mit dramatischen Folgen für Betroffene und ihre Familien.

Für junge Erwachsene mit schweren, mehrfachen und komplexen Behinderungen war 2025 kein gutes Jahr. Am 23. September verkündete die Schön-Klinik Vogtareuth die Schließung von sechs Abteilungen, darunter die Station für junge Erwachsene mit neurologischen-neuropädiatrischen Erkrankungen und ihren Folgen (Jerwa). Mit dieser deutschlandweit einzigartigen Abteilung hatte die Schön-Klinik eine Versorgungslücke geschlossen. Denn während die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit neurologischen Erkrankungen deutschlandweit gut aufgestellt ist, gab es für sie mit Erreichen des 18. Lebensjahres keine bedürfnisgerechte stationäre Versorgung mehr. Außer in Vogtareuth.

Keine Reaktion auf
Proteste und Petitionen

Doch nun ist das Aus der Jerwa endgültig besiegelt. Trotz aller Proteste der jungen Menschen mit Behinderungen und ihrer Familien. Trotz der vielen bewegenden Schicksale, die erzählt wurden. Trotz des Engagements der Mitarbeitenden und der Aufklärung auf der Seite „Jerwa muss bleiben“. Trotz der Online-Petition zum Erhalt der Jerwa-Station, die von mehr als 30.000 Menschen unterstützt und beim Bayerischen Landtag eingereicht wurde. Trotz der Bittbriefe, die an die Geschäftsführung der Schön-Klinik, an Landrat Otto Lederer und an das Bayerische Gesundheitsministerium gesandt wurden.

Ende der Jerwa ist
ein existenzzielles Porblem

Für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen ist das Ende der Jerwa ein existenzielles Problem. „Jerwa war eine der wenigen Anlaufstellen für erwachsene Menschen mit schweren, mehrfachen und hochkomplexen Behinderungen. Für viele von ihnen gibt es andernorts keine Aufnahme, keine passenden Versorgungsangebote“, macht Elke Fischer-Wagemann deutlich. Sie ist Mutter eines jungen Erwachsenen mit Behinderung und Initiatorin der Petition. Rückblickend sagt sie: „Es war beeindruckend zu sehen, was möglich wird, wenn Menschen gemeinsam handeln: Eltern und Angehörige, Mitarbeitende der Station, Selbstbetroffene.“

Innerhalb kürzester Zeit war eine breite, solidarische Bewegung entstanden. Ates Gürpinar, Bundestagsabgeordneter der Partei Die Linke, war einer der ersten, der das Thema aufgriff und bis in den Bundestag trug. „Andere politische Akteure kamen deutlich später oder blieben weitgehend in der Beobachterrolle“, sagt Elke Fischer-Wagemann.

Suche nach einer
alternativen Lösung

Auch Landrat Otto Lederer (CSU) wurde aktiv. Wie er dem OVB versicherte, frage er alle zwei Wochen im Gesundheitsministerium nach, ob sich endlich eine Nachfolge-Lösung gefunden habe. Ein anderer Krankenhausträger etwa, der das Behandlungsangebot der Jerwa adäquat übernehmen könnte? Doch vergeblich. Bis November gab es keine Verhandlungsergebnisse. Und auch im Dezember antwortete das Ministerium auf eine erneute OVB-Anfrage, dass sich noch immer kein neuer Träger gefunden habe.

Immer wieder wurde in den vergangenen Monaten aber auch klar, dass es zur Jerwa unterschiedliche Zahlen und Fakten gibt. So erklärte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums am 12. Dezember auf OVB-Anfrage: „Bei der Jerwa-Station handelt es sich um eine Station mit lediglich fünf Betten, die in den vergangenen Jahren nur von einer relativ geringen Zahl von Patientinnen und Patienten in Anspruch genommen wurde. Dies macht ein kostendeckendes Wirtschaften schwierig.“

Nach Informationen der Jerwa-Leitung hatte die Jerwa aber zehn Betten und die Nachfrage war so groß, dass die Patienten mehr als sechs Monate auf eine Behandlung warten mussten. 2025 wurden auf der Jerwa-Station 147 Patienten aus ganz Deutschland behandelt.

Auch als „Geschäftsmodell“ scheint die ganzheitliche stationäre Behandlung von Erwachsenen mit Mehrfachbehinderung kostendeckend zu sein. Sie wird über Fallpauschalen und Sondervergütungen für die spezialisierte und spezifische stationäre Versorgung von Menschen mit Behinderungen finanziert, wie die verantwortlichen Mediziner schon im Juni 2025 in einem Gastbeitrag in der „ÄrzteZeitung“ erläuterten.

Die 2025er-Erlös-Bilanz von mehr als einer Million Euro lag nach internen Angaben, die dem OVB vorliegen, über der Planungsvorgabe der Schön-Klinik Vogtareuth. Trotzdem blieb die Schön-Klinik-Gruppe bis zuletzt bei ihrer Aussage, dass „kein Krankenhaus in Deutschland eine Abteilung mit derart komplexen medizinischen Anforderungen sinnvoll betreiben könne, wenn die Nachfrage geeigneter Patienten fehle“.

„Das Team der Jerwa hat inklusive Medizin gelebt“, betont Elke Fischer-Wagemann. Auf der Station seien überwiegend akutstationäre Patienten behandelt worden. Trotzdem behauptete die Klinik-Leitung, dass „ein Großteil der dort behandelten Fälle keine akutstationäre Versorgung erforderte“. Dieser Einschätzung scheint sich das Gesundheitsministerium anzuschließen: „Nach Erkenntnissen des Medizinischen Dienstes Bayern und der Krankenkassen liegt der Fokus der Versorgung der Jerwa-Patienten nicht primär auf akutstationären Behandlungen, sondern vielmehr im Bereich der rehabilitativen Versorgung.“

Folglich kämen für die Bereitstellung eines der Jerwa-Station ähnlichen Angebots grundsätzlich eher Rehabilitationseinrichtungen mit neurologischem Schwerpunkt für eine Weiterversorgung der Patientinnen und Patienten infrage. „Der Medizinische Dienst Bayern und die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern (ARGE) prüfen derzeit in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium, ob und gegebenenfalls an welchen Rehabilitationseinrichtungen mit neurologischem Schwerpunkt ein entsprechendes Angebot etabliert werden kann“, informiert eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums.

Hochspezialisierte
medizinische Betreuung

Doch bieten Reha-Kliniken die erforderlichen ganzheitlichen Behandlungsmethoden für Menschen mit schwerstmehrfachen Behinderungen? „Sie brauchen eine hochspezialisierte medizinische Betreuung“, betont Elke Fischer-Wagemann. Doch was hochkomplex sei, werde von außen – auch politisch – allzu oft unterschätzt. „Klassische Rehabilitationsmodelle greifen hier nicht“, so Fischer-Wagemann. Dass diese Arbeit häufig formal als „Reha-Maßnahme“ geführt worden sei, sei Ausdruck eines strukturellen Problems: „Inklusive Medizin ist in unserem Gesundheitssystem bis heute nicht ausreichend verankert.“

Spezielle Angebote
gehören nicht zur „Pflicht“

Die Pflicht zur Sicherstellung der stationären medizinischen Versorgung aller Menschen liegt bei den Landkreisen und kreisfreien Städten. „Allerdings erstreckt sich diese Pflicht nicht automatisch auf derart spezielle Angebote wie die Abteilung für junge Erwachsene mit neurologischen und neuropädiatrischen Erkrankungen (Jerwa)“, stellt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums klar.

„Zum Jahresende wurde auf der Jerwa-Station Abschied gefeiert“, berichtet Elke Fischer-Wagemann. „Es flossen Tränen, denn zwischen Angehörigen, Betroffenen und Mitarbeitenden ist über die Jahre eine tiefe Verbundenheit entstanden.“ Die Schön-Klinik hat zugesichert, Patienten der Jerwa-Station aktiv bei der Suche nach geeigneten Anschlussbehandlungsmöglichkeiten zu unterstützen. Das Gesundheitsministerium habe die Geschäftsführung bereits mehrfach an diese Zusage erinnert und werde weiter darauf dringen, dass diese auch eingehalten wird, informiert eine Sprecherin. Sie betont: „Betroffene können sich im Falle einer ausbleibenden Unterstützung an uns wenden.“

Leeres Versprechen und
erste Ablehnungen

„Dieses Versprechen wurde nicht eingelöst“, weiß Elke-Fischer-Wagemann als betroffene Mutter. Niemand weiß, wie es im neuen Jahr weitergeht. Ohne die „Jerwa“ wird sich der Versorgungsnotstand für Menschen mit Behinderung weiter verschärfen, denn Hausärzte und Normalstationen sind mit ihrer adäquaten medizinischen Versorgung überfordert und lehnen sie deshalb oft ab. „Angehörige haben sich selbst um Anschlussbehandlungsmöglichkeiten bemüht“, berichtet Elke-Fischer-Wagemann. „Entweder sind diese nicht vorhanden. Oder aber Kliniken haben Ablehnungen ausgesprochen.“ Sie kämpft weiter, fordert „ein klares Bekenntnis aller Verantwortlichen zur inklusiven Eingliederung und adäquaten medizinischen Versorgung von schwerst- und mehrfachbehinderten erwachsenen Menschen“. Dafür will sie auch 2026 Gesundheitsministerin Judith Gerlach, den Landtag, den Behindertenbeauftragten des Freistaates, Landrat Otto Lederer und alle gesundheitspolitischen Akteure in die Verantwortung nehmen.

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