Raubling – Wenn Karin O. aus Raubling an das vergangene Jahr denkt, dann gibt es da einen Moment, der ihr besonders in Erinnerung geblieben ist. Ende Oktober war es, als sie aus dem Fenster schaute und ihren Augen kaum traute. Dort, nur wenige Meter von ihr entfernt, saß eine Maine-Coon-Katze auf ihrer Terrasse. Sie zählt zu den Waldkatzen und stammt ursprünglich aus Nordamerika. Die Katzen werden bis zu neun Kilogramm schwer und bis zu 100 Zentimeter lang. „Vom Aussehen her erinnern sie an einen Luchs“, sagt die Raublingerin.
Sie selbst liebt Katzen und kennt sich mit den verschiedenen Arten aus. Auch deshalb wusste sie, dass das Tier, das da bei ihr auf der Terrasse sitzt, sehr edel ist. „Es ist eher ungewöhnlich, dass Maine-Coon-Katzen draußen herumlaufen“, sagt sie. Trotzdem habe sie sich am Anfang nichts weiter dabei gedacht. Sie habe das Tier noch einige Minuten lang bewundert, dann sei sie wieder ihrem Alltag nachgegangen.
Das Problem: Am nächsten Tag saß die Katze wieder auf der Terrasse. „Sie hat laut miaut und wollte rein“, erinnert sie sich. Irgendwann habe sie nachgegeben und das Tier in die Wohnung gelassen. „Es waren Minusgrade und die Katze hatte Hunger“, sagt die Raublingerin.
Innerhalb kürzester Zeit sei die Maine-Coon-Katze zu einer Art Familienmitglied geworden. Sie sei zutraulich gewesen, habe sich sichtlich wohlgefühlt in ihrem neuen Zuhause.
Weil Karin O. vermutete, dass irgendwo jemand nach seinem Haustier sucht, durchforstete sie das Internet nach Hinweisen. Sie stellte Fotos und einen kurzen Steckbrief auf die Seite des Bürgerforums Raubling, bat um Hinweise, falls die Katze jemandem bekannt vorkommt. „Über mehrere Wochen hinweg hat sich niemand gemeldet“, sagt sie.
Irgendwann beschloss sie – gemeinsam mit ihrem Mann – ein Tierchip-Lesegerät zu bestellen. Damit konnten sie eine Chipnummer im Kater auslesen und wandten sich daraufhin an die Tierschutzorganisation „Tasso“ – das Haustierzentralregister für die Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Sulzbach. So fand sie heraus, dass die Maine-Coon-Katze dort registriert war, vier Jahre alt ist und den Namen „Timmy“ trägt. Auf der Webseite von Tasso hinterließ sie daraufhin ihre Telefonnummer.
„Einen Tag später hat unser Telefon geklingelt“, sagt Karin. Über den Aufruf und die Identifikationsnummer des Tieres sei es gelungen, den Besitzer ausfindig zu machen. „Er hat uns erzählt, dass er am Bodensee lebt und sein Kater vor drei Jahren verschwunden ist“, sagt die Raublingerin. Mit gerade einmal sechs Monaten sei „Timmy“ einfach nicht mehr aufgetaucht. Tagelang hätten seine Besitzer nach ihm gesucht, ohne Erfolg.
„Wir konnten es alle gar nicht so richtig glauben“, sagt Karin. Bereits am nächsten Tag hätten sich die Besitzer ins Auto gesetzt und seien nach Raubling gefahren. Im Gepäck: eine Transportbox für Kater „Timmy“. „Die Katze ist sofort freiwillig in die Box gegangen“, erinnert sich Karin. Der Besitzer habe ihr erzählt, dass sie bereits mit dem Schlimmsten gerechnet hätten. „Wir dachten, er wurde überfahren“, habe er ihr im Gespräch gesagt.
Als blinder
Passagier unterwegs?
Darüber, dass dies nicht der Fall gewesen ist, sei er überglücklich, auch wenn er sich nach wie vor nicht erklären kann, wie sein „Timmy“ nach Raubling gelangt ist. Denn zwischen dem Wohnort am Bodensee und der kleinen Gemeinde in Oberbayern liegen fast 300 Kilometer. „Wir vermuten, dass er aus Versehen in ein Fahrzeug gestiegen ist“, sagt der Besitzer. Durch Zufall sei er dann auf der Terrasse von Karin O. gelandet.
Die ist zwar traurig, dass sie „Timmy“ keine Streicheleinheiten mehr geben kann, freut sich aber auch, dass er wieder bei seinen Besitzern zu Hause ist. „Ich bekomme regelmäßig Fotos vom Kater zugesendet“, sagt sie.