Raubling – Untersuchungen der Staatsforsten in den Hochrunst- und Kollerfilzen liefern nach wiederkehrendem Starkregen erstmals konkrete Antworten zur Hochwassergefahr. Während Experten in der Renaturierung eine Chance für den Hochwasserschutz sehen, bleiben viele Anwohner skeptisch.
Heftige Regenfälle lassen in der Gemeinde regelmäßig die Alarmglocken schrillen. Dann werden hochwasserdichte Kellerfenster geschlossen, Pumpen bereitgestellt und die Bäche mit sorgenvollem Blick beobachtet. Auch beim jüngsten Dauerregen am 24. Februar waren Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung wieder im Gemeindegebiet unterwegs. „Der Litzldorfer Bach ist in Kleinholzhausen im Bereich von Wiesen und Waldflächen übergetreten, Bebauung war zu keinem Zeitpunkt gefährdet“, bilanziert Johannes Blabsreiter, in der Gemeinde unter anderem für Hochwasserschutz zuständig. Die Gewässerunterhaltung des vergangenen Jahres hat Wirkung gezeigt. Die Gemeinde hat kritische Stellen entschärft sowie Bachsohlen vertieft und verbreitert. Beim jüngsten Starkregen zeigte sich der Effekt deutlich – das Wasser konnte kontrolliert abfließen.
Sorgenvoller Blick
in die Moore
Der sorgenvolle Blick in die Moore westlich der Gemeinde aber bleibt. Haben sie den Regen gehalten? Dieser Frage geht das Moor-Team der Bayerischen Staatsforsten seit gut einem Jahr intensiver nach. In der nordöstlichen Hochrunstfilze und der Kollerfilze wurden dafür 14 Messpegel installiert. Inzwischen liegen die Messdaten für das Jahr 2025 vor – und sie sprechen eine klare Sprache, ebenso wie die Tageswerte des regenreichen 24. Februar. „Bei Starkregen wird das Wasser nicht auf der Fläche gehalten. Es fließt über die Entwässerungsgräben aus dem Moor heraus“, erklärt Hydrogeologin Sharon Rakowski vom Moor-Team.
Worüber Pegel 15
Auskunft gibt
Einer der Pegel (P15) befindet sich direkt neben dem Parkplatz der Moorstation. Hier hatte das Moor-Team bei den Voruntersuchungen eine 40 Zentimeter starke Torfschicht gefunden. „Bei längeren Trockenphasen steht kein Wasser im Torf“, erklärt Sharon Rakowski.
Im Februar hatte es in Nicklheim immer wieder leicht geregnet. Das Moor nahm Wasser auf. Am 21. Februar betrug der Wasserstand 27 Zentimeter unter Flur. Am 23. und 24. Februar hat es mit 46 und 32 Litern pro Quadratmeter stark geregnet.
„Der höchste Wasserstand wurde am Abend des 24. Februar mit 13 Zentimetern unter Flur gemessen. Das Moor reagiert im Bereich von P15 bei starken Niederschlägen also sehr deutlich“, bewertet die Hydrogeologin die Ergebnisse. Seit dem 25. Februar regnet es nicht mehr. Der Wasserstand ging an diesem Tag auf 16 Zentimeter und am Folgetag (26. Februar) auf 20 Zentimeter unter Flur zurück. „Das zeigt, dass im nicht renaturierten Moor die Rückhaltefunktion von Regenwasser gehemmt ist“, so Rakowski.
Die 2025er-Jahresanalyse zeigt für den Messpegel P15: Bei mäßigem Regen über mehrere Tage steigt der Wasserstand um mindestens 13 Zentimeter, bei starken Niederschlägen um etwa 27 Zentimeter. Nach einem starken Niederschlag sinkt der Wasserstand innerhalb von zwei Tagen wieder um sieben Zentimeter und fällt immer weiter.
Daraus liest Sharon Rakowski: „Der Wasserstand bei P15 ist stark an Niederschläge gekoppelt und zeigt eine deutliche Reaktion auf Niederschlagsereignisse. Eine Wasserrückhaltefunktion ist stark gehemmt, aber tendenziell noch vorhanden.“ Das bedeute zugleich, dass der Moorstandort bei P15 noch renaturierbar sei und Potenzial biete, die Funktionen des Ökosystems Moor wiederherzustellen.
Die Hydrogeologin begutachtete unmittelbar nach dem Starkregen am 23. und 24. Februar alle Moorflächen, die für eine Renaturierung vorgesehen sind. „In den Entwässerungsgräben lässt sich deutlich beobachten, wie das Wasser aus dem Moor abfließt“, beschreibt sie.
Aus der nordöstlichen Hochrunstfilzen gelangt das Wasser über den Gittersbach und den Unteren Tännelbach nach Fuchsbichl und Grünthal sowie in Richtung Autobahn und Pfraundorf.
Aus der Kollerfilze fließt es über den Bahngraben in den Oberen Tännelbach und weiter in den Ammerbach Richtung Raubling und Kirchdorf. Das Problem dabei: „Der Bahngraben entwässert nicht nur eine große, noch nicht renaturierte Moorfläche. Er steht auch in Verbindung mit den großen Seen der bereits renaturierten Kollerfilze, die infolge des Frästorfabbaus entstanden sind“, erklärt Rakowski.
Studien in den südlichen Chiemseemooren
Mit der Renaturierung könnte sich diese Situation ändern. Doch einige Anwohner befürchten, dass ein höherer Moorwasserspiegel bei Starkregen die Überschwemmungsgefahr erhöhen könnte. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch das Gegenteil. Bereits in den 1990er-Jahren untersuchten Alois Zollner und Hannes Cronauer die Wasserbilanz und das Abflussverhalten in unterschiedlich genutzten Bereichen der südlichen Chiemseemoore.
Das Ergebnis: In intensiv entwässerten, land- oder forstwirtschaftlich genutzten Mooren entsteht bei Starkregen ein deutlicher Hochwasserscheitel, das Wasser steigt rasch an und fließt innerhalb eines Tages ab. In naturnahen, intakten Mooren dagegen wird der überschüssige Niederschlag deutlich länger gespeichert und über vier Tage allmählich an die Umgebung abgegeben.
Die Wissenschaftler schließen daraus: Entwässerungsmaßnahmen im Moor beschleunigen den Hochwasserabfluss erheblich und erhöhen ihn kurzfristig stark – und genau das beobachten auch die Raublinger in den Mooren westlich ihrer Gemeinde.
Die Renaturierung könnte den Abfluss aus dem Moor deutlich verlangsamen. „Und dabei handelt es sich nicht um ein Experiment mit offenem Ausgang, sondern um Maßnahmen, die auf jahrzehntelanger Erfahrung und wissenschaftlichen Studien basieren“, erklärt Lasse Weicht, Leiter des Forstbetriebs Schliersee.
340 Torfdämme sollen Wasser im Moor halten
Geplant ist, auf einer Fläche von rund 135 Hektar in den Hochrunst- und Kollerfilzen bei Nicklheim etwa 340 Torfdämme in die Entwässerungsgräben einzubauen. „So wird das Wasser künftig auf der Fläche gehalten, der Abfluss verlangsamt und die Hochwasserspitze deutlich abgemildert“, ergänzt Hydrogeologin Sharon Rakowski.
Die Hochrunst- und Kollerfilze sollen bewaldete Hochmoore bleiben. Der Waldumbau hat bereits begonnen. „Wir entnehmen vor allem Fichten, um die Schädlingsanfälligkeit des verbleibenden Waldbestands zu verringern“, erklärt Lasse Weicht. Das Anpflanzen eines Mischwaldes könne keine Alternative zur Renaturierung sein, da auch Klimabilanz und Biodiversität eine entscheidende Rolle spielen.
Zersetzung des
Torfes aufhalten
„Wir müssen verhindern, dass sich der Torf weiter zersetzt und dabei CO2 freigesetzt wird“, sagt Sharon Rakowski. Mit Bohrungen hat das Moor-Team die Art und Tiefe des Moores sowie die Beschaffenheit des Torfes genau untersucht. In entwässerten Mooren zersetzt sich der Torf um etwa einen Zentimeter pro Jahr. „In manchen Bereichen sind wir hier bereits am Geländeniveau des Tons angekommen“, macht die Hydrogeologin deutlich und erklärt: „Ein Moorkörper wird von einer Lehmschicht abgedichtet, die in den Hauptflächen der Hochrunst- und Kollerfilzen in einer Tiefe von etwa zwei bis sechs Metern liegt. Die Moormächtigkeit nimmt von West nach Ost in Richtung Raubling ab.“
Wenn sich der Torf ungehindert weiter zersetzt, kann das Regenwasser nicht mehr im Moor gespeichert werden. Gleichzeitig senkt sich das Gelände weiter, bis schließlich nur noch ein toniger oder lehmiger Boden übrigbleibt, der das Wasser staut. „Auf solchen tonigen Standorten ist die Vegetation sehr begrenzt“, erklärt Rakowski. In der Folge würde das Niederschlagswasser noch schneller abfließen. „Die Renaturierung bremst diesen Prozess.“
Doch die Zweifel der Raublinger bleiben. Zu groß ist die Sorge, dass sich die Juni-Flut von 2024 wiederholen könnte. „Wir nehmen die berechtigten Sorgen der Menschen sehr ernst“, betont Lasse Weicht. Deshalb wurde das Monitoring der Moore verlängert und die Renaturierung vorerst aufgeschoben.
„Zum Schutz der Anwohner werden die Grenzgräben des Moores ertüchtigt und bis auf die Tonschicht vertieft“, erklärt Weicht. So wird nicht nur der Wasserstand sichtbar, sondern auch eine klare Abgrenzung der renaturierten Flächen von angrenzenden Grundstücken geschaffen. Auf Wunsch der Anwohner werden am Grenzgraben an der Panger Straße nun auch zwei zusätzliche Messpegel installiert. „Die Menschen können sich mit ihren Sorgen jederzeit an uns wenden“, betont Sharon Rakowski. „Dann schauen wir uns die Situation direkt vor Ort an.“
Pegelstände sollen für alle zugänglich werden
Ziel der Bayerischen Staatsforsten ist es, die Messdaten aller Pegel im Raublinger Moor transparent zugänglich zu machen. „Wie die Grundwasserpegel in Bayern könnten auch die von den Staatsforsten verbauten Moorwasserpegel auf der Homepage des Bayerischen Landesamtes für Umwelt für alle einsehbar sein“, erklärt der Forstbetriebsleiter. Die Staatsforsten haben dafür alle technischen Möglichkeiten geschaffen. Momentan scheitere das Vorhaben noch an Schnittstellenproblemen zum LfU.
Für den Hochwasserschutz der Menschen in der Gemeinde Raubling arbeiten Staatsforsten, Wasserwirtschaftsamt, Naturschutzbehörde und Gemeinde eng zusammen. Zusätzlich wird die Gemeinde im Frühjahr einen neuen Baustein für das Hochwasserwarnsystem installieren. Im Litzldorfer Bach, im Oberen und Unteren Tännelbach sowie im Arzer Bach und Kreidenbach sollen Messpegel eingerichtet werden.
Auch in Bächen werden Messpegel installiert
„Die Standorte wurden so gewählt, dass wir rechtzeitig einen Anstieg der Wasserpegel erkennen, Bevölkerung und Katastrophenschutz alarmieren und gezielt Hochwasserschutzmaßnahmen ergreifen können“, erklärt Johannes Blabsreiter. Die neuen Pegel sollen im Frühjahr an folgenden Stellen installiert werden: am Kapellenweg, am Durchlass an der Neubeurer Straße, am Mooshäusl in Bad Feilnbach, am Gmeinweg in Kleinholzhausen, an der Kirchdorfer Straße in Großholzhausen und an der Brücke in Fuchsbichl. Alle Pegel werden mit dem System des Klärwerks gekoppelt.
Der regenreiche 24. Februar lieferte der Gemeinde auch wertvolle Erkenntnisse. „Wir haben alle Brennpunkte kontrolliert und Schwachstellen identifiziert“, erklärt Blabsreiter. Der Ausbau und die Verbesserung des Hochwasserschutzes in der Gemeinde Raubling gehen kontinuierlich weiter.