Rohrdorf – Sechsundfünfzig Jahre ist es jetzt her, dass es auf der Bahnstrecke zwischen Rosenheim und Rohrdorf noch Personenzüge gab. Jetzt gibt es einen Antrag, den Viktoria Broßhart, Bundestagsabgeordnete der Grünen, im Kreistag eingereicht hat und kürzlich auch eine Infoveranstaltung in Thansau. Es ging dabei um die Frage, ob der Personenverkehr auf der Strecke Rosenheim – Rohrdorf nicht reaktiviert werden könnte.
Dieses Teilstück existiert noch, ist auch bereits seit 1992 elektrifiziert, denn es ist eine wichtige Verbindung für das Rohrdorfer Zementwerk, das darüber einen Großteil seines Rohstoffbedarfes deckt. Werksleiter Henning Klein ist deshalb ein genauer Kenner der Probleme, die bislang mit diesem Streckenabschnitt verbunden sind.
Das Zementwerk in Rohrdorf setzt stark auf Bahnanlieferung. Warum ist das für Sie so wichtig?
Henning Klein: Es geht um Sicherheit und Zuverlässigkeit. Unser Werk produziert bis zu etwa 900.000 Tonnen Klinker und bis zu 1,3 Millionen Tonnen Zement im Jahr. Dafür benötigen wir rund 2,2 Millionen Tonnen Rohmaterialien, Brennstoffe und Zumahlstoffe jährlich. Diese Mengen zuverlässig und pünktlich zu transportieren, ist nur mit leistungsfähiger Logistik möglich. Die Schiene ist wirtschaftlich, emissionsarm und deshalb für uns wichtig.
Sie sprechen auch von Sicherheit – was meinen Sie damit genau?
Die Bahn ist, statistisch betrachtet, ein sehr sicheres Verkehrsmittel. Bahnanlieferungen reduzieren die Zahl der Lkw auf den Straßen, aber auch innerbetrieblich erheblich – das bedeutet weniger Unfälle, weniger Gefährdungen für Beschäftigte bei Be- und Entladung und für die Anwohner entlang der Zufahrtsstraßen. Arbeitssicherheit ist bei Rohrdorfer das Prioritätsthema; das endet nicht am Werkstor, sondern umfasst ausdrücklich unsere Logistikpartner auf Schiene und Straße.
Können Sie konkreter werden: Wie viel Verkehr sparen Sie denn durch die Schiene?
Per Bahn liefern wir etwa 600.000 Tonnen Kalkschotter an – das ersetzt bis zu 25.000 Lkw-Anlieferungen pro Jahr. Zusätzlich werden bis zu 200.000 Tonnen Hüttensand per Bahn angeliefert; das entspricht circa 8.300 weiteren Lkw-Fahrten jährlich. Hüttensand und Kalkschotter sind für die Klinker- und Zementproduktion zentral. Der Hüttensand ist heute eine essenzielle Komponente unserer vielseitigen Maßnahmen zur CO2-Minderung.
CO2-Reduktion ist ja ein großes Thema in Ihrer Branche. Wie trägt die Bahn dazu bei?
Bahntransporte verursachen deutlich weniger CO2 pro Tonnenkilometer als Lkw. Neben der direkten Emissionsminderung verringern weniger Lkw-Fahrten auch innerbetriebliche Abläufe, Staus und Leerlaufzeiten. Rohrdorfer verfolgt eine umfassende CO2-Roadmap: Energieeffizienz, Ersatzbrennstoffe mit steigendem biogenem Anteil, Substitution natürlicher Rohstoffe durch CO2-arme Alternativen aus der Kreislaufwirtschaft – all das reduziert die rohmaterial- und brennstoffbedingten CO2-Emissionen der Klinkerproduktion um bis zu 20 Prozent. Und allein die Reduktion des Klinkeranteils im Zement senkt den CO2-Footprint heute schon um mehr als 30 Prozent; das Potenzial sehen wir bei über 50 Prozent.
Wie hängen Sicherheit, Umweltschutz und Bahninfrastruktur zusammen?
Zuverlässige Materialanlieferung ist essenziell für einen effizienten, störungsarmen und damit emissionsarmen Betrieb. Deshalb setzen wir seit Jahren auf die Schiene und wollen das Volumen weiter ausbauen – auch den Zementversand per Bahn prüfen wir. Technisch arbeiten wir eng mit unserem langjährigen Partner Rail Cargo Austria zusammen. Für Rohrdorfer wird heute europaweit modernstes Zugmaterial eingesetzt. Unser Bahn-Team sorgt täglich für drei bis vier Zuganlieferungen, sichert das Anschlussgleis, den Bahnübergang und die werksinterne Infrastruktur; wiederkehrende Prüfungen durch unabhängige Sachverständige unterstützen dieses Sicherheitsdenken.
Nun ist da auf der anderen Seite der Bahnlärm, Anwohner stört vor allem das Pfeifen an unbeschrankten Übergängen. Wie reagieren Sie darauf?
Wir sind uns bewusst, dass die akustischen Warnsignale belasten können. Zwar haben wir eine 24/7-Betriebsgenehmigung, doch Lieferungen an Wochenenden, Feiertagen und zwischen 22 und 6 Uhr vermeiden wir möglichst. Parallel stehen wir in regelmäßigem Austausch mit DB InfraGO, um die Notwendigkeit der akustischen Signale dort zu beseitigen, wo es bahntechnisch möglich ist, und um Verzögerungen im Bahnverkehr zu reduzieren. DB InfraGO hat angekündigt, bis 2027 zumindest zwei Bahnübergänge zu ertüchtigen – ein Anfang, aber aus unserer Sicht nicht ausreichend. Deshalb arbeiten wir im Schulterschluss mit Gemeinde und Anrainern weiter am Ausbau, um hier so schnell wie irgend möglich weiterzukommen.
Wie sieht man im Zementwerk den Vorstoß, die Strecke auch für den Personenverkehr zu reaktivieren?
Wir begrüßen, wenn sich Verwaltung und Politik für die Instandhaltung und den sicherheits- und signaltechnischen Ausbau der Strecke Landl/Rohrdorf einsetzen. Als Nutzer der Strecke stehen wir in fortlaufendem Austausch mit der DB InfraGo und drängen auf die Ertüchtigung der Strecke, damit der Streckenbetreiber alle Anforderungen der notwendigen Streckenklasse DE sicher erfüllt. Dies ist essenziell für die Versorgungs- und Betriebssicherheit des Zementwerks, denn wir sind auf den sicheren, zuverlässigen und pünktlichen Transport unserer Materialien angewiesen.
Die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit eines Personenverkehrs auf der Strecke können wir nicht bewerten. Doch diese Diskussion zwischen Öffentlichkeit, Verwaltung, Politik und Streckenbetreiber wird hoffentlich Schwung in einen für die Streckenanlieger und uns wichtigen Aspekt bringen: die Modernisierung der Signaltechnik.
Sollte der Vorstoß keinen Erfolg haben, welche Möglichkeiten bleiben dem Zementwerk denn dann noch?
Alles, was in unserer Macht steht, um das Problem zu verringern, wird versucht. Dies fängt mit zwischen Rohrdorfer und Rail Cargo Austria abgestimmten Maßnahmen zur Verbesserung des Zugmaterials sowie zur weiteren Erhöhung der Pünktlichkeit an. Wir arbeiten auch daran, dass wir hier im Zementwerk einen Ganzzug aufnehmen können. Längere Züge heißt schnellere Abwicklung und auch eine kürzere Belegung der Bahnstrecke Landl/Rohrdorf. Bislang ist nur ein Halbzug möglich, was Rangiertätigkeit am ehemaligen Rohrdorfer Bahnhof nötig macht und deshalb die Gesamtzeit verlängert, in der eine Anlieferungsgarnitur auf der Strecke ist. Die Gespräche mit DB InfraGO zu Streckenertüchtigung und Signal- und Sicherheitstechnik setzen wir konstruktiv fort, auch wenn die Umsetzung pragmatischer Lösungsvorschläge oftmals an dem Bahnrecht oder überlagernden Zuständigkeiten scheitert.