Großkarolinenfeld – In ein paar Wochen wird die Welt von Bernd Fessler eine andere sein. Der 67-Jährige hört nach 25 Jahren als Bürgermeister von Großkarolinenfeld auf. Zur kommenden Kommunalwahl im März wird er nicht mehr antreten. Traurig über den Auszug aus dem Rathaus ist er aber nicht, sagt er, während er an dem kleinen Besprechungstisch in seinem Büro Platz nimmt. Im OVB-Gespräch verrät er, was die Voraussetzung war, dass er das Amt damals überhaupt übernommen hat, was er gerne noch geändert hätte und warum Großkaro immer ein wenig unter dem Radar schwimmt.
Es sind die letzten Wochen für Sie im Rathaus von Großkaro – überwiegt die Traurigkeit oder Freude?
Das werde ich zurzeit oft gefragt, aber ich kann das nicht beantworten. Es ist und war jetzt so viel los, dass ich noch keine Zeit hatte, mir darüber Gedanken zu machen. Vielleicht ist das aber auch eine gewisse Abwehrhaltung, das nicht an mich ranzulassen und darüber nachdenken zu müssen (lacht). Vermutlich wird es am Ende eine Mischung aus Freude und ein bisschen Traurigkeit sein.
Wann ist der Entschluss gefallen, aufzuhören – und warum?
Das habe ich eigentlich schon nach der letzten Wahl gewusst, dass ich nicht noch einmal kandidiere. Mir war wichtig, das relativ früh zu kommunizieren, vor allem den Parteien und Organisationen, die mich unterstützen. Damals war es rechtlich auch gar nicht möglich, mit 67 Jahren ein weiteres Mal zu kandidieren. Das gilt jetzt zwar seit drei Jahren nicht mehr, aber man darf nicht glauben, dass es ohne einen nicht geht. Es geht immer weiter und ein bisschen Wechsel ist gut. Zumal ich ein gewisses Alter erreicht habe, ich werde im Mai 68 Jahre alt. Und die Zeit wird immer schnelllebiger.
Wie anstrengend waren die vergangenen 25 Jahre?
Rückblickend ist es für mich fast ausschließlich eine positive Zeit. Ich habe es nicht als besonders anstrengend empfunden, sondern eher als großes Glück, dass ich die Aufgabe übertragen bekommen habe. Zumal Großkarolinenfeld eine besonders offene Gemeinde ist, auch aufgrund der gelebten Ökumene. Hier findet jeder gerne und schnell Anschluss, wenn er das will. Das haben, denke ich, auch unsere Vereine verinnerlicht. Eine gemeinsame Jubiläumsfeier von drei Vereinen – Sportverein TuS, Feuerwehr und Theaterverein –, wie sie im Mai vorgesehen ist, ist auch nicht so häufig.
Können Sie sich noch an die ersten Tage als Bürgermeister erinnern?
Als Erstes fällt mir da die Feier zum 200-jährigen Bestehen von Großkarolinenfeld ein. Da war ich noch nicht lange im Amt und das musste alles vorbereitet werden. Das ist hängengeblieben.
Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie Bürgermeister wurden?
Ich war davor zehn Jahre lang der Leiter des Bauamts in Großkaro. Und dann bin ich gefragt worden, ob ich mir das vorstellen kann. Das mag jetzt zwar ein wenig überheblich klingen, aber für mich war klar: Wenn ich das Amt übernehme, dann möchte ich ein Bürgermeister für alle sein und nicht nur für eine Partei. Ich bin selbst parteilos und wollte, dass diejenigen, die vorhatten, mich vorzuschlagen, auch einem gemeinsamen Wahlvorschlag mit anderen zustimmen, so er sich ergeben hätte. Für mich war und ist wichtig, dass man die kommunalen Dinge, die in der Gemeinde laufen, ohne irgendeine Parteiideologie regelt. Das hat dann auch funktioniert. Ein paar Nächte musste ich dennoch darüber schlafen, ob ich es auch wirklich mache (lacht).
Gab es Momente, in denen Sie die Entscheidung bereut haben?
Nein. Das „Schlechte“ an der Sache war, dass ich öfter mal in der Familie gefehlt habe, weil es einfach nicht anders gegangen ist. Ansonsten überwiegen die schönen Momente.
Die da wären?
Es sind die Begegnungen mit den Menschen, die man sehr oft hat. Als Bürgermeister muss man Verbindungen schaffen, Brücken bauen und schauen, dass Sachen miteinander und nicht gegeneinander gehen. Das ist das Wichtigste in diesem Amt. Da fällt mir gerade auch einer der schönsten Momente ein.
Nur zu.
Ich habe unseren damaligen katholischen Pfarrer auf dem Frühlingsfest in Großkaro getroffen. Zu dem Zeitpunkt hat es sich schon ein wenig abgezeichnet, dass er aufhört. Es war schon spät am Abend, und eigentlich war ich gerade am Gehen. Dann bin ich aber trotzdem noch zu ihm und habe ihn gefragt, wie es sein kann, dass wir uns schon so lange kennen und uns gut verstehen, immer noch beim „Sie“ sind. Darauf hat er geantwortet: „Bernd, du weißt doch, dass wir im Herzen schon immer per ‚Du‘ waren.“ Das war so ein schöner Moment.
Klingt so, als wären die 25 Jahre immer „Friede, Freude, Eierkuchen“ gewesen – auch politisch.
Ich bin niemand, der unangenehme Sachen lange mit sich herumträgt. Aber natürlich gab es da den Streit um den Neubau des Rathauses. Bis auf diesen Fall hatten wir kein Bürger- oder Ratsbegehren. Das war sicherlich ein gewisser Einschnitt – mit aus meiner Sicht positivem Ausgang. Auch die Diskussionen und die Erpressungsunterstellungen Einzelner aus dem Gemeinderat rund um den Bau der Unterkunft für Geflüchtete vor wenigen Wochen haben mich geärgert.
Gibt es etwas, das Sie in der Zeit anders gemacht hätten?
Es gibt im Großen keine Entscheidung, die ich rückgängig gemacht hätte. Aber es gibt eine, bei der es mich ärgert, dass es nicht anders gelaufen ist: die Kanalisierung des Ortsteils Jarezöd. Das ist damals an ein paar Einzelheiten gescheitert, obwohl ich der Überzeugung bin, dass die Kanalisierung Jarezöd gut getan hätte. Die Mehrheit des damaligen Gemeinderats wollte das aber nicht. Das tut mir leid, dass uns das nicht geglückt ist.
Andere Projekte sind hingegen geglückt – welche gehören für Sie zu den wichtigsten?
In meiner Zeit als Bürgermeister war es sicherlich der Anschluss von Tattenhausen an das Großkarolinenfelder Kanalnetz. Genauso wie die energetische Sanierung der Hauptschule, der Bau der Kinderkrippe im Kinderhaus Pusteblume oder der Ausbau der Blumenstraße. Genauso natürlich der Rathaus-Neubau, bei dem auch der preisgekrönte Spielplatz und der Bereich vor dem Rathaus um den Bach herum aufgewertet wurden. Nicht vergessen darf man den Ausbau der Wendelsteinstraße jetzt zum Schluss.
Und wie ist Großkaro für die Zukunft aufgestellt?
Gut. Wir haben jetzt zum Beispiel im Norden das Gewerbegebiet weiter erschlossen. Da werden wir in Zukunft Einnahmen sowohl über die Gewerbesteuer als auch über den Verkauf von Gewerbegrundstücken generieren können. Wir haben im Laufe der Jahre relativ viele Grundstücke erworben. Da denke ich, sind wir im Verhältnis zu anderen Gemeinden wirklich relativ gut aufgestellt. Die finanziellen Herausforderungen haben wir wie fast alle Kommunen aber genauso.
Dennoch scheint es so, als ob Großkaro im Vergleich zu vielen anderen Landkreisgemeinden immer unter dem Radar schwimmt – warum?
Wir waren in der Vergangenheit in erster Linie ein „Wohnort“, in dem viele Menschen von auswärts Aufnahme gefunden haben. Das liegt auch an der hervorragenden Anbindung – die 29 Minuten zum Münchner Ostbahnhof sind unschlagbar. Hinzu kommt jetzt zusätzlich die Anbindung an die Westtangente. Wir sind aber eben keine Tourismusgemeinde, wir haben keinen Fremdenverkehr. Wir haben auch kein Hotel oder Ähnliches. Das bietet sich jetzt vielleicht an der Westtangente an (lacht). Deswegen sage ich immer scherzhaft: Es mag zwar sein, dass wir von außen nicht so wahrgenommen werden, aber derjenige, der in Großkaro wohnt oder einmal herkommt, der bleibt.
Was könnte den Ort denn in Zukunft noch attraktiver machen?
Die Umgestaltung des Schulhofs der Grundschule. Dass man dort zusätzliche Bäume zur Beschattung pflanzt. Auch ein paar neue Spielgeräte für die Kinder wären schön. Das möchte ich gerne noch bis zum Ende der Amtszeit umsetzen. Mittelfristig soll das Ortszentrum zwischen den Kirchen neu gestaltet werden. Das macht aber erst Sinn, wenn die dritte Röhre unter der Bahnlinie fertig ist. Auch in Tattenhausen gibt es noch Handlungsbedarf.
Und sind Sie auch „fertig“ – oder was haben Sie in der Zukunft vor?
Ich kandidiere erstmals für den Kreistag und würde mich freuen, reinzukommen. Ansonsten will ich mir wieder mehr Zeit für die Familie nehmen. Die Enkelbetreuung steht an. Und ich möchte wieder mehr Musik machen, das habe ich auch während meiner Amtszeit nicht ganz ablegen können. Und natürlich werde ich mal wieder in den Urlaub fahren – auch das ist in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen. Es war nie länger als 14 Tage. Das ist mir schon abgegangen, sich mal bewusst rauszunehmen, in der Früh am Strand zu joggen und den Tag einfach mal gut sein zu lassen. Und dazu einen italienischen Weißwein genießen.