„Ein sehr wichtiger Ausdruck von Identität”

von Redaktion

Tag des Dialekts Mundart fördert Heimatverbundenheit und Hirntätigkeit

Riedering – „Dass Kartoffelsalat anscheinend eine ganze Nation spalten kann, habe ich auch nicht gewusst”, erklärt Veronika Lutz und lacht. Unter einem Facebook-Video, in dem sie einen Kartoffelsalat zubereitet, wurde die Gastronomin und Food-Influencerin aus Riedering kürzlich in den Kommentaren beschimpft. Nicht wegen der Kartoffeln, nicht wegen der Zubereitung – sondern wegen ihres Dialekts. „Irgendjemand hat gefragt, ob es denn da Untertitel gebe’”, erinnert sich Lutz an einen der harmloseren Kommentare. Andere schreiben „Ich verstehe kein Wort”, oder fragen, ob die Köchin einen Sprachfehler oder gar Schlaganfall habe. Für die Gastronomin komplett unverständlich: „Ich war ein bisschen schockiert, dass sich Leute überhaupt daran aufhängen, dass ich bairisch rede.”

Für Veronika Lutz ist Dialekt heute nämlich wieder ein Stück Heimat, ein Kulturgut. Als die 42-Jährige als junges Mädchen aufs Gymnasium nach Rosenheim kam, habe man ihr und ihren Mitschülern das Bairische ausgetrieben: „Da hat es geheißen, wir müssen Hochdeutsch reden.” Zu ungebildet, zu ländlich, zu rückständig. Das waren die Vorurteile gegenüber dem Bairischen und die Schüler sollten nur Hochdeutsch sprechen.

Das weiß auch Dr. Philip Vergeiner. Der gebürtige Innsbrucker forscht an der LMU München zur Dialektologie und hat dafür mit Kollegen die App „DaBay“ herausgebracht. Vergeiner bestätigt, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche in ihrer Mundart sprechen zu lassen, denn „Dialekt ist ein sehr wichtiger Ausdruck von Identität”. Er verbinde Menschen mit ihrer Heimat und „das assoziiert man mit etwas Positivem, mit Vertrauen, mit den Eltern und einem wohligen Umfeld”, so der Experte. Eine Anti-Dialekt-Politik sei sogar schädlich: „Wenn man Kindern sagt, Dialekt sei etwas Schlechtes, erreicht man höchstens eine Identitätskrise.” Stattdessen ist das Gegenteil der Fall. „Wenn man Kindern was Gutes tun will, sollen Eltern ihnen Dialekt beibringen, denn den lernen sie später nicht mehr.” Man bekomme dadurch ein Bewusstsein für situationsabhängiges Sprechen, könne sich an verschiedene Situationen anpassen, zählt Philip Vergeiner auf. Denn Dialekt zu sprechen, ist wie zweisprachig aufzuwachsen, fanden Forscher heraus. Durch den Wechsel zwischen Mundart und Hochdeutsch werden sowohl die linke als auch die rechte Gehirnhälfte gefordert. Kinder und Jugendliche werden versierter in sprachlichen Fähigkeiten, können sich besser konzentrieren und haben eine höhere Merkfähigkeit.

Schneller auf
einer Wellenlänge

Für Hans Schupfner, Vorsitzender des Vereins Bairische Sprache und Mundarten Chiemgau-Inn, stiftet Dialekt neben neuronalen Vorteilen aber auch eine soziale Zugehörigkeit: „Wenn zwei Leute Dialekt sprechen, sind sie wesentlich schneller auf einer Wellenlänge.” Die Wiederbelebung des Dialekts – gerade bei jungen Menschen – geht für ihn aber auch mit dem allgemeinen Trend zur bairischen Kultur einher. „Volksfeste rücken das Bairische wieder mehr in den Mittelpunkt. Da können Mädels und Burschen ja gar nicht mehr ohne Dirndl und Lederhose hin.” Daneben tragen auch die sozialen Medien ihren Teil dazu bei, denn „Dialekt wird sichtbarer, gerade bei der Schriftlichkeit”, erklärt Philip Vergeiner. Während früher in Hochsprache geschrieben wurde, chatten viele Menschen heute auf Whatsapp und Co. ebenfalls im Dialekt.

Das kann man nun auch unter Veronika Lutz‘ Antwort-Video auf die Kartoffelsalat-Fehde lesen. Ob bairisch, tirolerisch oder schwäbisch – viele hundert Nutzer melden sich zu Wort und bestärken die Gastronomin, im Dialekt zu sprechen. So schreibt eine Nutzerin „I als Schwäbin kämpf do au jeden Dag damit, aber des isch mir wurschd was d’Leit schwätze”. Darüber freut sich Veronika Lutz sehr: „Das ist super cool, dass der Zuspruch so groß ist, dass die alle sagen, ,ich hab einen Dialekt und ich liebe das‘”. Und Veronika wäre nicht die pragmatische Gastronomin, wenn sie nicht aus der Not eine Tugend machen würde. Aus dem großen Interesse an ihrem Dialekt-Video heraus hat sie eine neue Rubrik geschaffen und erklärt nun in Social-Media-Videos „Gepflegtes Oberbairisch für Anfänger und Breissn mit Vroni“ – von Küchenutensilien bis Flirten.

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