Großkarolinenfeld-Tattenhausen – Der elektronische Zeigefinger hat in Tattenhausen wenig zu lachen. Kurz hinter dem nördlichen Ortseingangsschild schaut der Smiley meist ziemlich grimmig drein – und macht klar: In der Grafinger Straße gibt’s ein echtes Verkehrsproblem.
Geschwindigkeitskontrolle
am Ortseingang
Die Staatsstraße 2080 schlängelt sich auf rund vier Kilometern kurvenreich von Ostermünchen nach Tattenhausen – und wird von vielen offenbar als Rennstrecke benutzt. Seitdem die Westtangente eröffnet wurde, so das Gefühl der Anwohner, sei es noch schlimmer geworden. Deshalb trafen sich Gemeindeverwaltung, Straßenverkehrsbehörde und Polizei im Dezember zu einem Vor-Ort-Termin.
Die Gemeinde Großkarolinenfeld handelte schnell und platzierte am 15. Dezember nur 23 Meter hinter dem Ortseingangsschild einen mobilen Geschwindigkeitsanzeiger. „Er misst die Geschwindigkeit in einer Entfernung von 30 Metern“, erklärt Bürgermeister Bernd Fessler. Heißt: Die Messung erfolgt sieben Meter vor dem Ortseingang. Oder anders: Der Bremsweg beträgt noch sieben Meter, um auf die in der Ortschaft vorgeschriebenen 50 km/h zu kommen.
Nur 7,5 Prozent der Fahrer
halten sich an die Regeln
Am 15. Februar wurde Bilanz gezogen. Mit einem erschreckenden Ergebnis: 94.729 Fahrzeuge passierten an 71 Tagen den Kontrollpunkt. Nur 7,5 Prozent (7.113) fuhren die erlaubten 50 km/h. 92,5 Prozent hielten sich nicht an die Geschwindigkeitsbeschränkung.
40.878 Fahrzeuge waren mit 72 km/h unterwegs. Noch schneller waren 15.977 Fahrzeuge mit 80 km/h, weitere 2.697 mit 90 km/h und 367 mit mehr als 100 km/h. Trauriger Spitzenreiter: ein Fahrzeug das an einem Donnerstag gegen 13 Uhr mit 192 Sachen in den Ort bretterte.
Anwohner fordern
mehr Sicherheit
Zum Glück ist noch nichts passiert. Und so soll es auch bleiben. Deshalb fordern die Anwohner mehr Sicherheit an der Grafinger Straße. Die hat weder einen Fußweg noch eine Querungshilfe – und das bei steigendem Verkehrsaufkommen. „Die neuesten Messungen zeigen, dass etwa 9.500 Fahrzeuge pro Woche den Ort passieren“, sagt Fessler. Das sind etwa 1.000 Fahrzeuge mehr als noch vor einem Jahr.
Die Anzahl der Fahrzeuge wäre in Tattenhausen nicht das Problem, wenn sich die Fahrer an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielten. 84.381 waren im Messzeitraum zu schnell – das entspricht 1.188 Rasern am Tag. Die Messdaten seien wertlos, sagt die Polizei. Schließlich wurden sie vor dem Ortseingangsschild gemessen. Dort sei noch eine Geschwindigkeit von 100 km/h erlaubt. Die Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 km/h gilt erst unmittelbar ab dem Ortseingangsschild. Die Verantwortung liege beim Fahrer. Er muss seine Geschwindigkeit rechtzeitig vor dem Schild verringern, um beim Passieren des Schildes maximal 50 km/h zu fahren.
Zwei neue Verkehrsschilder
entspannten die Situation
Schon zwei Verkehrsschilder würden reichen, um die Situation zu entspannen, sagen die Anwohner – und meinen damit eine harmonische Verlangsamung des Verkehrs aus Fahrtrichtung Ostermünchen. Ihre Hoffnung: Würde die Geschwindigkeit vor dem Ortseingang von Tattenhausen schrittweise von 100 km/h auf 80 km/h und 60 km/h gedrosselt, könnte auch die Eintrittsgeschwindigkeit in den Ort sinken.
Entscheiden muss das die untere Straßenverkehrsbehörde am Landratsamt Rosenheim. „Diese Vorbeschilderung wurde beim Vor-Ort-Termin abgelehnt“, berichtet Christian Baumann, Geschäftsleiter der Gemeinde Großkarolinenfeld. Die Ursachen liegen in der Gesetzgebung: Grundsätzlich könne die untere Straßenverkehrsbehörde verkehrsrechtliche Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit des Straßenverkehrs veranlassen, erklärt das Landratsamt auf OVB-Anfrage. Allerdings nur in Ausnahmefällen – nämlich dann, wenn das Ortsschild nicht rechtzeitig erkennbar sei, um die Geschwindigkeit bis zum Ortseingang zu drosseln. Das sei in Tattenhausen aber nicht der Fall. Das Ortsschild sei aus einer Entfernung von 100 Metern gut zu sehen, sodass die Autofahrer genug Zeit hätten, um ihre Geschwindigkeit zu reduzieren.
Die Praxis sieht anders aus. Die meisten Autofahrer bremsen erst im Ort, um sicher in die etwa 60 Meter entfernte Kurve einfahren zu können. Diese Beobachtung der Anwohner wird nun von den Messdaten bestätigt. 85 Prozent aller Fahrzeuge hatten am Ortsschild noch eine Geschwindigkeit von 72 km/h. Ein Geschwindigkeitsabbau von 22 km/h dauert einige Sekunden, erklärt der ADAC. In dieser Zeit legt das Fahrzeug etwa 30 bis 40 Meter zurück. Rechnet man die Reaktionszeit vor dem Bremsvorgang hinzu, sind es weitere 21 Meter. Die Fahrer erreichen also erst nach 60 Metern und damit kurz vor der Kurve die vorgeschriebene Geschwindigkeit.
Die untere Straßenverkehrsbehörde glaubt nicht daran, dass eine stufenweise Anpassung der Geschwindigkeit vor der Ortstafel etwas an den Geschwindigkeitsübertretungen ändern würde. Sie sieht in baulichen oder verkehrsregelnden Maßnahmen sowie verstärkten Kontrollen eher eine Lösung für Tattenhausen. Gleichzeitig kündigt die Behörde an, die Entwicklung weiter zu beobachten: Sollte sich ein Handlungsbedarf ergeben, werde man mit verkehrsrechtlichen Anordnungen reagieren.
Überhöhte Geschwindigkeit ist die Ursache für ein Viertel aller tödlichen Verkehrsunfälle, informiert der Zweckverband Kommunale Dienste Oberland. Da Verkehrskontrollen für mehr Sicherheit sorgen können, überwacht er im Auftrag von 162 Städten und Gemeinden den fließenden Verkehr. Die Überwachungsfahrzeuge oder Blitzanhänger aus dem Oberland sind in der Region berühmt-berüchtigt.
Doch Großkarolinenfeld kann darauf nicht zurückgreifen, da die Gemeinde nicht Mitglied des Zweckverbandes ist. Die Polizei wiederum kontrolliert den Verkehr vorwiegend an Unfallschwerpunkten. Der Ortseingang von Tattenhausen zählt nicht dazu.
Millionen an Bußgeldern
liegen gelassen
Die Missachtung der Höchstgeschwindigkeit innerorts kann nach dem aktuellen Bußgeldkatalog richtig teuer werden: 30 Euro werden bei einer Überschreitung von bis zu 10 km/h fällig. 70 Euro für bis zu 20 km/h. Oder 180 Euro plus ein Punkt in Flensburg und ein Monat Fahrverbot für bis zu 30 km/h.
Am Ortseingang von Tattenhausen hätte der Rubel von Dezember bis Februar also ordentlich rollen können. Allein die 26.840 Fahrzeugführer, die mit 60 km/h in den Ort eingefahren sind, hätten – den Toleranzabzug mal außer Acht gelassen – insgesamt mehr als 800.000 Euro zahlen müssen. Die 39.548, die mit 70 km/h registriert wurden, weitere 2,7 Millionen Euro. Und die 15.187 Fahrer mit 80 Sachen noch einmal 2,7 Millionen Euro. Macht insgesamt rund 6,2 Millionen Euro.
Will den Anwohnern
wirklich keiner helfen?
Die Situation in Tattenhausen ist eine verfahrene Kiste – aus gefühlter Unsicherheit der Anwohner, bewiesener Raserei im Ortseingangsbereich und fehlenden Sanktionen oder Maßnahmen für mehr Verkehrssicherheit. „Man kann nur immer wieder an die Vernunft der Autofahrer appellieren – für einen vernünftigen Fahrstil und gegenseitige Rücksichtnahme“, sagt Bürgermeister Bernd Fessler (parteifrei). „Unterm Strich liegt die Verantwortung bei den Fahrzeugführern“, bestätigt Dritter Bürgermeister Roman Hörfurter (PLW). Als ehemaliger Polizeibeamter weiß er aber auch, dass es ausgesprochen schwer ist, die Unvernunft der Autofahrer in den Griff zu bekommen.
Hörfurter sieht in baulichen Maßnahmen zur Geschwindigkeitsreduzierung durch das Staatliche Bauamt Rosenheim und verstärkten Polizeikontrollen mögliche Lösungen und verspricht: „Das Problem ist nachgewiesen. Die Fakten liegen vor. Jetzt müssen wir mit den zuständigen Stellen Kontakt aufnehmen und eine Lösung für unsere Bürger in Tattenhausen finden.“
Hoffnung auf
den neuen Gemeinderat
Der Landtagsabgeordnete und Gemeinderat Sepp Lausch (FW) hatte sich für den Vor-Ort-Termin im Dezember starkgemacht. Nachdem nun die Fakten und Messungen vorliegen und ab Mai ein neuer Gemeinderat die Verantwortung übernimmt, könne es mit drei Projekten weitergehen: auf gemeindlicher Ebene mit Anträgen auf Verkehrsüberwachung durch den Zweckverband Kommunale Dienste Oberland und auf ein Verkehrslärmgutachten an der Staatsstraße 2080 in Tattenhausen sowie mit einer Petition im Landtag.
Denn eines dürfe nicht passieren, sagt Lausch: „Dass unsere Bürger mit ihren Sorgen von Pontius zu Pilatus laufen und sich keiner verantwortlich fühlt.“