Wintertourismus – auch ohne Schnee

von Redaktion

Oberaudorf – Der Winter ist unberechenbar geworden. Was früher als verlässliche Grundlage für den Tourismus galt, ist heute zunehmend ein Risiko: Schnee fällt später, bleibt kürzer oder bleibt ganz aus. In Oberaudorf wird dieser Wandel nicht nur beobachtet, sondern aktiv zum Ausgangspunkt neuer Ideen gemacht. Eine Projektwoche der Technischen Universität München zeigt, wie sich eine ganze Region auf diese veränderten Bedingungen einstellen könnte.

Wissenschaftliche
Perspektiven

Im Schauerhaus, einem Schullandheim oberhalb des Inntals, kamen mehrere Dutzend Studierende und ihre Dozenten zusammen, um sich einer ebenso konkreten wie drängenden Frage zu widmen: Wie lässt sich Wintertourismus gestalten, wenn die Schneesicherheit schwindet? Unter der Leitung von Jörg Königstorfer sowie den Modulverantwortlichen Thomas Plank und Thomas Froschmeier verband das Projekt wissenschaftliche Perspektiven mit praktischer Arbeit vor Ort. Die Tourist-Information unterstützte die Woche organisatorisch und brachte die Bedürfnisse der Region ein.

Im Zentrum stand die Entwicklung nachhaltiger Gruppenreisen für Kinder und Jugendliche. Gerade Schulklassen, Skikurse oder Trainingslager sind ein wichtiger Bestandteil des Wintergeschäfts – und zugleich besonders anfällig für den Wandel. Die Studierenden sollten daher Konzepte entwerfen, die auch ohne verlässliche Schneelage funktionieren und zugleich ökologischen und gesellschaftlichen Anforderungen gerecht werden. Grundlage dafür war eine mehrmonatige Vorbereitung, in der sie sich im Rahmen problembasierten Lernens mit den Herausforderungen nachhaltigen Reisens auseinandergesetzt hatten. Während der Projektwoche arbeiteten die Teilnehmenden interdisziplinär und griffen auf Erkenntnisse aus Sport- und Gesundheitswissenschaften ebenso zurück wie aus den Geowissenschaften. Im Austausch mit lokalen Akteuren entstanden Vorschläge, die nicht nur theoretisch tragfähig, sondern auch praktisch umsetzbar sein sollen. Dabei spielte die Orientierung an den globalen Nachhaltigkeitszielen ebenso eine Rolle wie die Frage, wie sich unterschiedliche Interessen – von Gemeinden über Tourismusbetriebe bis hin zu Gästen – miteinander vereinbaren lassen.

Tradition und
Fortschritt verbinden

Das Projekt ist Teil einer breiteren Entwicklung in Oberaudorf. Die Gemeinde versucht gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Tourismus, den Blick weg von der reinen Schneelogik zu lenken. Natur- und Kulturerlebnisse, Bildungsangebote und wetterunabhängige Freizeitmöglichkeiten sollen stärker in den Vordergrund treten. Ziel ist es, den Ort widerstandsfähiger gegenüber klimatischen Veränderungen zu machen und gleichzeitig neue Perspektiven für Gäste wie Einheimische zu eröffnen. Was in Oberaudorf erprobt wird, ist dabei exemplarisch für viele Regionen in den bayerischen Alpen. Der klassische Wintertourismus steht unter Anpassungsdruck, und mit ihm die Frage, wie sich Tradition und Zukunft miteinander verbinden lassen. Die Projektwoche der TUM liefert darauf keine endgültigen Antworten, aber sie zeigt, in welche Richtung gedacht wird: weg von der Abhängigkeit vom Schnee, hin zu einem Tourismus, der auch ohne weiße Landschaft Bestand haben kann.

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