Ein Dorf rückt zusammen

von Redaktion

Nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Mannes muss Anja Bielenberg den Alltag mit zwei Kindern neu ordnen. In ihrer Heimatgemeinde Vogtareuth erlebt sie eine Welle der Unterstützung und Hilfe, die sie sprachlos macht.

Schonstett/Vogtareuth – Ein Überholmanöver auf der Kreisstraße RO35 im Gemeindebereich von Schonstett kurz nach dem „Friebertinger Kreisel“ endet am 25. Januar tödlich. Mirek Bielenberg aus Vogtareuth stirbt bei dem schrecklichen Zusammenstoß mit einem Lastwagen. Er wurde 38 Jahre. Zurück bleiben Frau und Kinder.

Mirek und Anja Bielenberg stammen aus Mecklenburg-Vorpommern, beide haben Familien in der Nähe von Schwerin. Über die Arbeitsstelle bei einer Rosenheimer Firma verschlug es sie jeweils unabhängig voneinander in den Raum Rosenheim. Erst dort lernten sie sich kennen und lieben.

Es folgten Umzug in die kleine Gemeinde Vogtareuth samt Hausbau im Jahr 2012, Hochzeit und Kinder. „Wir haben uns schnell eingelebt, die Gegend ist schön und man kennt sich im Ort. Die Kinder sind im Sportverein, Tochter Mia im Trachten- und Schachverein aktiv“, erzählt Anja Bielenberg.

In der neuen
Heimat wohlgefühlt

Sie fühlen sich wohl in ihrer neuen Heimat, genießen das Familienleben auf dem Land. Bis der Unfall ein Loch in das Idyll riss. Anja Bielenberg kann sich noch genau an den Moment erinnern, als die Polizei bei ihr auf der Arbeitsstelle erschien. „Eine solche Situation ist unbegreiflich. Wir bekamen sofort Seelsorge vom Kriseninterventionsteam.“

Für die kleine Familie bricht von einer Sekunde auf die andere eine Welt zusammen, die Kinder nehmen den Verlust des Papas noch einmal anders auf. „Unsagbar schlimm war die Beerdigung“, erinnert sich die Vogtareutherin mit gesenktem Kopf. Die elfjährige Tochter Mia habe dieser Tag sehr mitgenommen.

Trotzdem zeigt sich Anja Bielenberg dankbar, wie viele Menschen ihren Mann auf seinem letzten Weg begleiteten – darunter jede Menge ehemalige Arbeitskollegen und Freunde aus der alten Heimat.

Das Bestattungsunternehmen Brand und die freie Trauerrednerin haben die Beisetzung laut Anja Bielenberg sehr würdevoll gestaltet. Dankbare Worte findet sie auch für das „Café Hiesig“, in dem der Leichenschmaus stattfand.

Stephan Oswald, ein langjähriger Freund der jungen Familie, rief nach dem Unfall eine Spendenaktion ins Leben, um Anja und die beiden Kinder auf dem Weg in die schwere Zeit zu stützen. Über 12.000 Euro sind in Windeseile zusammengekommen.

Anja Bielenberg ist überwältigt von der Hilfsbereitschaft und Unterstützung, die ihr in den vergangenen Tagen entgegengebracht wurde. „Es ist eine unglaublich hohe Summe – damit hätte ich niemals gerechnet. Man will in dieser Situation einfach kein Geld annehmen, und doch bin ich über jeden Cent sehr dankbar, weil es die laufenden Kosten und insbesondere auch die Beerdigungskosten deckt“, zeigt sich sie voller Dank über das Vertrauen der Menschen, die unter anderem anonym spendeten.

Für sie ist es „nicht selbstverständlich“, dass mitunter wildfremde Menschen ihre Anteilnahme ausdrücken. Besonders hervorheben möchte sie ein Paar aus einem Nachbarort, das ihr ein Kuvert mit einer herzergreifenden Nachricht und 500 Euro hat zukommen lassen. „Über so viel Geld war ich sprachlos und gleichzeitig positiv überrascht.“

Auf Anja Bielenberg wartet nach dem Verlust ihres Mannes plötzlich ein ganzer Berg an Herausforderungen. Besonders zeitraubend: die Bürokratie. „Ob Finanzamt, Versicherungen oder Verträge – der Papierkrieg hört nie auf.“

Doch auch hier ist sie nicht allein. Sie erhält laut eigenen Angaben Unterstützung von ihrem Finanzberater. Die ortsansässige Autowerkstatt hat sich sofort der Reparatur des Wagens ihrer Schwiegermutter angenommen, der auf der Fahrt von Mecklenburg-Vorpommern einen Schaden genommen hat, ohne dies in Rechnung zu stellen. Die Inhaber einer hiesigen Ferienwohnung hatten die Familie aus Mecklenburg-Vorpommern kostengünstiger untergebracht. Die Friseurin vom Vogtareuther Salon wollte fürs Frisieren ebenfalls kein Geld. Für Anja Bielenberg war das alles eine große Hilfe.

„Eine Mädelsgruppe aus Vogtareuth brachte uns einen Korb mit allem, was man eben so benötigt, damit der Alltag in dieser außergewöhnlichen Situation weitergehen kann. Ihre beste Freundin, Nachbarn und Bekannte waren für sie da, gingen einkaufen oder kochten für uns, nahmen die Kinder zu sich, wenn ich eine Pause zum Durchschnaufen brauchte“, erzählt Anja Bielenberg.

Der Kindergarten habe flexible Zeiten für die junge Mama angeboten und mit den Kindern selbst über das sensible Thema Tod gesprochen, um sie zu sensibilisieren und damit auch der sechsjährige Tim offen mit dem Verlust umgehen kann.

Anja Bielenberg wirkt im Gespräch sehr gefasst, räumt aber ein: „Es gibt bessere und schlechtere Momente, das bleibt nicht aus.“ Die junge Witwe nutzt den Augenblick, um „Danke“ zu sagen an alle, die in dieser schweren Zeit für sie da sind und an sie denken.

„Der Zusammenhalt im Dorf ist spürbar. Es ist unglaublich, wie viel Mitgefühl uns entgegengebracht wird. Ich bin froh darüber, dass ein jeder einen kleinen Teil dazu beitragen möchte, damit es für uns nicht ganz so schwer ist.“

„Gemeinschaft auf dem Land funktioniert“

Vogtareuths Bürgermeister Rudolf Leitmannstetter ist stolz auf seine Gemeinde, die in einer solch schweren Zeit zusammenhält. Ihn bewegt es sehr, wie die Familie auf einen Schlag auseinandergerissen wurde. „Die Beerdigung war würdevoll und berührend, mit vielen Bildern und einem Rückblick auf das Leben der Familie“, erklärt er.

Für ihn zählen auch kleine Dinge, die man tun kann: „Es ist toll, zu sehen, wie viele Spenden gesammelt wurden und dass die Dorfgemeinschaft auf dem Land funktioniert. Für die Betroffenen ist es wichtig, dem Verstorbenen Anerkennung auf dem letzten Weg entgegenzubringen, das bringt ein wenig Trost, der über die schwere Zeit hinweghilft.“

Denn das Leben geht weiter. Anja Bielenberg nimmt bewusst weiterhin daran teil und vergräbt sich nicht. Mit Tim und Mia war sie zuletzt auf dem Kinderfasching. „Dass eine solch schreckliche Lage eintritt, stellt man sich nie vor – und doch ist es passiert. Wir müssen lernen, damit umzugehen, dass Mirek als Papa und Ehemann nicht mehr da ist“, sagt sie mit brüchiger Stimme.

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