Landkreis Rosenheim – Die Abfahrtsverbote entlang der A8 und A93 zeigen kaum Wirkung. Vor allem an Wochenenden ersticken viele Orte im Landkreis Rosenheim weiter im Stau. Bürger verlieren die Geduld, Bürgermeister schlagen Alarm – und eine schnelle Lösung für das Verkehrsproblem ist nicht in Sicht.
Kurz nach Einführung der Ab- und Durchfahrtsverbote am 15. August 2025 entspannte sich die Situation in den Autobahngemeinden. Doch die Freude währte nicht lange. Egal, ob Ferien oder Wochenende: Die Orte entlang der Autobahn ersticken im Stau. Die Belastung der Einwohner ist groß. Der Rohrdorfer Bürgermeister Simon Hausstetter findet deutliche Worte: „Das Durchfahrtsverbot ist ein zahnloser Tiger. Es hat kaum Wirkung. Jede beliebige Ausrede genügt, um die Kontrollen zu umgehen.“
Chiemgau und Inntal
besonders betroffen
Von Rohrdorf und Achenmühle aus fluten A8-Ausweichler nicht nur die Gemeinden Frasdorf, Aschau und Bernau. Viele umfahren auch das Inntaldreieck, verlassen in Rohrdorf die A8, fahren durch Neubeuern und Nußdorf, um dann in Brannenburg auf die A93 zu kommen. „Der Stau in unseren Ortschaften ist seit Jahren ein Dauerbrenner“, sagt der Neubeurer Bürgermeister Christoph Schneider. 2022 erzielten die Gemeinden mit der Tonnagebeschränkung einen ersten kleinen Erfolg. Im August 2025 sah sich der Landkreis Rosenheim mit seinen Durchfahrtsverboten in einer „bundesweiten Vorreiterrolle“.
Schilder werden
übersehen oder ignoriert
Doch die Schilder bringen nicht viel. Sie werden übersehen oder ignoriert, und an jedem Wochenende gibt es Stau: „Rund um den Bettenwechsel – also freitags und samstags – geht bei uns nichts mehr“, beschreibt Bürgermeisterin Susanne Grandauer die Situation in Nußdorf. „Die Leute kommen aus den Nebenstraßen nicht mehr auf die Hauptstraßen.“ Der Verkehr stocke so extrem, dass für Rettungskräfte kein Durchkommen sei. „Es ist eine besorgniserregende Situation.“ Immer wieder werde sie von Bürgern darauf angesprochen, doch: „Die Politik hat gehandelt, jetzt ist die Exekutive gefordert.“
Die Polizei müsse durchgreifen, fordert die Nußdorfer Bürgermeisterin. Nicht unbedingt mit Sanktionen. Intensivere Kontrollen direkt an den Anschlussstellen würden ihrer Meinung nach schon ausreichen. In einer Ausweitung der Kontrollen sieht auch der Frasdorfer Bürgermeister Daniel Mair eine Lösung. Er fordert Kontrollen an allen betroffenen Anschlussstellen.
Forderung nach
mehr Polizeipräsenz
Im Landkreis Rosenheim wären das zehn – von Bad Aibling bis Felden acht an der A8 und mit Reischenhart und Brannenburg zwei an der A93. Die Ausfahrt Oberaudorf könnte bald hinzukommen, denn die Gemeinde hat ein Durchfahrtsverbot beantragt.
„Die Erwartung der Bevölkerung nach wirksamen Kontrollen ist berechtigt“, sagt eine Sprecherin des Landratsamtes. Die Behörde habe im engen Austausch mit dem Polizeipräsidium Oberbayern „eine wiederkehrende und sichtbare Polizeipräsenz an den betroffenen Ausfahrten angeregt.“ Verbunden mit der Hoffnung, „dass die Einsatzkräfte der Polizei so verstärkt werden, dass sie ihrem Auftrag nachkommen können.“
Mehr Personal für mehr Aufgaben? Eine konkrete Antwort gibt es auf diese Frage nicht. „Die Verteilung des Personals innerhalb eines Polizeipräsidiums ist Aufgabe der Führung des jeweiligen Polizeiverbands“, erklärt ein Sprecher des Bayerischen Innenministeriums auf OVB-Anfrage. „Die Polizeiverbände prüfen fortlaufend den Personalbedarf aller Dienststellen, um kurz-, mittel- und langfristig auf veränderte Arbeits- und Einsatzbelastungen reagieren zu können.“
Zudem ist eine lückenlose Überwachung aus polizeilicher Sicht nicht möglich. „Kontrollen können nur mit Kräften der umliegenden Dienststellen durchgeführt werden, andere Einsätze müssen dabei berücksichtigt werden“, informiert eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Die Verkehrspolizeiinspektion Rosenheim und die Polizeiinspektionen in Prien und Brannenburg führen die Kontrollen brennpunktorientiert und lageangepasst mit Streifen des täglichen Dienstes durch. Ein Sprecher der Polizeiinspektion Brannenburg betont: „Wir stehen jetzt schon an allen Anschlussstellen, kontrollieren und weisen zurück.“ Jede Kontrolle erzeuge aber auch einen Rückstau auf der Autobahn. Deshalb sei das richtige Maß wichtig, werde stundenweise kontrolliert.
Eine Aufgabe für
private Sicherheitsdienste?
Ein paar Kilometer weiter in Österreich wird die Einhaltung der Abfahrtsverbote primär durch die Polizei kontrolliert, oft aber auch in Zusammenarbeit mit privaten Sicherheitsdiensten oder der Straßenaufsicht. „In Deutschland ist der Einsatz privater Sicherheitsdienste aus rechtlichen Gründen nicht zulässig“, erklärt ein Sprecher des Innenministeriums. „Dann müssen eben die gesetzlichen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass private Sicherheitsdienste beauftragt werden dürfen“, fordert Bürgermeister Mair.
Abfahrtsverbote müssen
in Navigationssysteme
Eine Ursache des Stauchaos auf den Landstraßen sind die Navigationssysteme – nach Auffassung des Landratsamtes sogar das eigentliche Problem: „Ziel muss sein, dass die Autofahrer bei Stau nicht von der Autobahn abfahren, um sich einen vermeintlichen Zeitvorteil zu verschaffen.“ In aller Regel würden die Navis aber von der Autobahn herunterlotsen – in die von Durchfahrtsverboten gesperrten Bereiche. Noch sei es nach Information des Landratsamtes nicht möglich, direkten Einfluss auf die „systembedingt automatisch generierten Empfehlungen zum Verlassen der Autobahn zu nehmen.“ Doch wenn dies gelänge, „wäre es ein großer Gewinn zur Reduzierung des Ausweichverkehrs.“ Das Landratsamt verspricht: „Wir werden diese Thematik gemeinsam mit der Polizei verstärkt weiterverfolgen.“ Für den praktischen Erfolg der Durchfahrtsverbote ist nach Einschätzung des Landratsamtes aber auch „eine eindeutige und nach Möglichkeit mehrsprachige Beschilderung auf der Autobahn von entscheidender Bedeutung“. Dies sei bei der Autobahn GmbH als zuständiger Stelle nochmals angeregt worden. Darüber hinaus setze sich Landrat Otto Lederer auch auf politischer Ebene dafür ein.
„Um die Maßnahmen und ihre Wirkung vor Ort immer im Blick zu haben, ist das Landratsamt weiter in Kontakt mit der Polizei“, informiert eine Sprecherin auf OVB-Anfrage. Das gelte auch für die besondere Situation in der Grenzregion. Denn ganz am Ende der A93er-Staukette sind Oberaudorf und Kiefersfelden. Hier kommt zum Reiseverkehr noch der Rückstau durch die Blockabfertigung und der grenzüberschreitende Verkehr auf den Staatsstraßen hinzu.
Blockabfertigung
verstärkt die Staus
„Deshalb reicht es nicht, die Symptome zu bekämpfen, man muss das Problem bei der Wurzel packen“, setzt Oberaudorfs Bürgermeister Dr. Matthias Bernhardt auf eine politische Lösung. Im ersten Schritt müssten sich Deutschland und Österreich zur Blockabfertigung einigen. Doch vor dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Klage der Italiener gegen Nachtfahrverbote und Blockabfertigungen wird sich wohl nichts bewegen. „Unter diesem hausgemachten Problem leidet unsere Dorfgemeinschaft“, so Bernhardt. „Zu Spitzenzeiten kommen unsere Senioren nicht mehr über die Straße. Es ist eine große Belastung.“
Verkehrsleitsysteme und Dosierampeln fehlen
Der Neubeurer Bürgermeister sieht in zusätzlichen Kontrollen keine Lösung. „Wir brauchen eine kluge Verkehrsplanung, die den Verkehr steuert“, sagt er. Bei Staus beispielsweise könnten die Verkehrsströme über Leitsysteme so gelenkt werden, dass Anschlussstellen im Wechsel gesperrt oder für eine kontrollierte Ableitung genutzt werden. Auch zusätzliche Dosierampeln an den Ortseingängen könnten die Dörfer entlasten. „Die Menschen in den betroffenen Orten haben kein Verständnis mehr dafür, dass uns die Bürokratie so extrem lähmt und es ewig dauert, ehe über die Zuständigkeiten von Kommune, Landkreis, Land und Bund endlich eine Lösung gefunden wird“, betont Christoph Schneider. „Die Bürger verlieren das Vertrauen in die Politik und fordern zurecht, dass endlich etwas Wirkungsvolles gemacht wird, denn sie müssen mit den Staus leben – und das jede Woche.“