Eggstätter Altenheim ist gerettet

von Redaktion

Neuanfang, Mut und Fürsorge – Senioren behalten ihr Zuhause

Eggstätt – Manchmal genügt ein kleiner Wink des Schicksals – und plötzlich finden völlig fremde Menschen zusammen. In Eggstätt hat dieser Wink 13 Senioren ihr Zuhause bewahrt, Sofie und Bernhard Hering einen wohlverdienten Ruhestand ermöglicht sowie den Paloš-Brüdern den Schritt in eine neue Selbstständigkeit eröffnet.

Plötzlich
kommt Hilfe

„Nicht verzagen, das OVB fragen“, sagen Sofie und Bernhard Hering lachend. Eine große Last ist von ihren Schultern gefallen: Ihr kleines Altenheim – die Seniorenfamilie Hering in Eggstätt – ist gerettet. Noch vor sechs Monaten plagten die beiden große Sorgen um die Zukunft ihres Lebenswerks.

In dieser Not wandten sie sich ans OVB. Kaum war der Beitrag veröffentlicht, klingelte das Telefon. Stephanie Kracher hatte den Hilferuf der Herings entdeckt und sofort die Idee, mit ihrem Mann Sead Paloš und seinem Bruder Rifet das kleine Seniorenheim als neue Herausforderung und als Ergänzung zum mobilen Pflegedienst in Siegsdorf zu übernehmen. Noch am selben Abend standen die Paloš-Brüder in der Fichtenstraße in Eggstätt.

Ein Gefühl wie
eine Umarmung

„Als ich durch die Tür trat, fühlte ich mich sofort angekommen,“ erinnert sich Rifet Paloš (38). „Es war, als würde mich etwas umarmen.“ Über die Gesichter von Sofie und Berhard Hering legt sich ein glückliches Strahlen: „Also haben wir vor 45 Jahren doch alles richtig gemacht.“ Mit viel Liebe zum Detail schufen sie nach Südtiroler Vorbild ein Zuhause zum Wohlfühlen, in dem ältere, pflegebedürftige Menschen ihren Lebensabend wie einen Urlaub genießen können. Aus Abrissgebäuden retteten sie historische Bauelemente, die dem Haus seinen besonderen Charme verleihen.

Das Kreuzgewölbe im Eingangsbereich haben sie selbst konstruiert. Die Lilie am Gewölbeansatz formte Bernhard Hering eigenhändig. Sinnbildlich ruht das Gewölbe seitdem auf Reinheit und Glauben. Für Rifet und Sead Paloš hat diese Lilie eine besondere Bedeutung: Sie ist ein Symbol ihrer Herkunft. „Die goldene Lilie steht für die Geschichte unserer Heimat Bosnien sowie für Reinheit und Schönheit“, erklärt Rifet Paloš (30). Von 1992 bis 1998 zierten sechs goldene Lilien die Flagge von Bosnien und Herzegowina, im Krieg von 1992 bis 1995 wurde sie zum Symbol des Widerstands.

Das Dröhnen
der Tiefflieger

Rifet erlebte den Krieg als Kind in Donji Rainci in der Region Tuzla. Das Dröhnen der Tiefflieger wird er nie vergessen. Bis heute jagt es ihm Schauer über den Rücken.

Auch 30 Jahre später ist das Land gespalten. „Bosnien und Herzegowina sind fragile Staatsgebilde, die politische Lage ist unübersichtlich. Es gibt die bosniakisch-kroatische Föderation, die Republik Srpska und den selbstverwalteten Distrikt Brcko – dazu zahlreiche Kantone“, erklärt Rifet. Es gebe kaum wirtschaftliche Perspektiven, und die Arbeitslosigkeit sei hoch.

Vor zehn Jahren arbeitete Rifet als medizinisch-technischer Laborassistent in der Transfusionsmedizin. Dennoch verließ er gemeinsam mit seinem Bruder Sead die Heimat – „aus Sehnsucht nach einer friedlichen Zukunft für unsere Kinder.“

2015 kamen sie nach Rosenheim und begannen ihre Ausbildung zum Altenpfleger. „Wir wussten nichts von der Pflege“, sagt Rifet. Doch Empathie und Respekt vor älteren Menschen gehören zu ihrem Wesen. „Wir haben drei Jahre unter dem Existenzminimum gelebt“, erinnert sich Rifet. „Es war eine harte Zeit.“ Sead nickt zustimmend: „Frei hatten wir eigentlich nie.“

Wochenlang
nur Nudeln

Neben der Ausbildung arbeiteten sie, um über die Runden zu kommen und ihre Familien in Bosnien zu unterstützen. „Manchmal blieben nach Abzug der Miete noch 40 Euro im Monat, sodass wir wochenlang nur von Nudeln lebten.“ Sie hielten durch – immer im Wissen, wofür sie es taten: für ihre Familien. Zehn Jahre später haben sie nicht nur die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, sondern sich auch zu Pflegedienst- und Einrichtungsleitern qualifiziert. Sead absolvierte außerdem Zusatzausbildungen für außerklinische Intensivpflege und als Pflegesachverständiger.

„So schufen wir ein Fundament, um uns selbstständig zu machen“, erklärt Sead. 2023 gründete er mit seiner Frau Stephanie in Siegsdorf einen mobilen Pflegedienst. Heute betreuen sie mit 16 Mitarbeitern 120 Klienten.

Rifet leitete bis 2025 ein großes Pflegeheim in der Region. Doch irgendwann merkte er, dass seine Arbeit zur Routine geworden war und er nicht mehr glücklich war. Genau in dieser Zeit suchten Sofie und Bernhard Hering ein engagiertes Pflegeteam für ihre Seniorenfamilie – und so fanden die Paloš-Brüder in Eggstätt eine neue berufliche Herausforderung.

„Das Schicksal wollte es so“, sind sie überzeugt. Die familiäre Atmosphäre im kleinen Pflegeheim mit nur 13 Bewohnern gefiel ihnen sofort. Und so entstand der neue Name „Haus Lilie – Das kleine Haus mit großem Herzen“.

Im September gründeten Rifet und Sead die Pflegeheime Paloš GmbH. Sven Hering, der bis dahin die Einrichtung in Eggstätt leitete, bereitete alles für den Trägerwechsel vor, der zum 1. Oktober erfolgte. Mittlerweile sind alle Formalitäten erledigt, alle Stellen besetzt. Und die 13 Bewohner spüren den Wechsel nur dadurch, dass nun immer mal wieder fröhliches Kinderlachen der Familien von Rifet und Sead durch die Flure hallt.

Stolz auf die
eigene Leistung

„Was wir hier in Deutschland in zehn Jahren aufgebaut haben, hätten wir in Bosnien in fünf Leben nicht erreichen können“, sind die Brüder stolz auf ihre Leistung. Rifets Familie ist aus Bosnien nachgekommen. Mit seiner Frau Maida und den Töchtern Elmedina, Elmina, Irma und Ilma wohnt er in Rosenheim. Sead lebt mit seiner Frau Stephanie und den Kindern Pablo und Maya in Bergen.

„Mit ihnen ist auch in unser Haus neues und erfrischendes Leben gekommen“, sind Sofie (73) und Bernhard Hering (79) glücklich. Sie wissen ihr Vermächtnis in guten Händen – und so können nun auch die Begründer der Eggstätter Seniorenfamilie ihren Ruhestand in ihrem gemütlichen und beschützten Zuhause genießen.

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