Nußdorf stemmt viel – und bleibt auf Kurs

von Redaktion

Bürgerversammlung zeigt, dass Gemeinde trotz knapper Finanzen vernünftig arbeitet

Nußdorf – Die Bürgerversammlung in Nußdorf am Inn zeigte in diesem Jahr vor allem eines: Die Gemeinde hat keine luxuriösen Spielräume, aber sie hat Haltung. Nußdorfs Bürgermeisterin Susanne Grandauer führte sachlich und ohne Beschönigung durch einen Abend, an dem deutlich wurde, wie viel eine kleine Kommune gleichzeitig leisten muss – von Kinderbetreuung und Schule über Hochwasserschutz und Infrastruktur bis hin zu sozialen Zukunftsprojekten. Auf der Tagesordnung standen neben ihrem Bericht die geplante Nutzung des „Hauses am Steinbach“, der aktuelle Stand im Mühltal sowie der Bericht der Polizeiinspektion Brannenburg.

Nicht über Geld jammern, sondern priorisieren

Schon die Finanzzahlen machten klar, unter welchen Bedingungen die Gemeinde arbeiten muss. Der Haushalt für 2026 umfasst 7,8 Millionen Euro, neue Kredite sind nicht vorgesehen. Gleichzeitig muss Nußdorf Rücklagen entnehmen; der Schuldenstand soll zum Jahresende bei rund 4,3 Millionen Euro liegen. Das ist keine bequeme Lage. Doch an diesem Abend war deutlich zu spüren, dass die Gemeinde ihre Aufgaben mit Ruhe, Struktur und Verantwortungsbewusstsein angeht. Genau darin lag die eigentliche Botschaft dieses Berichts: nicht jammern, sondern priorisieren.

Besonders greifbar wurde das bei Betreuung und Bildung. Im Haus für Kinder St. Vitus werden derzeit 95 Kinder betreut – in Krippe, Übergangsgruppe und Kindergarten. Für die Gemeinde bedeutete das 2025 einen Aufwand von knapp 528.000 Euro, also 5556 Euro pro Kind. In der Grundschule werden aktuell 86 Kinder in fünf Klassen unterrichtet, in der Offenen Ganztagsschule 44 Kinder. Mit Blick auf die kommenden Vorgaben wächst hier der Druck weiter: Künftig soll Betreuung täglich von 8 bis 16 Uhr möglich sein, bei höchstens 20 Schließtagen in den Ferien. Dass viele Eltern dazu Fragen hatten, war deshalb nur folgerichtig.

Auch die weiterführende Schule kostet Geld, das eine Gemeinde dieser Größe erst einmal aufbringen muss. 27 Nußdorfer Kinder besuchen derzeit die Mittelschule, die laufende Schulverbandsumlage beträgt 62.100 Euro. Hinzu kommt beim Erweiterungsbau ein rechnerischer Gemeindeanteil von rund 299.000 Euro. Daneben stehen weitere Vorhaben an: Schallschutz an der Grundschule, Umbauten beim Haus für Kinder, die Bebauungsplanänderung für den Nußdorfer Hof zur Schaffung einer Tagespflege, die Ersterschließung am Winkelwiesweg, die Radwegbrücke „Erler Wind“ in Windshausen, der Glasfaseranschluss fürs Rathaus sowie Planung und Veräußerung am Hochriesweg 5. Wer solche Aufzählung hört, sieht schnell: In Nußdorf wird nicht an einem Projekt gearbeitet, sondern an vielen.

Ein Schwerpunkt des Abends lag auf dem Mühltal – und damit auf einer Aufgabe, die die Gemeinde seit dem Starkregenereignis 2024 in besonderer Weise fordert. Josef Hamberger vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim erläuterte den Stand der Instandsetzung. Die Maßnahmen reichen vom Hochwasserschutz am Steinbach über Sanierungen und Hangsicherungen bis hin zu neuen baulichen Schutzmaßnahmen. Die vorläufigen Gesamtkosten des Wasserwirtschaftsamtes beziehungsweise des Freistaats liegen bei 6,5 Millionen Euro. Das ist eine Größenordnung, die deutlich macht, wie langwierig und teuer solche Folgen für eine Gemeinde sein können. Gerade hier wurde sichtbar, dass Verwaltung und Bürgermeisterin mit Problemen umgehen müssen, die nicht spektakulär klingen, aber enorme Auswirkungen auf Sicherheit, Wegeführung und Alltag haben.

Daneben zeigte die Versammlung aber auch, dass Nußdorf den Blick nicht nur auf Schäden und Pflichten richtet, sondern auch auf Zukunft. Mit dem „Haus am Steinbach“ soll gemeinsam mit Zukunft trotz Handicap und der Caritas ein inklusiver Wohn- und Lebensort entstehen. Vorgesehen sind drei baugleiche Geschosse mit jeweils zehn Apartments und Gemeinschaftsraum, dazu ein Tagescafé mit Ausbildungsbetrieb, Tagesbetreuung für Menschen mit eingeschränkter Arbeitsfähigkeit und weitere gemeinschaftliche Nutzungen. Die Renovierung und Modernisierung sollen etwa ein Jahr dauern. Das Projekt wurde nicht als Sonderfall vorgestellt, sondern als Bereicherung des Ortes. Und genau so kam es auch an: als sozialer Aufbruch, der gut zu einer Gemeinde passt.

Auch in anderen Bereichen wurde deutlich, wie breit das kommunale Aufgabenspektrum ist. Die Trinkwasserversorgung mit 40,3 Kilometern Leitungsnetz, vier Pumpstationen und Notverbund funktioniert stabil. Der Wasserverbrauch lag zuletzt bei 143.896 Kubikmetern.

Im Tourismus sind Gäste- und Übernachtungszahlen weiter rückläufig. Das Freibad verzeichnete hingegen deutlich höhere Einnahmen als im Vorjahr. Solche Zahlen stehen nicht im Mittelpunkt politischer Debatten, sagen aber viel darüber aus, wie eine Gemeinde funktioniert: Nämlich über viele verlässliche Grundlagen, die meist erst dann auffallen, wenn sie nicht mehr da sind.

Zum Ende kam auch die Polizei zu Wort. Karin Walter von der Polizeiinspektion Brannenburg zeichnete insgesamt ein eher beruhigendes Bild, verband das aber mit klaren Warnungen vor Internetkriminalität und aktuellen Betrugsmaschen. Auch das passte gut zu diesem Abend: kein Alarmismus, sondern Information, Einordnung und der Versuch, die Bürgerinnen und Bürger möglichst konkret mitzunehmen.

In der Schlussrunde zeigte sich dann noch einmal, dass eine Bürgerversammlung mehr ist als die Präsentation von Zahlen. Aus dem Publikum kamen Hinweise auf Veranstaltungen und auf Themen, die vielen im Alltag wichtig sind. Genannt wurde etwa das kulturelle Leben im Ort mit dem aktiven Verein kunst+werk, der 2026 sein 20. Jubiläum feiert und mit „Vui Stui“ eine große Mitmach-Freiluftausstellung plant.

Bobby-Car-Strecke muss
saniert werden

Zur Sprache kam auch die marode „Bobby-Car-Rennstrecke“, die als Teil des Ölschlagweges Sanierungsarbeiten kleineren Umfangs bedarf. Mehrere Eltern fragten die Bürgermeisterin zur Offenen Ganztagsschule. Und der scheidende Gemeinderat Alois Linder machte darauf aufmerksam, dass es für die weitere Verwendung des Objekts Hochriesweg 5 einen Arbeitskreis aus der Bevölkerung gibt. Denn Gemeindepolitik in Nußdorf soll von den Bürgern mitgetragen werden.

So blieb am Ende ein durchaus positives Bild. Nicht, weil alles leicht wäre. Sondern weil in Nußdorf erkennbar ist, dass trotz knapper Mittel gearbeitet, geplant und entschieden wird. Die Gemeinde steht unter Druck, muss viel gleichzeitig bewältigen und kann sich einfache Lösungen kaum leisten. Aber sie wirkt handlungsfähig. Und das ist in Zeiten wie diesen bereits mehr, als man von manch anderer Kommune sagen kann.re

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