Flintsbach – „Er war ein Mensch, durch und durch voller Anstand.“ Diesen Satz in seinem Nachruf hätte Sepp Wieland vielleicht sogar akzeptieren können. Denn ihm, der am 17. März im Alter von 95 Jahren starb und am heutigen Donnerstag in Flintsbach feierlich zu Grabe getragen wird, war jedes „Gwes“ um seine Person zutiefst zuwider.
Dabei wäre die Gemeinde Flintsbach ohne ihn nicht das, was sie heute ist: Das berühmte Theater der Gemeinde, der Kirchenfriedhof mit seinen historischen Grabkreuzen, das Pfarrmuseum, die Tafeln am Maibaum – man kann in Flintsbach eigentlich hinschauen, wo man will: Es finden sich überall Spuren seines Wirkens. Denn Sepp Wieland war in seinem langen Leben nicht nur Gemeinderat und Kirchenpfleger gewesen, er war auch an so gut wie jedem Flintsbacher Verein beteiligt.
Ein Leben für die Musik
und als Inntaler Sänger
Und dann ist da ja noch die Musik und alles, was mit ihr zusammenhängt. Denn Musik hat ihn sein ganzes Leben begleitet. Sepp Wieland war nicht nur ein Teil der Inntaler Sänger und mit ihnen weit über die Region hinaus, eigentlich in ganz Bayern und im benachbarten Österreich, bekannt.
Sein Einfluss und sein Wirken waren auch sonst in der musikalischen Landschaft unserer Region namhaft und sind es im Grunde bis heute: Man denke da nur an die Musikantenwallfahrt auf den Petersberg, die seit 1989 alle zwei Jahre Musiker aus der ganzen Region, aus Österreich und Südtirol zum Kirchlein auf dem Berg zusammenführt. Diese Wallfahrt hat er nicht nur sozusagen „erfunden“, sondern auch lange Jahre selbst organisiert, bis er diese Arbeit an seine Söhne weitergab.
Anstand als Lebensmaxime
– Lob mochte er nicht
Angesprochen werden auf diese Lebensleistung oder gar dafür bewundert werden, wollte er aber nie. Erwähnte man das, was er alles zuwege gebracht hatte, konnte man direkt spüren, wie ihm das beinah körperlich zuwider war. „Ich war’s doch nicht allein“, war stets seine schlichte Antwort darauf.
Und ihm wäre deshalb wichtig gewesen, dass es nicht er allein war, der 1948 den Theaterstadel kaufte und damit die Fortführung der Theatertradition sicherte. Sondern einer von 48 Flintsbachern, die sich damals, kurz nach der Währungsreform, die nötigen 6000 Mark buchstäblich vom Munde absparten.
Wenn er auch mit bewunderndem Lob schlecht umgehen konnte: Als anständiger Mensch bezeichnet zu werden, das hätte er vielleicht tatsächlich als Kompliment empfinden können. Denn „Anstand“, das war Grundzug seines Wesens und Maxime seines Handelns – das würden sicher alle sofort unterschreiben, die ihm je einmal begegnet sind. Denn er strahlte diese Form von Nobilität einfach aus, schlicht und heiter.
Und aus diesem Charakterzug erwuchs wohl auch der Antrieb für all sein Tun. Denn anständig zu sein, das bedeutete für ihn nicht nur Geradlinigkeit und absolute Ehrlichkeit, die sich bei ihm paarte mit echter Demut und einem feinen Gespür für die Lebensumstände und das Befinden seiner Mitmenschen. Anstand, das hieß bei ihm eben auch, anzupacken, wo etwas anzupacken war, und das mit ganzer Kraft und Leidenschaft und ohne Schonung der eigenen Person.
Wirken im Stillen und
helfen, wo es nötig war
Denn die Antriebskraft hinter all seinem Tun war – und das kann man nur von ganz wenigen Menschen sagen – nie die Suche nach irgendeiner Form von Selbstbestätigung. Es war immer nur das Bemühen, überall dort, wo er sah, dass Hilfe benötigt würde, weil etwas nicht optimal, vielleicht sogar ungerecht verlief, verbessernd mitzuhelfen.
Vielleicht ist es da ein treffendes Bild, dass das Haus, in dem er geboren wurde und fast 96 Jahre lang gelebt hat, seit Urzeiten das Haus des „Kalkanten“ war. Also jener Person, die in der Kirche den Blasebalg der Orgel treten musste, damit diese überhaupt spielen konnte.
Auch Sepp Wieland hat in seiner Jugend immer wieder den Blasebalg der Orgel getreten. Und man könnte fast sagen, dass er diese Aufgabe für seine Mitmenschen ein Leben lang übernommen hat: im Stillen und im Hintergrund für andere zu wirken, um seinen Teil dazu beizutragen, dass das gemeinsame Leben ein gelungenes, bisweilen sogar festliches Ereignis werden kann.