Ehrenkapellmeister und Ehrenbürger

von Redaktion

Sebastian Baumann übergibt Dirigentenstab der Blaskapelle Oberaudorf an Jakob Schmid

Oberaudorf – Eigentlich fängt alles so an wie immer: Nach der schier endlosen Einmarsch-Parade der Musiker springt Kapellmeister Sebastian Baumann mit Elan auf die Bühne und eröffnet das Konzert mit dem Marsch der Finnländischen Reiterei „Im Dreißigjährigen Krieg“ (Anonym), der mit einem fulminanten Paukenwirbel beginnt. Danach erklärt wie gewohnt Annelies Baumann das Stück. Dann geht alles ganz schnell: Sebastian Baumann übergibt den Dirigentenstab an den neuen Dirigenten Jakob Schmid, packt seine Tuba und reiht sich zu seinen Kollegen im tiefen Blech ein – kein Trommelwirbel oder Feuerwerk, wie man es erwartet hätte bei einem so wichtigen Ereignis.

Römer und Feuerwehrler
auf Bühne gebracht

Wenn der Titel Kapellmeister passt, dann für Sebastian Baumann, der nicht nur durch seine meisterlichen Interpretationen zeitgenössischer und klassischer Musik hervorstach, sondern auch für die Shows, die das Oberaudorfer Dreikönigskonzert jahrelang bereicherten. Er ließ Römer einmarschieren und inszenierte einen Feuerwehreinsatz. Unvergessen bleibt die große böhmische Hochzeit, die 2025 in der Turnhalle gefeiert wurde. Aber einen Trommelwirbel für sich selbst, so was mag er gar nicht.

Die Ansage übernimmt Maria Fürbeck, Tochter von Anneliese Baumann, die über 30 Jahre mit viel Herz und Charme als Sprecherin durch das Programm geführt hat. Zum Abschied leistet sie sich noch einen kleinen liebenswerten Versprecher, drückt das Mikrofon ihrer Tochter Maria in die Hand und verschwindet lachend im Publikum.

Große Fußstapfen, in die Baumanns junger Nachfolger Jakob Schmid treten darf und sicher kann, denn der ist festival- und bühnenfest und stellt es sofort unter Beweis. Nichts Geringeres als die „Wiener Philharmoniker Fanfare“ von Richard Strauß wird angestimmt, da herrscht gleich Neujahrskonzertstimmung in der Oberaudorfer Turnhalle. Die neue Ansagerin Maria Fürbeck tut es ihrer Mutter gleich und kündigt den Pilgerchor aus der Oper Tannhäuser an. Darunter tun es die Oberaudorfer nicht, weil sie es auch können. Viel tiefes Blech, inklusive Sebastian Baumann zählt die Kapelle sechs Tubisten aus den eigenen Reihen, blitzsaubere Posaunen, die die Hauptmelodie übernehmen und ein junger Dirigent, der auf dem besten Weg ist, Kapellmeister zu werden.

Danach wird’s ländlich, Schauplatz ist die Dorfschmiede, wo es bekanntermaßen immer lustig ist. Schon während Maria Fürbecks Ansage hört man den Amboss klingen, geschlagen von Max Kammerloher, der eigentlich Zimmerer ist, aber auch optisch einen einwandfreien lustigen Dorfschmied abgeben würde. Jakob Schmid gibt ein rasantes Tempo vor, bei dem sowohl der Schmied am Amboss als auch alle anderen Musiker souverän mithalten.

Mittlerweile ist es im Oberaudorfer Musik-Universum der Brauch, dem Jugendorchester die Bühne zu überlassen, das unter der Leitung von Andreas Smettan von Auftritt zu Auftritt besser wird. Einen Marsch, eine Polka im Bierzeltsound und ein modernes Stück haben sie im Gepäck und gleich bekommen manche von ihnen das Musikerabzeichen, verliehen von Kathrin Flory, der stellvertretenden Vorsitzenden des Musikbundes im Bezirk Inn-Chiemgau. Es gibt Silber für Alexander Witschak und Paul Jochriem und insgesamt sechsmal Bronze für die Jungmusikanten. Gleichzeitig werden zwei Musiker geehrt, die gefühlt erst letztes Jahr ihr Leistungsabzeichen absolviert haben:

Wasti Baumann junior (Tuba) und Alois Kammerloher (Tenorhorn) spielen bereits 15 Jahre in der Musikkapelle Oberaudorf und bekommen dafür die Ehrennadel in Bronze. Sehr junge Jubilare! Zu verdanken ist das einem extrem erfolgreichen Ausbildungsmanagement, das die Musikkapellen gemeinsam unterstützen.

Welche Auszeichnungen gibt man einem Sebastian Baumann, der 52 Jahre lang das Oberaudorfer Musikleben maßgeblich geprägt hat, nicht nur in der Musikkapelle, sondern auch in vielen anderen Formationen sämtlicher Stilrichtungen von Jazz bis Schrammelmusik, sowohl als Tubist als auch als Kontrabassist? Da ist eine Ernennung zum Ehrenkapellmeister das Mindeste und gleichzeitig das Höchste, was Vorsitzender Christoph Höflinger im Namen seiner Kollegen vergeben kann. Und da sich so ein Musiker-Leben auf den ganzen Ort auswirkt, kann sich die Gemeinde nur anschließen und verleiht Baumann die Ehrenurkunde und Ehrenmedaille für sein kulturelles Schaffen durch Bürgermeister Dr. Matthias Bernhardt.

Da passt das Stück „Gedanken an Dich“ mit dem jungen Bariton-Solisten Klaus Reiter, einer von den Wenger-Stadl-Buben am Hocheck. Sie lassen die Buben hin, die Oberaudorfer, egal ob am Pult oder für Solo-Einsätze, nur so gelingt ein Musiker-Leben wie das von Sebastian Baumann, der war ja auch mal jung. Und ans Aufhören denkt er sowieso nicht, er bleibt als Tubist und Zweiter Dirigent und wird das Oberaudorfer Musikleben weiterhin bereichern.

Zum Abschluss
musikalisch auf die Alm

Insgesamt ein absolutes „Feeling Good“-Programm, menschlich und musikalisch, so der nächste Titel von Frank Bernaerts, bei dem Big-Band-Sound vom Feinsten hörbar wird. Da merkt man, das mögen sie ganz besonders, die Oberaudorfer Musiker, wie Filmmusik von „Amphitryon“ bis „Skyfall“. Doch daheim sind sie auf ihren Almen und beschließen den Abend – offiziell – mit der Almtaler Polka von Patrik Prammer.

Auch wenn dieses Konzert keinen erzählerischen Bogen hatte wie die böhmische Hochzeit und keinen dramatisch inszenierten Feuerwehreinsatz, schreibt es dennoch Geschichte: die Weitergabe der Verantwortung an die nächste Generation. Ein Abend geprägt von Veränderung, so haben die Musikerinnen neue Schürzen zum Dirndlgwand, mit Blumenornamenten. Eines bleibt gleich: „Guten Abend, gute Nacht“, Volkspoesie aus dem 19. Jahrhundert, vertont von Johannes Brahms, wunderbar interpretiert von der Musikkapelle Oberaudorf unter der Leitung von Jakob Schmid!

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