Aschau – Der Streit um den Ersatzneubau der Kampenwandseilbahn geht in die nächste Runde. Nachdem eine außergerichtliche Einigung zwischen Betreiber und Bund Naturschutz gescheitert ist, wird nun der Verwaltungsgerichtshof entscheiden, ob der Naturschutz in den Genehmigungsbescheiden des Landratsamtes Rosenheim ausreichend beachtet ist. Der Bund Naturschutz ist in Sorge um die sensible Bergnatur. Doch in Aschau im Chiemgau entwickeln sich Tourismus und Natur schon seit 70 Jahren im Einklang. Im OVB-Interview erklärt Herbert Reiter, Chef der Tourist-Info, wieso der Schutz der Naturlandschaft die Grundlage des Tourismus ist, und wer sich aktiv für den Naturschutz engagiert.
Der Tourismus ist einer
der wichtigsten
Wirtschaftsfaktoren im Priental. Wie wirkt er sich in der Gemeinde Aschau
im Chiemgau aus?
Herbert Reiter: Mit einem Bruttoumsatz von 45,5 Millionen Euro im Jahr – das sind 120.000 Euro am Tag – ist der Tourismus für das Priental ein wichtiger Wertschöpfungs- und Beschäftigungsfaktor. In unseren touristischen Betrieben werden Löhne, Gehälter und Gewinne in Höhe von 15,1 Millionen Euro generiert. In der Branche sind 610 Mitarbeiter und damit zehn Prozent der Aschauer Bevölkerung beschäftigt. Der Einzelhandel verdient am Tourismus – etwa neun Millionen Euro pro Jahr. Anbieter von Dienstleistungen sind am Umsatz mit etwa elf Millionen Euro beteiligt. Der Tourismus ist in unserer Gemeinde ein wirklich großer Wirtschaftsfaktor und unabdingbar.
Und alles auf
Kosten der Natur?
Ganz im Gegenteil. Mit der Kampenwand, dem Naturschutzgebiet Geigelstein, dem Landschaftsschutzgebiet Bärnsee, der Prientaler Flusslandschaft, weiten Almflächen, Wäldern und zahlreichen Sinnstifter- und Kraftorten achten wir ganz besonders auf einen Schatz an einzigartiger Natur- und Kulturlandschaft und pflegen diesen mit Respekt und Weitblick. Im vergangenen Jahr haben wir das Tourismusleitbild für Aschau im Chiemgau und das Bergsteigerdorf Sachrang mit einer breiten Bürgerbeteiligung komplett neu aufgestellt und zukunftsweisend weiterentwickelt.
Ist darin auch
der Naturschutz verankert?
Im Zentrum unseres Leitbildes stehen Natur, Kultur und Tradition als unser höchstes Gut. Sie zu bewahren und zeitgemäß behutsam weiterzuentwickeln, sehen wir als besonderen Auftrag an. Mit naturnahen Erlebnisräumen, mit Schutzzonen für den Erhalt der Artenvielfalt, mit einem Miteinander auf Almen, Wegen und in den Dörfern.
Gezielte Besucherlenkung ermöglicht einen nachhaltigen und verantwortungsvollen Umgang der verschiedensten Nutzergruppen mit unserer Landschaft. Dies alles in enger Abstimmung unter anderem mit den Freiherrlich v. Cramer-Klettschen Betrieben, den Bayerischen Staatsforsten, der Landwirtschaft und vielen mehr. Auch unser Tourismusverband Chiemsee Alpenland hat dazu eine eigene Sensibilisierungs-Kampagne gestartet.
Welche Rolle spielt dabei die Kampenwandseilbahn?
Nach wie vor soll die alpine Landschaft im Priental achtsam erlebbar sein – mit generationenübergreifenden und fein abgestimmten Angeboten. Da ist die Kampenwandseilbahn ein wesentlicher Bestandteil. Mit einem Ersatzneubau wird nicht nur die langfristige Betriebssicherheit gewährleistet, sondern auch ein barrierefreier Zugang zur Bergwelt geschaffen – für Rollstuhlfahrer, Familien mit Kinderwagen und ältere Menschen. Gleichzeitig sorgt die zeitgemäße Seilbahntechnik natürlich für mehr Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Deshalb ist der Ersatzbau der Kampenwandseilbahn unabdingbar und von ganz besonderer Bedeutung für den Tourismus – nicht nur für Aschau, sondern für die gesamte Region – ja, ich traue mir zu sagen, für den bayerischen Alpenraum. Es ist anerkennenswert, mit welchem Engagement die private Betreiberfamilie dieses Vorhaben kontinuierlich vorantreibt.
Ist auch aktives Anpacken für den Naturschutz ein
Teil des touristischen Konzepts?
Ja, natürlich. Unsere Gäste können sich aktiv in die Landschaftspflege einbringen – beispielsweise beim alljährlichen Schwenden im Bergsteigerdorf Sachrang. Almen sind von großer Bedeutung für den Natur- und Kulturraum der Alpen. Die bayerischen Bergsteigerdörfer Sachrang, Schleching, Ramsau und Kreuth machen die Almwirtschaft mit ihren vielfältigen Funktionen erlebbar und laden jedes Jahr im Herbst zum Arbeitseinsatz auf die Alm ein. Das Schwenden trägt dazu bei, die Almflächen von größerem Bewuchs freizuhalten. Und ganz nebenbei erfahren die Gäste dabei mehr über die Bergsteigerdörfer, das Priental, die Vegetation sowie über Forst- und Almwirtschaft.
Da passt es optimal, dass wir gerade ein ganz neues Aschau- und Sachrang-Kinderangebot erarbeiten, bei dem das Naturerlebnis und die Sensibilität kindgerecht und mit besonderen Illustrationen dargestellt werden.
Ist das große
Wanderwegenetz im
Priental barrierefrei?
Es wäre schön, wenn Wanderwege für möglichst viele Menschen zugänglich wären. Doch in der Natur ist das natürlich nicht immer möglich. Umso wichtiger ist es, dass unser Wegeangebot so gestaltet wird, dass es für unterschiedliche Gruppen erlebbar bleibt und zu einem echten Naturerlebnis wird. In den Bergen lässt sich das jedoch nicht überall umsetzen – und genau das macht den Reiz und die Herausforderung aus. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr gemeinsam mit der Aschauer Behindertenbeauftragten Christine Ramsauer ein kleines, aber wirkungsvolles Faltblatt für mehr Teilhabe und Inklusion erarbeitet: „Wege für Alle“. Das neue Wanderfaltblatt präsentiert sechs ausgewählte Wege, die mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen barrierefrei begehbar und gleichzeitig landschaftlich besonders reizvoll sind.
Nachhaltiger Tourismus
ist untrennbar mit
alternativer Mobilität
verbunden. Welche
Angebote gibt es dafür
im Priental?
Im Priental bieten drei neue grüne DAV-Mitfahrbankerl an den Wanderparkplätzen Hintergschwendt, Hainbach und im Bergsteigerdorf Sachrang spontane Mitfahrgelegenheiten. Sie sind Teil eines Mobilitätsprojekts im bayerischen Alpenraum, das nachhaltigen Bergsport, gemeinschaftliches Handeln und Klimaschutz verbindet. Ziel des Projekts ist es, die „letzte Meile“ zwischen Wanderausgangspunkten und Bus- oder Bahnhöfen zu überbrücken.
Tourismus braucht Betten – wie hat sich das Angebot in Aschau im Laufe der Zeit verändert?
Wir sind sehr erfreut – ein vielfältiges Bettenangebot ist ein grundlegender Baustein für den Tourismus. In unserer Gemeinde ist die Zahl der Betten im vergangenen Jahr um 126 auf 2.390 gewachsen. 126 neue Betten mit zeitgemäßem Komfort und hochwertiger Qualität stärken das Unterkunftsangebot nachhaltig. Die Agrad Chalets wurden neu eröffnet und setzen neue qualitative höchste Maßstäbe im Priental.
Auch die Gästezimmer im Keilhof am Kirchberg wurden komplett erneuert und in Betrieb genommen – und natürlich ist für uns besonders wichtig, dass das Unterkunftsangebot des Burghotels wieder gegeben ist.
Im Ortsteil Bach wurde das „Wirtshaus zur Klause“ und in Hohenaschau das Restaurant im Burghotel wiedereröffnet. Die Zahl der Übernachtungen ist 2025 um 10.000 auf 316.300 gestiegen, die der Gäste von 77.900 auf 83.000.
Die Aschauer verdienen
also nicht nur am
Tourismus, sondern
investieren auch kräftig, damit der Motor der
lokalen Wirtschaft
nicht stillsteht?
Das Besondere am Priental ist, dass uns das gemeinsame Bedürfnis verbindet, unsere Gäste mit Qualität und Gastfreundschaft zu inspirieren. Tourismus hier bedeutet nicht nur Leidenschaft und Herzblut, sondern auch ein top motiviertes Team, das gemeinsam mit vielen Akteuren besondere, bodenständige und zugleich pfiffige Angebote schafft, um die Menschen zu begeistern. Erfreulicherweise gibt es zahlreiche engagierte Menschen, die sich ehrenamtlich für Kultur, Brauchtum, Tradition, Freizeit, Sport und Gesundheit einsetzen – darunter Vermieter, Gastwirte, Dienstleister, Einzelhändler sowie der Gemeinderat und die drei Bürgermeister. Ihr Einsatz, ihre Investitionen und die effektive Zusammenarbeit aller Akteure bilden die Grundlage für eine positive touristische Entwicklung, die uns tagtäglich aufs Neue motiviert.
Interview: K. Gerlach