Aschau – Wer Dr. Christa Karow begegnet, ahnt kaum, dass sie schon 102 Jahre alt ist. Ihr Blick ist wach, das Lächeln verschmitzt, der Geist hell. „Doch, das stimmt schon“, sagt sie schmunzelnd. „Ich bin am 26. Januar 1924 in Kirchberg im Hunsrück geboren.“ Ihren Geburtstag feierte sie im Kreise vieler Nachbarn und Freunde. Nach dem Trubel nahm sie sich Zeit, um dem OVB aus ihrem bewegten Leben zu erzählen.
Aufgewachsen
in Düsseldorf
Aufgewachsen ist Christa Karow in Düsseldorf in einem großzügigen Elternhaus. Ihre Großmutter besaß eine Sargfirma. „Aber nicht irgendeine“, erzählt sie, „sondern die größte zwischen Mailand und Warschau“. Sieben Betriebe gehörten dazu, darunter sogar eine Eisengießerei. Gemeinsam mit ihrem Bruder Helmut genoss sie eine behütete Kindheit. Klavierspielen, Voltigieren, Dressur- und Rennreiten gehörten ebenso dazu wie Tennisstunden, Ballett und eine Bühnenausbildung – all das, was in den 1930er-Jahren zur höheren Töchterausbildung zählte.
Nach dem Abitur zog es sie aufs Land. Christa Karow absolvierte ein landwirtschaftliches Praktikum und eine Lehre. „Ich hatte Pferde doch so gern“, sagt sie lächelnd. 1945 wusste sie zunächst nicht, wie es weitergehen sollte. Ihr Bruder Helmut war aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zurückgekehrt. Doch ihre Ausbildung eröffnete ihr neue Wege: Sie studierte Landwirtschaft in Göttingen und promovierte sogar. Das Studium führte sie schließlich zur Firma Braun, wo man sich damals intensiv mit moderner Ernährung beschäftigte.
Beruflich verschlug es sie nach Paderborn, wo ihre Tochter Andrea geboren wurde. Die Ehe hielt nicht, doch Christa Karow wollte auf eigenen Füßen stehen. Sie begann ein weiteres Studium – Pädagogik – und unterrichtete später an der berufsbildenden Schule in Paderborn Biologie, Musik und Sport. Bis zu ihrer Pensionierung war sie als Studienrätin tätig.
Ein Urlaub sollte ihrem Leben schließlich noch einmal eine neue Richtung geben. In Oberaudorf besuchte sie mit ihrer Tochter eine Studienfreundin – und verliebte sich neu. Fortan pendelte sie zwischen Nordrhein-Westfalen, wo sie arbeitete, und Bayern, wo sie ihre Ferien verbrachte. 1978, mit 54 Jahren, kaufte sie schließlich das Moasta-Haus in Innerwald und baute nach und nach auch die Tenne zu Wohnraum um.
Heute ist das Anwesen ein lebendiger Ort für die ganze Familie: Vier Generationen leben hier unter einem Dach. Tochter Andrea, die vor vielen Jahren in die USA geheiratet hat, kommt regelmäßig für längere Heimatbesuche. Auch der Enkel hat sich – trotz beruflicher Verpflichtungen im In- und Ausland – mit seinen beiden Kindern in Innerwald niedergelassen.
Stillstand war Christa Karow immer fremd – auch im Ruhestand. Sie nahm erneut Klavierunterricht und erinnert sich noch heute an den Satz ihres Rosenheimer Lehrers: „Erst muss der Fingersatz sitzen, dann kann man üben.“ Bis vor Kurzem spielte sie noch. Das Singen, das sie einst in Paderborn studiert und bei kleinen Hauskonzerten gepflegt hatte, hat sie inzwischen aufgegeben. Ihre Liebe zu Kunst, Kultur und Geschichte jedoch ist geblieben – ebenso wie die Freude am Reisen. Mit einem Freund aus Berlin, der mehr als 50 Jahre jünger ist, verbrachte sie Weihnachten und Silvester 2024/25 in Aserbaidschan. „Wunderschön“, schwärmt sie noch heute. Den Jahreswechsel 2025/26 feierte sie mit ihm in Berlin und Potsdam – „mit Sekt und Tanz“.
Es scheint, als seien Musik, Kultur, Reisen und Neugier ihr persönlicher Jungbrunnen. Vielleicht spielt auch die gute Sachranger Luft eine Rolle. Trotz ihres hohen Alters ist Christa Karow erstaunlich agil, lediglich das Gehör lässt etwas nach. Ihre Kleider und Kostüme nähte sie früher selbst. „Meine Mutter hat immer großen Wert auf gutes Aussehen gelegt“, sagt Tochter Andrea – und das sieht man der 102-Jährigen bis heute an.
Sozialdienst und
Haushaltshilfe
Wenn Tochter und Schwiegersohn nicht in Innerwald sind, erhält sie Unterstützung durch den Ökumenischen Sozialdienst und eine Haushaltshilfe. Nach dem Geheimnis ihres langen, gesunden Lebens gefragt, antwortet Christa Karow schlicht: „Ich dusche kalt und bin neugierig.“ Auch Wellness gehöre dazu, ergänzt ihre Tochter: „Einmal pro Woche Massage und Friseur, alle zwei Wochen eine Vitamin-Infusion.“ Christa Karow blickt dankbar auf ihr Leben. Sie weiß, wie erfüllt es war – und ist. Ihr eigentliches Geheimnis aber fasst sie in einem Satz zusammen: „Ich habe Freude am Leben.“