Oberaudorf – Wenn am Hocheck die Flutlichter angehen und die ersten Läufer in den Starthang drücken, dann ist das längst mehr als ein Rennen: Die „Nacht der Geschwindigkeit“ hat sich in der bayerischen Skiszene einen Namen gemacht – als Super-G-Nightrace mit Tradition, Tempo und einer Atmosphäre, die selbst klirrende Kälte zur Nebensache werden lässt. In diesem Jahr zeigte sich die Veranstaltung in Bestform, wie Axel Müller berichtet, der seit vielen Jahren im Organisationsteam steckt und die wichtigsten Fakten aus dem Renntag zusammengetragen hat.
Rekordbeteiligung
und perfekte Pisten
Schon die Bedingungen auf der Strecke seien außergewöhnlich gewesen, sagt Müller. „Wir hatten die beste Piste in all den Jahren: pulverhart, nicht eisig, plan, keine Schläge oder Wellen.“ Besonders bemerkenswert: Auch die letzten Starter der Herren-22-Klasse hätten noch optimale Voraussetzungen vorgefunden – ein Qualitätsmerkmal, das bei einem schnellen Super-G-Kurs keineswegs selbstverständlich ist.
Dazu passte die Resonanz, die in Oberaudorf für Aufsehen sorgte: 158 Meldungen bedeuteten Rekordbeteiligung. Insgesamt seien Fahrer aus 54 Vereinen aus ganz Bayern angetreten, so Müller. Das Rennen genieße mittlerweile „Kultstatus bei Masters-Rennläufern“, die noch den langen Rennski im Keller hätten – und zugleich ziehe es zunehmend Jugendliche an, die aus dem Schülerbereich herausgewachsen sind. Besonders die Klassen Jugend 16 und Jugend 18 seien stark vertreten gewesen, einige hätten hier ihren ersten Super-G bestritten.
Rahmenprogramm mit
Testski und Partystimmung
Für zusätzlichen Zulauf dürfte auch ein Angebot gesorgt haben, das im Rennbetrieb nicht alltäglich ist: Rossignol stellte Rennski aus dem Speed- und Skicross-Bereich kostenlos zum Leihen zur Verfügung. „War alles ausgegeben“, berichtet Müller. Trotz der Kälte hätten zudem viele Zuschauer den Weg an den Hang gefunden, das Zielgelände wirkte eher wie ein kleines Stadion. Stadionsprecher Claudio Dorigo aus München führte durch den Abend, DJ und Party rundeten später die Siegerehrung ab. Und während auf der Strecke Sekunden entschieden, sorgten die Damen des Wintersportvereins mit Bewirtung dafür, dass es auch neben dem Renngeschehen warmherzig blieb.
Sportlich lieferte die „Nacht der Geschwindigkeit“ gleich mehrere Entscheidungen, die kaum knapper hätten ausfallen können. Bei den Frauen kam es zu einem Hundertstel-Krimi: Die schnellste Jugendliche, Nicole Schlecht (WSV München), wurde mit 1:13,85 gestoppt – doch Kathrin Heumann (WSV Oberaudorf) war mit 1:13,82 um drei Hundertstel schneller.
Auch bei den Männern ging es eng zu. Luis Widmesser (WSV Oberaudorf) war in der Klasse Jugend 18 mit 1:09,22 der Schnellste, gefolgt vom Vorjahressieger Julian Plank (TSV 1860 München), der in der Herren-22-Klasse 1:09,48 erreichte. Diese vier Schnellsten aus Jugend- und Erwachsenenbereich durften sich als Erste die wertvollsten Sachpreise vom Gabentisch aussuchen – und der hatte es diesmal in sich.
Müller spricht von „sensationell vielen Sachpreisen“, ermöglicht durch Unterstützer wie den DSV, der Ski- und Trainingsbekleidung beisteuerte, den Handschuhhersteller Ziener sowie Tourismus Oberaudorf und Intersport Utzinger.
Ein besonderes Gedenken
ehrt Hannes Rechenauer
Selbst die Journalistenwertung wurde wieder ausgetragen, wenn auch mit weniger Teilnehmern als sonst. Schnellster war Martin Hesse vom Skimagazin (1:17,99), bei den Frauen setzte sich Sandra Gutheil von Christian Flührs Projekt3M (1:32,14) durch. Flühr selbst fuhr nicht mit, war aber als Teamchef vor Ort – und nutzte den Tag für sein eigenes Extremprojekt: Er sammelt Höhenmeter auf dem Weg zu dem Versuch, in einem Jahr 4,8 Millionen Höhenmeter zu erreichen. Bei geplanten 250 Skitagen wären das im Schnitt knapp 20.000 Höhenmeter pro Tag.
Als besonderer Höhepunkt gilt am Hocheck traditionell die Teamwertung, bei der drei Zeiten zählen – eine davon weiblich. Auch hier blieb der Sieg in Oberaudorf: Der WSV Oberaudorf gewann erneut, diesmal souverän vor dem WSV Glonn und dem TSV Unterhaching. Und erstmals wurde ein neuer Wanderpokal vergeben: der „Hannes Rechenauer Memorial Cup“, gestiftet zum Gedenken an den im Juli überraschend verstorbenen Bergbahnchef Hannes Rechenauer.
Emotionale Pokalübergabe
und glückliche Gesichter
Im vergangenen Jahr hatte Müller an gleicher Stelle den „Skiverband München Award“ für Rechenauer übergeben – für 20 Jahre Unterstützung der „Nacht der Geschwindigkeit“. Nun soll ein Wanderpokal an jenen Mann erinnern, der am Hocheck als Visionär galt und den Weg von einem Einersessellift hin zu einer modernen Bergbahn mit Beschneiung mitgeprägt hat.
Für diese Wertung zählen fünf Zeiten, mindestens zwei davon weiblich – und auch hier setzte sich der WSV Oberaudorf durch. Bürgermeister Dr. Matthias Bernhardt, der den Pokal stiftete, nannte das „eine ganz tolle Idee“ und lobte die Veranstaltung mit einem Satz, der nach Zielraum klingt: „Ich sehe lauter glückliche Gesichter, das ist für einen Veranstalter die höchste Anerkennung.“
Ursula Rechenauer übergab den Pokal und gestand anschließend, sie sei nicht sicher gewesen, ob sie diesen Moment emotional durchstehen würde. Doch der Rahmen sei sehr würdig gewesen, sagte sie – und Hannes wäre an diesem Abend „glücklich gewesen“.