Aschau – Ein Paraclimber zu Gast in der Orthopädischen Kinderklinik – das bedeutet einen schulfreien Tag, aber eben auch gemeinsames Klettern. Unterstützt von Physiotherapeuten durften zehn Schüler der Förderschule gemeinsam mit dem Paraclimber Sebastian Horn (Jahrgang 2001) die Kletterwand im Eingangsbereich erklimmen.
„Aschau ist für mich ein Stück zweite Heimat“
„Eine tolle Sache“, bedankten sich die Kletter-Aspiranten, Physiotherapeuten und Vertreter des Kind im Zentrum (KiZ), das die Orthopädische Kinderklinik Aschau und die heilpädagogischen Zentren in Aschau, Piding und Ruhpolding vereint. Aber auch Sebastian, der in Begleitung seiner Schwester Rebekka und seiner Eltern kam, zeigte sich dankbar. Dankbar, dass er wieder laufen kann und mehr noch, dass er dank der Kletterwand in der Aschauer Klinik – immer wieder war er mit den Physiotherapeuten an der Kletterwand – seine Berufung fand. „Aschau ist für mich ein Stück zweite Heimat“, so Sebastian Horn.
Vater Joachim Horn holte in seinem Dank weiter aus. Sebastian kam als Frühchen mit einer beinbetonten Tetraspastik zur Welt und wurde von 2008 bis 2019 im Behandlungszentrum der Aschauer Kinderklinik vielfach kinderorthopädisch, sowohl ambulant als auch stationär, behandelt. „Das war eine ganz schöne Quälerei“, erinnert sich Sebastian. Über viele Jahre war er weitgehend auf seinen Rollstuhl angewiesen, nutzt diesen aber seit 2016 nahezu nicht mehr und fing im gleichen Jahr – „ihr habt den Grundstein gelegt“ – bei der Alpenvereinssektion Darmstadt-Starkenburg mit dem inklusiven Klettern an. 2019 wurde Sebastian erstmals zu einem Training der deutschen Paraclimbing-Nationalmannschaft eingeladen. Inzwischen hat er an deutschen und Europameisterschaften sowie verschiedenen Weltcups im Ausland teilgenommen. Als Kadermitglied des Paraclimbing Teams Germany war er im vergangenen September mit der Nationalmannschaft bei der Kletterweltmeisterschaft in Seoul/Südkorea.
„Unsere Kinder waren schon die ganze Woche aufgeregt, dass Sebastian kommt“, berichtete Schulleiter Michael Langner. Mit ihm zu klettern war „super“, meinte Korbinian (18). Julian (18) wagte sich sogar erstmals im Beisein, beziehungsweise parallel zu Sebastian, ganz nach oben, was die Zuschauer mit lautem Applaus belohnten. „Die linke Seite hat es in sich“, sagte Sebastian danach anerkennend. „Die Kletterwand konnten wir im vergangenen Jahr noch mal dank einer großzügigen Spende aufrüsten“, bestätigte Stefan Schmitt, Geschäftsführer Behandlungszentrum Aschau GmbH.
Die anschließende Fotoshow zeigte Sebastian von ganz jung (im Rollstuhl, bei der Reittherapie, mit Orthesen) bis heute (Kletterevents, zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Seoul).
Bei Letzterer war er auch Arm in Arm mit Kollegen zu sehen: Mit Adam Ondra, mehrfacher Weltmeister und Gesamtweltcupsieger im Bouldern und Leadklettern, mit Aloïs Pottier, bei den Männern seiner Kategorie, der RP1, Nummer eins, oder mit Pavitra Vandenhoven, eine Inderin, die ohne Beine geboren wurde und im Alter von fünf Jahren von belgischen Eltern adoptiert wurde, aber jetzt auf Weltmeister-Niveau klettert.
„Seoul war großartig“, sagt auch Sebastians Mutter, Andrea. Sie hat ihren Sohn nach Seoul begleitet. Bei der Kletterweltmeisterschaft wurden dort im September 2025 parallel die Disziplinen Lead, Boulder, Speed und Paraclimbing ausgetragen.
Ganz ohne Hilfe kann er nicht, erwähnt sie noch. Sebastian Horn braucht auch weiterhin regelmäßig Physiotherapie.
„Was machst du sonst?“, wollen die Schüler wissen. Er arbeite beim Verein Ubuntu, ein Verein, der „Restmaterialien“ von Privatpersonen, aus Industrie, Handel, Handwerk, Gewerbe sammelt, sortiert und aufbereitet, die dann Ressource und Inspirationsquelle für die kreative Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sind.
Nächste Ziele? Trainieren, trainieren, trainieren
„Was steht als nächstes an?“, wollen die Schüler wissen. Viel trainieren, trainieren, trainieren, bekennt Sebastian. Die EM in Laval (Frankreich) im August ist sein nächstes Ziel, aber das Schönste wäre, wenn er nach Los Angeles mitdarf. Dort sind im Sommer 2028 die olympischen Spiele. „Respekt“, konnte da ein Mädchen aus der Förderschule nur noch sagen. Aber auch die anderen zeigen sich tief beeindruckt, wünschen „Viel Glück!“ Da kann man sich nur anschließen.