Der Berg ruht nur scheinbar

von Redaktion

Toni Huber hält Vortrag über Gefahren durch Mai- und Riesengraben – Ereignis 2024 kann sich wiederholen

Flintsbach – Schön gelegen, aber nie ganz zur Ruhe gekommen: Flintsbach lebt seit jeher mit den Kräften der Berge. Wie präsent diese Gefahr bis heute ist, zeigte sich bei einem Vortrag im bis auf den letzten Platz gefüllten Gemeindesaal der Alten Post in Fischbach. Dort sprach Toni Huber über Wildbachereignisse und Felsstürze am Mai- und Riesengraben – zwei steile Einschnitte oberhalb des Ortes, die seine Geschichte immer wieder prägten.

„Was unten im Tal wie ein harmloser Gebirgsbach wirke, entfalte weiter oben eine völlig andere Wucht“, erklärte Huber. Steile Flanken, lockeres Gestein und extreme Niederschläge könnten innerhalb kürzester Zeit Muren auslösen. Seit mehr als 100 Jahren sei Flintsbach deshalb wiederholt von Felsabbrüchen, Hangrutschungen und Hochwasser betroffen.

Schwerpunkt der
Wildbachverbauung

Früh wurde die Region zu einem Schwerpunkt der bayerischen Wildbachverbauung. Anschaulich zeichnete Huber diese Entwicklung nach. Seine Präsentation stützte sich auf umfangreiches Archivmaterial des Wasserwirtschaftsamtes Rosenheim und des Gemeindearchivs Flintsbach, ergänzt durch intensive eigene Recherchen, regelmäßige Begehungen und historische Fotografien. Die Bilder zeigten zerstörte Hänge und verschüttete Wege ebenso wie die mühselige Arbeit an Sperren, Murbrechern und Rückhaltebecken, die über Jahrzehnte hinweg errichtet, erweitert und immer wieder saniert wurden.

Schon die Archive berichten von frühen Katastrophen: 1889 gingen aus dem obersten Einzugsgebiet oberhalb von Flintsbach murartige Rutschungen ab, deren Geröll auf den Wiesen und Feldern des Schuttkegels liegen blieb. Im Mai 1891 wiederholten sich die Murenabgänge mit derart schweren Schäden, dass sich die Gemeinde an das Königliche Bezirksamt Rosenheim wandte. Die Reaktion fiel nüchtern aus: Verschüttete Wege wurden geräumt, Entwässerungsgräben angelegt. Das Gelände beruhigte sich, die Vegetation kehrte zurück – zumindest vorübergehend.

Ein Behördenbrief aus dem Jahr 1892 belegt, dass schon damals nicht außergewöhnliche Naturereignisse, sondern mangelnde Pflege der Gräben als Ursache gesehen wurden. Die angrenzenden Grundbesitzer wurden aufgefordert, die Räumung nachzuweisen – andernfalls sollte sie auf ihre Kosten erfolgen. Immer wieder, so machte Huber deutlich, kehrten solche Muster zurück. Besonders eindrücklich erinnerte er an den Montag, 3. Juni 2024. Extreme Regenfälle ließen die Wildbäche anschwellen. Unterhalb der Burgruine Falkenstein kam es zu einem Hangrutsch. Ein überlaufender Seitenbach unterspülte die historische Mauer, Teile der Befestigung brachen ab und stürzten talwärts. Die Geröllmassen kamen nur wenige Meter vor der Kufsteiner Straße zum Stillstand, mehrere Häuser wurden vorsorglich evakuiert. „Dass Flintsbach damals größeren Schaden erspart blieb, ist kein Zufall gewesen, sondern Ergebnis jahrzehntelanger Planung, kontinuierlicher Wartung und technischer Erfahrung. Die Schutzbauwerke haben gehalten – ein stiller Erfolg, der im Alltag kaum wahrgenommen wurde.“ Sorgen bereitet Huber dennoch der Blick nach vorn. „Das Ereignis von 2024 könne sich durchaus wiederholen“, warnte er. Eine besondere Gefahr stelle das viele Totholz dar, das sich in den Gräben sammle, vor allem im Mai- und Hundsgraben.

Grundeigentümer
sind gefragt

Verstärkt werde das Problem durch das Eschensterben der vergangenen Jahre. Hier seien die Eigentümer gefragt. Gerade im Bereich der Maiwand sowie im Mai- und Riesengraben liegen große Waldflächen in der Hand der Henkel-Gruppe, die seit den 1930er-Jahren zu den bedeutendsten privaten Waldbesitzern im Inntal zählt. Rund 3.000 Hektar umfasst der zusammenhängende Besitz, betreut von der Forstverwaltung Brannenburg.

Gerade diese Verbindung aus historischer Tiefe und aktueller Verantwortung machte den Reiz des Abends aus. Hubers Vortrag vermittelte nicht nur Fakten, sondern ein Bewusstsein dafür, wie eng Naturgewalten und Ingenieurskunst im Alpenraum miteinander verflochten sind – und warum Sicherheit hier niemals selbstverständlich ist. Der Berg, so wurde an diesem Abend deutlich, ruht nur scheinbar. Das Publikum dankte ihm für den Vortrag mit einem lang anhaltenden Applaus.

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