Rohrdorf – Das sperrige Wort „Warnpfeifpflicht“ ist etwas, was viele Rohrdorfer schon lange nicht mehr hören können. Zu oft werden sie von dem schrillen Ton geplagt, den die Güterzüge abgeben, wenn sie an den unbeschrankten Bahnübergängen in der Gemeinde vorbeifahren. „Achtmal am Tag kommen die Züge hier an zwölf Übergängen vorbei. Das sind 96 Pfiffe“, rechnet Bürgermeister Simon Hausstetter vor.
Erste Fahrt nach
Rohrdorf im Jahr 1914
Er kennt das Problem in der Gemeinde nur zu gut. Denn die Übergänge rund um Rohrdorf sind alt. Im Jahr 1914 fuhr der erste Zug die Verbindungsstrecke nach Rosenheim. Doch schon im Jahr 1970 endete der Personenverkehr. Seitdem dienen die Gleise nur noch zum Gütertransport. Das Problem: „Die Übergänge müssen ertüchtigt werden. Es gibt keine Schranken und so müssen die Zugführer immer mit einem Signal warnen“, erklärt Hausstetter.
Zumindest dann, wenn die Strecke von anderen Verkehrsteilnehmern nicht weit genug eingesehen werden kann. „Ein Pfeifton an Bahnübergängen wird daher nicht zum Selbstzweck abgegeben, sondern dient der Sicherheit der Verkehrsteilnehmer“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn auf OVB-Nachfrage.
Diese Warnung geht jedoch seit vielen Jahren auf Kosten der Rohrdorfer. „Es ist ein unfassbarer Lärm, ich stehe jeden Morgen um fünf Uhr senkrecht im Bett”, beschreibt ein Anwohner, der anonym bleiben möchte, dessen Hof aber nur wenige Meter von der Bahnstrecke entfernt liegt. Er kennt den Fahrplan der Güterzüge mittlerweile auswendig und hat sich schon mehrfach an die Gemeinde gewandt. Vor rund fünf Jahren gab es außerdem bereits eine Unterschriftenaktion gegen die Lärmbelästigung, bei der einige hundert Rohrdorfer unterschrieben.
Doch die Gemeinde kann an der Strecke zumindest im ersten Schritt wenig ausrichten. „Selbst wenn wir etwas beschließen, können wir die Deutsche Bahn damit nicht direkt mit einer Ertüchtigung beauftragen“, meint Hausstetter. Dafür bräuchte es den Weg über den Kreistag, der eine Studie über den Freistaat in Auftrag gibt, bei der wiederum die Gemeinden einbezogen werden.
Genau das soll jetzt auf Antrag von Viktoria Broßhart, Bundestagsabgeordneten der Grünen, im Kreistag passieren. „Wir wollen die Bahnstrecke für den Personenverkehr reaktivieren“, sagt sie. Denn dann würden nicht nur die Übergänge in Thansau und Rohrdorf mit Schranken ausgestattet werden. Auch die Reiseverbindung nach Rosenheim würde damit nach über 50 Jahren wieder zurückkehren.
„Die Voraussetzungen sind ideal“, meint die Bundestagsabgeordnete. Die Gleise sind bereits vorhanden und elektrifiziert. Zudem würde der alljährliche „Wiesn-Express“, der zu den Zeiten des Rosenheimer Herbstfestes zwischen Rosenheim und Rohrdorf pendelt, beweisen, dass die Nachfrage besteht.
Doch selbst wenn der Antrag der Grünen im Ausschuss des Kreistags gehört wird, weiß Broßhart, dass es noch ein weiter Weg ist. „Es braucht nicht nur den Beschluss, sondern auch eine Untersuchung durch den Freistaat, eine sogenannte Potenzialanalyse. Außerdem die Einbindung der Deutschen Bahn sowie der Gemeinden und letztlich die Ertüchtigung selbst“, skizziert Broßhart und schätzt auf eine Dauer von gut zehn Jahren. „Und das wäre immer noch schneller, als jeden einzelnen Übergang anzugehen“, meint die Bundestagsabgeordnete. Dementsprechend müssen sich die Rohrdorfer noch einige Zeit gedulden.
Für mehr Informationen zur „Reaktivierung der Bahnstrecke nach Rohrdorf“ gibt es am 11. Februar um 19 Uhr eine Informationsveranstaltung im Seniorenheim St. Anna in Thansau, zu der alle Interessierten eingeladen sind. Der Kreistagsauschuss wird sich nach dem Antrag der Grünen im Januar mit dem Thema beschäftigen. Erste Ergebnisse sind laut Broßhart voraussichtlich erst nach den Kommunalwahlen im März zu erwarten.