Die Frau mit den zwei fröhlichen Gesichtern

von Redaktion

Im Pruttinger Rathaus ist Gabi Ertl die Büroleiterin des Bürgermeisters, doch alle sieben Jahre tauscht sie zur Faschingszeit ihre Akten gegen die Schellenmütze. Als Kasperl der Wasserburger Schäffler versprüht sie eine ansteckende Lebensfreude.

Prutting – Manche Menschen haben zwei Gesichter, so heißt es. Bei Gabi Ertl, der Assistentin des Pruttinger Bürgermeisters, trifft das bestimmt zu. Wobei: So ganz stimmt das dann auch wieder nicht. Denn ihre zwei Gesichter stehen nicht im Widerspruch zueinander. Schon im normalen Leben ist sie ein durch und durch fröhlicher Mensch, dem der Schalk buchstäblich aus den Augen blitzt, auch wenn so ein Rathaus eigentlich eine ernste Sache ist. Jeder, der ihr dort einmal begegnet ist, wird das voll und ganz unterschreiben. Doch alle sieben Jahre, in der Faschingszeit, kann dieses heitere Wesen dann völlig ungebremst zur Geltung kommen: Gabi Ertl ist Kasperl bei den Wasserburger Schäfflern.

Kasperl bringt
Gaudi unter die Leute

Für alle, die tatsächlich noch nie bei einem Schäfflertanz dabei gewesen sein sollten: Ohne die Kasperl wäre so ein Schäfflertanz nur eine halbe Sache. Denn der Tanz selbst ist ja – fast möchte man sagen – eigentlich eine durchaus ernste Sache, mit strenger Choreografie und schwierigen Figuren. Witz, Gaudi und Lockerheit direkt mitten unter die Zuschauer zu bringen, das ist Aufgabe der Kasperl.

Und gerade die Wasserburger Kasperl sind da sehr erfolgreich. Denn man kann es feststellen, ohne sich dabei zu verheben: Im Angesicht ihres Treibens wird selbst der griesgrämigste Faschingsmuffel hilflos und kann zumindest ein kleines, verschämt-fröhliches Grinsen nicht unterdrücken. Das hat natürlich seine Gründe, und Gabi Ertl zitiert da einen aus der Riege der tanzenden Schäffler: „Es gibt vielleicht andere, die noch schöner, noch genauer tanzen. Aber die Gaudi, die wir selbst dabei haben, springt bei uns möglicherweise doch am besten über.“

Dass das gerade in diesem Jahr ganz bestimmt so ist, liegt möglicherweise auch daran, dass unter der fünfköpfigen Wasserburger Kasperlschar zum ersten Mal drei Frauen sind. Und Frauen haben, man hört es – wenn auch ungern – immer wieder, den Männern einfach ein ganzes Eck voraus, wenn es ums Zwischenmenschliche geht. Ein guter Gradmesser hierfür sind die Kinder, die bei den Schäfflertänzen zuschauen. Die überlegen sich gut, ob sie sich etwa von einem Wildfremden ein Herz auf die Stirn malen lassen sollen, auch wenn der noch so bunt gewandet ist – man weiß ja nie. Bei den drei weiblichen Kasperln gibt es aber solch vorsichtiges Fremdeln nicht, im Gegenteil. Bei den Tänzen der Wasserburger kann man sehen, wie Kleine und Kleinste fast wie die Kletten an Gabi Ertl und ihren zwei Kasperlkolleginnen hängen.

Getanzt wird also, um Freude zu bringen, nicht nur, um eine altehrwürdige Tradition aufrechtzuerhalten. „Und genau das macht den Schäfflertanz zu etwas ganz Besonderem“, sagt Gabi Ertl. Gerade bei kleineren Orten oder Weilern könne man das so richtig spüren, „wenn gefühlt das ganze Dorf zusammenläuft, jeder was zum Essen und Trinken mitbringt, und der Tanz zum Ausgangspunkt eines richtig fröhlichen kleinen Festes wird“. Oder anders formuliert: Tänzer, Kasperl, Zuschauer – sie alle teilen sich mit „Hussa sa tirallala, die Schäffler sind jetzt wieder da“ ein gemeinsames Stück Leichtigkeit und Unbeschwertheit, eine Art kleine Euphorie, die süchtig machen kann.

Zumal die gesamte Schäfflertruppe – in Wasserburg sind es mit der stets begleitenden Stadtkapelle rund 60 Männer und Frauen – über die Saison hinweg zu einer verschworenen Gemeinschaft wird, die auch in den sechs langen Zwischenjahren zumindest losen Kontakt hält.

Für Gabi Ertl jedenfalls ist es ein Fakt: Wen der Schäfflervirus einmal befallen hat, den lässt er nicht mehr los. Sie selbst ist schon zum dritten Mal dabei, die ersten beiden Male als Marketenderin. „Ich bin in der Nähe von Wasserburg aufgewachsen und habe die Stadt und die Schäffler eigentlich immer im Herzen gehabt“, sagt sie. Dennoch überlegte sie sich, als es zum Aufstellen für die diesjährige Saison ging, ob sie nicht aufhören sollte. „Ich fand mich als Marketenderin eigentlich schon fast zu alt.“ Ein Schäfflerkollege aber habe sie zum Weitermachen zu bewegen versucht mit dem Argument: „Marketenderin bei den Schäfflern zu sein, ist keine Frage des Alters, sondern allein eine der Ausstrahlung.“

Eine Frage
der Ausstrahlung

Was diese Ausstrahlung anbelangt, so kann man nur sagen, dass die Entscheidung, auch weibliche Kasperl zuzulassen, ein echter Glücksgriff der Wasserburger Schäffler war. Denn wer einmal Gabi Ertl als Kasperl sah, der weiß: Diese Rolle ist ihr nicht nur auf den Leib geschrieben, sondern sie ist das Wesen eines Schäffler-Kasperls schlechthin. Wo die Wasserburger Schäffler demnächst auftreten werden, ist ihrer Homepage zu entnehmen. Die Pruttinger können sich schon mal den 16. Februar vormerken: Am Rosenmontag hüpft Gabi Ertl rechtzeitig aus dem Vorzimmer des Bürgermeisters, um Punkt 9.30 Uhr als Kasperl mit den Schäfflern vor dem Rathaus zu tanzen.

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