Stephanskirchen – Kaum Zeit für Sport, der Diätplan passt nicht zum Familienalltag, alles probiert, nichts funktioniert – diese Sätze hat Veronika „Vroni“ Haberl (29) aus Stephanskirchen schon oft gehört. Als Online-Coach hilft die studierte Fitness-Ökonomin ambitionierten Frauen und Müttern, diese Muster zu durchbrechen. Egal, ob nach einer Schwangerschaft oder den Wechseljahren: Vroni spricht ganz gezielt Frauen an, die auch aufgrund hormoneller Schwankungen zugenommen haben.
Beim Schüleraustausch
entdeckt
Während der Schulzeit war sie nicht zufrieden mit ihrer Figur. „Ich war schon immer eher stämmig“, sagt sie. Trotzdem habe sie schon immer viel Sport gemacht, da sie aus einer sehr sportlichen Familie stammt. In der zehnten Klasse absolvierte sie ein Austauschjahr in den USA. An der Highschool kam sie das erste Mal mit Kraftsport in Berührung. „Damals hatte ich das erste Mal einen Sixpack.“
Zurück in der Heimat trainierte sie im inzwischen geschlossenen „Transformer Gym“ in Rosenheim weiter. „Als ich das erste Mal dort ankam, wurde gerade eine Bikini-Athletin für einen Wettkampf bemalt. Genauso wollte ich auch aussehen.“ Schnell tauchte die damals 19-Jährige „in diese ganz eigene Welt“ des Bodybuildings ein. Baute weiter Muskeln auf, machte verschiedene Diäten, um den Look zu erreichen.
Die Nutzung von sogenannten Steroiden lehnt Vroni strikt ab: „Für mich war das noch nie ein Thema.“ Nach ihrem Studium habe sie Bodybuilding-Athleten betreut und gesehen, welche gesundheitlichen Folgen der Konsum haben kann. So könnten Bodybuilderinnen, die Östrogenblocker benutzen, um muskulöser zu erscheinen, hormonell aus dem Gleichgewicht geraten. Die Folge: ein Testosteronüberschuss, die Periode bleibt aus und die Fruchtbarkeit leidet, erklärt die Fitness-Ökonomin.
Während dieser Zeit hatte auch sie einen Coach. „Das ist im Bodybuilding üblich.“ Jemanden zu haben, der einen unterstützt, könne vor allem beim Abnehmen helfen: „Wenn der innere Schweinehund wieder durchkommt, macht regelmäßige Betreuung Sinn. Damit du dort abgeholt wirst, wo du das Handtuch schmeißen würdest.“ Deswegen sei es für sie wichtig, dass ein Coach einerseits die Expertise mitbringe, andererseits auch Erfahrung.
Und die hat sie nicht nur im professionellen Umfeld des Fitness- und Kraftsports, sondern auch im Alltag: als Mama. Als sie vor zwei Jahren schwanger wurde, sei sie „in einer guten Form gewesen“. Die hormonelle Umstellung habe ihr sehr zu schaffen gemacht, dennoch habe sie bis acht Wochen vor der Geburt weitertrainiert – allerdings mit viel weniger Gewicht. Während der Schwangerschaft startete sie ihr Online-Coaching. „Ich wollte immer einen Beruf machen, bei dem ich anderen helfen kann.“ Als Fitness-Coach könne sie diesen Wunsch mit ihren Interessen verbinden.
Ihre Kundinnen stammen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit ihnen schreibt sie – die Kommunikation findet meist per Whatsapp statt – mindestens einmal täglich persönlich. „Wenn sie ein Tief haben, bin ich für sie da, sie können sich jederzeit melden, wenn es brennt.“ Auch bei der Erstellung von Ernährungsplänen geht sie individuell auf die Lebensumstände und Bedürfnisse der Frauen ein. Gleiches gilt für das Training. Egal, ob zwei- oder fünfmal die Woche, ob zuhause oder im Fitnessstudio – Vroni schneidet den Plan auf die Kundin zu. Wer ein Coaching bei Vroni absolvieren will, muss sich zunächst per E-Mail bei ihr bewerben. Es folgt ein Video-Telefonat, bei dem die Eckpunkte festgelegt werden: Was ist das Ziel, wie sieht der Alltag der Kundin aus und wie lassen sich eine Ernährungsumstellung und ein Trainingsplan in den Familienalltag integrieren? „Ich arbeite dabei wissenschaftlich orientiert“, betont sie.
Auch der Zeitplan wird dabei erarbeitet. Die Fitness-Ökonomin arbeitet dabei mit einer App, in der die Kundinnen auf ihre individuellen Rezepte, Trainingspläne, Gewichtsverlauf sowie Umfang zugreifen und dort eingeben können. Die Software macht es möglich, mehrere Kundinnen gleichzeitig zu betreuen.
Sport alleine lässt die Pfunde aber nicht purzeln. Ohne eine Umstellung der Ernährung, bleiben Erfolge oft aus. „Essen entscheidet darüber, ob man abnimmt, Sport darüber, wie man am Ende aussieht.“ Dennoch ist es Vroni wichtig, dass ihre Kundinnen einerseits effektiv, andererseits aber auch gesund und mit Blick auf das hormonelle Gleichgewicht abnehmen. Ein Kaloriendefizit, also die geringere Zufuhr von Energie (Kalorien) durch Nahrung, von maximal 500 Kalorien pro Tag, sei dabei das Maximum. „Zwei Kilo Fettverlust pro Monat ist das Limit.“ Hat sie eine Kundin, die ihre Ernährung umgestellt hat, viel trainiert und trotzdem passiert nichts, dann kann dies medizinische Ursachen haben. Für diese Fälle wendet sich Vroni an Dr. med. univ. Geerten van Meel, Internist und Hausarzt mit Privatpraxis in Rosenheim. „Veronika hat Kundinnen, die oft nicht gut hausärztlich untersucht worden sind oder sich von ihren Hausärzten nicht richtig ernstgenommen fühlen“, erklärt der Mediziner. Insbesondere bei Frauen im jüngeren oder mittleren Alter, die nicht offensichtlich übergewichtig sind, werden hormonelle Störungen wie etwa eine Schilddrüsenunterfunktion oder Störungen der Nebenniere übersehen. Grund dafür sei die mangelnde Zeit in Hausarztpraxen mit kassenärztlicher Zulassung. Der Mediziner betont außerdem die gesundheitlichen Vorteile des Krafttrainings. „Es wurde lange angenommen, dass Krafttraining aufgrund der kurzzeitig hohen Blutdruckwerte während des Trainings gefährlich ist. Etwa für Herzpatienten“, erklärt van Meel. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigten jedoch, dass Krafttraining den Blutdruck dauerhaft sogar senken könnte. „Das Muskelwachstum wirkt sich positiv auf den gesamten Körper aus“, so der Arzt.
Doch ihre Arbeit, Frauen bei der Optimierung ihrer Körper zu unterstützen, lässt auch Kritik aufkeimen. Nicht speziell gegen sie, aber gegen die Darstellung perfekter Körper in den sozialen Medien. Unter dem Begriff „Body Positivity“ wollen Influencerinnen wie Luisa Dellert (630.000 Follower) und Carina Möller-Mikkelsen (113.000 Follower), die selbst früher viel Sport getrieben haben und in eine Sportsucht beziehungsweise Essstörung gerutscht sind, dafür sensibilisieren, dass alle Körperformen schön sind. Sie setzen sich ein für Körperakzeptanz, Selbstwert und mentale Gesundheit und gegen „Bodyshaming“ und das Reduzieren von Frauen auf ihren Körper.
Kritik beim Thema
Körperbild
Dem negativen Einfluss der sozialen Medien, vor allem auf junge Frauen und ihr Körperbild, stimmt Vroni Haberl zu: „Social Media ist die Wurzel allen Übels.“ Dadurch würden Ideale vermittelt, die nicht echt sind, woraus sich oft sehr extreme und ungesunde Trends entwickeln würden – in beide Richtungen. Gleichzeitig ist es ihr Geschäft, denn über Social Media findet sie ihre Kunden. Unter dem Namen „yourcoachv“ gibt sie bei Instagram ihren 33.500 Followern Einblicke in ihren Alltag, teilt Trainingstipps, Rezepte, Motivationsvideos und Vorher-Nachher-Bilder ihrer Kundinnen.
„Extrem-Trends“ wie „Body Positivity“ seien in ihren Augen nicht gesund. „In manchen Fällen ist es Adipositas, und das ist nicht gesund. Das kann ich nicht unterstützen, als jemand, der für Gesundheit steht“, sagt die 29-Jährige. Genauso kritisch steht sie aber sehr schlanken, „abgemagerten“ Körpern gegenüber. Keine Frau im Coaching soll am Ende so aussehen wie sie: „Nicht jede Frau will und muss so aussehen wie ich. Aber es inspiriert sie vielleicht, zu sehen, was möglich wäre.“