Söchtenau – Wenn draußen Frost und Kälte des Winters langsam durch wärmere, feuchte Luft verdrängt werden, sind sie unterwegs. Sie – das sind zum einen Erdkröten, die sich ab Ende Februar bis Ende April Richtung Wasser bewegen, um ihren Laich abzulegen. Geleitschutz erhalten sie von neun Ehrenamtlichen aus Söchtenau, Prutting und Stephanskirchen, die während dieser Zeit des Jahres jeden Abend und jeden Morgen aufbrechen, um die Kröten zu sammeln und sicher zum Wasser zu bringen. Und das schon seit über 30 Jahren. In nassen Nächten, wenn besonders viele Kröten auf Wanderung sind, sperren die Tierschützer dafür sogar die Straße in Siferling (Gemeinde Söchtenau).
Zäune, eingegrabene Eimer
und viele helfende Hände
Renate Linke-Haas ist eine der Krötenretterinnen von Siferling und Vorsitzende der Ortsgruppe Prutting-Söchtenau vom Bund Naturschutz. Vor knapp 25 Jahren hat sie angefangen, die Kröten während ihrer Wanderung zu unterstützen.
Denn viele der Amphibien kommen nicht an ihrem Ziel an. Sie müssen auf ihrem Weg stark befahrene Straßen passieren und werden dabei von Autos überfahren. Die Tierfreunde errichten daher Zäune aus Plastikplanen, sammeln die Kröten, die dort entlanglaufen und in den im Boden eingelassenen Eimern landen. Anschließend leeren sie die Eimer in den Siferlinger See. „Abschnittsweise tragen wir die Kröten über die Straße“, sagt Linke-Haas.
Die Krötenwanderung beginnt jedes Jahr ab der letzten Februarwoche und dauert bis Ende April an. „Sobald es feucht ist, über sieben Grad Celsius hat, sind die Kröten zur Dämmerung unterwegs“, erläutert Linke-Haas. Dann brechen auch die Helfer auf, um auf einer Strecke von etwa anderthalb Kilometern die Amphibien sicher an ihr Ziel zu geleiten. Etwa eine bis anderthalb Stunden sind je zwei Krötenretter pro Schicht unterwegs. Tagsüber kontrollieren sie alle Kröteneimer, bringen die dort gesammelten Erdkröten ans Seeufer und gehen dann ihrem gewohnten Alltag nach.
Druckwelle von Autos ist
für Amphibien tödlich
Eines wissen viele Autofahrer nicht. „Die Frösche sterben nicht nur durch Überfahren mit den Reifen. Sie sterben auch, wenn ein Auto schnell über sie hinwegfährt“, erklärt Linke-Haas. Grund dafür sei die Druckwelle des Autos. Dies führe dazu, dass innere Organe platzen und die Kröten verenden. Naturschützer raten daher, das Tempo auf 30 Kilometer pro Stunde oder weniger zu reduzieren.
In den vergangenen Jahren beobachtet Linke-Haas einen starken Rückgang an Kröten. Die Ortsgruppe dokumentiert die Zahl der gesammelten Amphibien: Während die Tierschützer vor einigen Jahren noch rund 3.000 Kröten zählten, sinkt die Zahl seit rund fünf Jahren rapide. Laut Linke-Haas waren es 2024 nur rund 800 Tiere. 2025 war mit 916 Kröten „ein besseres Jahr“.
Unterstützt werden die Krötenretter durch die Kreisgruppe Rosenheim des Bund Naturschutz (BN), welcher jedes Jahr einen Förderantrag bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Rosenheim einreicht, erklärt Simone Beigel, Sprecherin des Landratsamtes Rosenheim, auf Nachfrage. Darin seien alle Wanderstrecken der Amphibien im Landkreis abgedeckt, welche im Vorjahr gemeldet wurden.
Beigel zufolge unterstützt das Umweltministerium die Helfer. Der BN Rosenheim werde mit 70 Prozent der förderfähigen Kosten bezuschusst. Das Ministerium zahle eine Kilometerpauschale für die Anfahrt und schieße den Ehrenamtlichen eine Stundenpauschale für die Rettungsaktion zu.
Der Landkreis Rosenheim stelle außerdem Zäune, Eimer und alle Materialien, die zum Krötensammeln benötigt werden, zur Verfügung. Zudem unterstütze die Untere Naturschutzbehörde die Ehrenamtler bei Förderanträgen, der Vermittlung zwischen den Bauhöfen zur Sicherung von Straßenabschnitten während der Zaunarbeiten und berät zu neuen Wanderstrecken.
Auch die Gemeinde Söchtenau ist im Boot – wenn auch nicht wirtschaftlich. „Wir stehen absolut dahinter“, sagt Söchtenaus Bürgermeister Bernhard Summerer. Und das zeigt sich in Form der Straßensperrung um Siferling. Etwa auf Höhe des Reiterhofs sowie kurz vor Schwabering befinden sich jeweils zwei Schranken, die die Tierschützer dann herunterlassen, wenn es einen Großteil der Nacht regnen soll und deswegen besonders viele Kröten unterwegs sind. Wie Summerer erklärt, sind die Umleitungen ausgeschildert.
Vorsicht Autofahrer:
Krötensammler unterwegs
Auch für die Krötenretter sind die täglichen Sammelaktionen nicht ungefährlich. Denn nicht jeder Autofahrer bremst, wenn er an den Naturschützern vorbeifährt. „Es gibt viele nette Autofahrer, die aussteigen und ihre Hilfe anbieten. Aber auch viele, die absichtlich Gas geben“, sagt Linke-Haas. Deswegen seien alle Krötenretter mit Warnwesten und Leuchten ausgestattet.
Wann genau sich die Kröten wieder auf den Rückweg machen, wissen die Tierschützer nicht genau. „Wenn die Laichzeit beendet ist, hüpfen sie wieder in ihren gewohnten Lebensraum zurück“, erläutert Linke-Haas. Die Rückwanderung der Erdkröten sei aber weitaus weniger konzentriert und ziehe sich über einen deutlich längeren Zeitraum hin.