Stephanskirchen – Ab August 2026 sollen Eltern ihre Kinder ganztags betreuen lassen können. Denn mit diesem Gesetz wird der Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder stufenweise eingeführt. Bis zum Schuljahr 2029/2030 soll dieser für alle Schüler erfüllt sein. Viele Kommunen stehen dadurch vor neuen Herausforderungen. Die wichtigste Frage dabei: Gibt es genug Plätze?
Geburtenrate fällt
um zwölf Prozent
Derzeit besuchen 164 Kinder die Mittagsbetreuung der Grundschule Schloßberg, 83 Schüler besuchen die Mittagsbetreuung an der Otfried-Preußler-Grundschule in (Alt-)Stephanskirchen. „Insbesondere in Schloßberg haben wir aufgrund der außerordentlichen Beliebtheit der Einrichtung bereits jetzt einen sehr hohen Anteil an betreuten Kindern“, erklärt Regine Falk, Sprecherin der Verwaltung Stephanskirchen, auf Nachfrage des OVB. Die Zahl der anwesenden Kinder variiere dabei jedoch, da die Zahl der Tage flexibel gebucht werden könne. Die Kinder können dort zu Mittag essen, bekommen Hilfe bei der Erledigung der Hausaufgaben und können spielen oder sich bei Projekten beschäftigen.
Die Kinder können bis maximal 16 Uhr betreut werden. Die meisten Kinder bleiben laut Falk in der Regel bis 14 Uhr. Zusätzlich gibt es eine Ferienbetreuung. „Es sind ausreichend Plätze für alle Kinder vorhanden, und es gibt keine Warteliste für die Mittagsbetreuungen.“ In beiden Einrichtungen können zusätzlich das Schulgebäude und der Schulhof genutzt werden. „Räumlich haben wir den Vorteil, dass beide Einrichtungen mit den jeweiligen Schulgebäuden verbunden sind. So können wir flexibel auf die Einführung des Rechtsanspruchs reagieren, der ja schrittweise erfolgt und nicht gleichzeitig für alle vier Jahrgänge“, sagt Falk.
Um langfristig vorbereitet zu sein, lässt die Gemeinde Stephanskirchen den Bedarf durch das Augsburger Institut für Sozialplanung, Jugend- und Altenhilfe, Gesundheitsforschung und Statistik (SAGS) ausrechnen. Bei der jüngsten Gemeinderatssitzung stellte Susanne Gruber, wissenschaftliche Mitarbeiterin am SAGS, die Ergebnisse dem Gremium vor.
Betrachtet wurde unter anderem die Zahl der Geburten, der Zu- und Wegzüge in der Gemeinde sowie die Schülerzahl nach den Schulsprengeln, also den örtlich festgelegten Zuständigkeitsbereichen. In Stephanskirchen unterteilen sich diese in die Einzugsbereiche Schloßberg und (Alt-) Stephanskirchen. Aber auch die Zahl der betreuten Kinder in den fünf Kindertagesstätten stand auf dem Prüfstand. Gruber betonte, dass besonders die Zahl der Geburten auffällig ist: „Wir beobachten einen massiven Rückgang im Vergleich zu vor vier Jahren.“ Die Problematik des demografischen Wandels und der damit verbundenen Überalterung der Gesellschaft ist zwar nicht neu. Die Jahre 2020 und 2021 – in der Hochzeit der Corona-Pandemie – hätten aber Hoffnung aufkeimen lassen. Seit 2022 sei laut Gruber ein Rückgang von zwölf Prozent in der Region Rosenheim zu beobachten. „Wir gehen derzeit auch nicht von einem Wiederanstieg aus“, so Gruber. Ausgeglichen wird die Zahl durch die Zuzüge. Die besonders hohe Zahl an Zuzügen im Jahr 2022 lasse sich auf die Zuwanderung aus der Ukraine zurückführen.
„Wir kommen
nicht in Stress“
Anhand der Werte wagt das SAGS den „Blick in die Glaskugel“. Dafür betrachtet das SAGS das Verhältnis von Geburten und Zuwanderung. Für Krippe und Kindergarten geht das SAGS von einer sinkenden Zahl der zu betreuenden Kinder aus, von derzeit 420 im laufenden Betreuungsjahr 2025/2026 auf 362 Kinder bis zum Betreuungsjahr 2031/2032. Insbesondere die Zahl der Krippenkinder gehe zurück. „Die meisten Kinder werden zwischen vier und sechs Jahren betreut“, erläuterte Gruber.
Im Grundschulbereich soll die Zahl der Kinder von derzeit 458 Schülern auf 472 für das kommende Schuljahr 2026/2027 ansteigen. Dieser Anstieg währt jedoch nur kurz. Das SAGS geht davon aus, dass zum Betreuungsjahr 2031/2032 nur noch 400 Kinder, bis 2033/2034 sogar nur noch 385 Kinder die Stephanskirchener Grundschulen besuchen werden.
Gruber erklärte, dass der Gemeinde ein Prognosetool zur Verfügung gestellt wird. Damit können die Parameter eingestellt und fortlaufend aktualisiert werden, um den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln.
Janna Miller (Grüne) zeigte sich angesichts der Zahlen „beruhigt, dass wir nicht in den Stress kommen, eine neue Einrichtung zur Verfügung stellen zu müssen.“ Gleichzeitig war die Gemeinderätin jedoch verwundert, dass Förderschulen, deren fachliche Behördenaufsicht beim Bezirk Oberbayern liegt, bei der Prognose nicht berücksichtigt wurden. „Die Förderschulen sind voll, der Anspruch auf die Ganztagsbetreuung muss dann aber bei den Kommunen geltend gemacht werden.“
Gruber erklärte, dass für eben diese Kinder bereits ein „Puffer in der Bedarfsrechnung“ eingebaut sei. „Dies betrifft vor allem die Ferienbetreuung, die im normalen Rahmen für diese Kinder oft gar nicht möglich ist“, so die SAGS-Mitarbeiterin. Daher sei es wichtig, im Zuge der Bedarfsplanung auf die Förderzentren des Landkreises zuzugehen. Generell reiche das derzeitige Angebot nicht aus, um eine flächendeckende Betreuung während der Ferienzeiten zu gewährleisten.
Der starke Rückgang der Geburten und die Frage nach dem Warum beschäftigte mehrere Gemeinderäte. Gruber vermutet, dass die Verunsicherung durch den Ukrainekrieg und die wachsende finanzielle Last auf jungen Menschen und Familien ein Grund dafür sein könnte.
Auf die Frage von Herbert Bauer (Parteifreie Bürger), was die Gemeinde tun könnte, um dem Geburtenrückgang entgegenzuwirken, antwortete Gruber mit „Mütter locken“ und sorgte damit für einen Lacher. „Eine gute Betreuungsstruktur oder etwa Geschwisterrabatte, also vergünstigte Beiträge wenn mehr als ein Kind betreut wird, führen erfahrungsgemäß dazu, dass junge Frauen in den Gemeinden bleiben oder dorthin ziehen.“
Sechste Einrichtung
ist fraglich
Johannes Lessing (Grüne) erkundigte sich, ob die geplante sechste Kindertageseinrichtung im zukünftigen Baugebiet Haidholzen-Südost überhaupt gebraucht werde. Denn neben dem sogenannten Pöschl-Grundstück in Haidholzen, das die Gemeinde als Reserve für eine eventuelle Kita-Erweiterung gekauft hat, ist auch im Konzept für den neuen Ortsteil „Haidholzen-Südost“ eine weitere Kita eingeplant. „So wie es jetzt aussieht, wird die sechste Einrichtung nicht gebraucht“, entgegnete Bürgermeister Karl Mair (Parteifreie Bürger). Wenn es einmal in die konkrete Planung gehe, soll die Bedarfsberechnung berücksichtigt werden.