Hat konservative Orthopädie eine Zukunft?

von Redaktion

Monate der Unsicherheit sind vorerst vorbei: Die Simssee Klinik in Bad Endorf hat wieder eine Planungsgrundlage. Die angepasste Krankenhausreform stärkt spezialisierte Fachkliniken. Welche Auswirkungen das auf Akutmedizin und Rehabilitation in der Region hat.

Bad Endorf – Vorsichtiger Optimismus in Bad Endorf: Am 6. März hat der Bundestag den Gesetzentwurf zur Anpassung der Krankenhausreform (KHAG) beschlossen. Am Freitag (27. März) stimmte der Bundesrat zu. Damit ist für die Gesundheitswelt Chiemgau AG mit ihren drei Kliniken ein wichtiger Meilenstein erreicht. „Nach der Krankenhausreform vom Dezember 2024 gibt es jetzt wieder mehr Orientierung und Planbarkeit, sicher entschieden ist damit aber noch nichts“, erklärt Dietolf Hämel, Vorstand der Gesundheitswelt Chiemgau AG. Ob die Simssee Klinik die für sie zentrale Leistungsgruppe 14 (Allgemeine Chirurgie) tatsächlich zugewiesen bekomme, hänge nun von den Entscheidungen des Freistaates Bayern ab.

Fachkliniken fanden
endlich Beachtung

Schlaflose Nächte bereitete den Bad Endorfern vor allem, dass Fachkliniken und viele Spezialgebiete wie die konservative Akut-Orthopädie und Schmerztherapie im ersten Gesetz nicht beachtet worden waren. Im Laufe des Jahres 2025 wurde es nachjustiert. Nach zähen Verhandlungen und zahlreichen Änderungsanträgen ist das Gesetz am 1. April in Kraft getreten. Trotzdem bleibt Kritik.

„Es ist ein Kompromiss, auf dessen Grundlage man arbeiten kann, der aber noch Nachbesserungen braucht“, sagt Dietolf Hämel. So gebe es jetzt einen Entwurf einer Definition für Fachkrankenhäuser, eine endgültige Fassung soll bis 2030 erarbeitet werden. Für die seit 1976 bestehende Simssee Klinik in Bad Endorf ist das zumindest ein wichtiges Signal: „Unsere konservative orthopädische Akutmedizin, diese spezialisierte Einheit, hat unter dem neuen Rechtsrahmen eine realistische Chance, erhalten zu bleiben.“ Sie leiste einen wichtigen Beitrag zur bedarfsgerechten, flächendeckenden und zugleich ressourcenschonenden Versorgung in der Region. Ob diese Chance genutzt werden kann, entscheide sich allerdings erst mit den konkreten Festlegungen des Freistaates.

Die Herausforderungen des neuen Gesetzes stecken im Detail: In 61 Leistungsgruppen (LG) werden unter anderem Qualitätskriterien und Personalstandards für medizinische Leistungen festgelegt. Allerdings existiert nicht für jedes spezialisierte Angebot auch eine eigene Kategorie. So wurde etwa die konservative Orthopädie der Leistungsgruppe 14 für Allgemeine Chirurgie zugeordnet. „Das bedeutet, dass wir am Standort Bad Endorf eigentlich Operationssäle und eine Intensivstation vorhalten müssten, obwohl wir gar nicht operieren“, erläutert Hämel.

Die Länder hatten sich für mehr Gestaltungsspielräume stark gemacht, um auf die Besonderheiten vor Ort eingehen zu können. So dürfen sie bei der Zuweisung von Leistungsgruppen beispielsweise „erweiterte Kooperationsmöglichkeiten“ genehmigen. Damit könnte es der Simssee Klinik möglich werden, die Anforderungen in Kooperation mit einem regionalen Partner zu erfüllen.

Auch die geforderte personelle Ausstattung für die konservative Orthopädie orientiert sich an den Kriterien für die Chirurgie. „Wir müssen beispielsweise drei Fachärzte für Allgemeine Chirurgie nachweisen – die wir zum Glück haben“, erklärt Dietolf Hämel. Eine weitere Hürde ist die Pflegepersonaluntergrenze. Diese Vorgabe floss erst im parlamentarischen Verfahren über Änderungsanträge in den Gesetzentwurf ein. Sie legt die Mindestzahl an Pflegekräften und Pflegehilfskräften auf den Stationen fest.

Der Verband der Privatkrankenanstalten in Bayern (VPKA) warnt davor, dass die geplante Verknüpfung von Pflegepersonaluntergrenzen mit Leistungsgruppen dazu führen könnte, dass Kliniken Leistungsgruppen verlieren. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) geht sogar davon aus, dass beim aktuellen Personalstand etwa 40 Prozent der knapp 1.900 Krankenhäuser in Deutschland gezwungen wären, medizinische Angebote einzuschränken oder gar zu streichen – das wären rund 735 Häuser, darunter auch Maximalversorger.

Die Simssee Klinik in Bad Endorf ist mit ausreichend Personal auch weiterhin gut gerüstet. Das Problem hier: Die Personaluntergrenzen spiegeln in der Fachklinik nicht den tatsächlichen medizinischen Bedarf wider. Der Personalschlüssel der pflegeintensiven Allgemeinen Chirurgie wird als Maßstab für die nicht-operative Orthopädie angesetzt – obwohl der Pflegebedarf dort deutlich geringer ist.

Die Kliniken der Gesundheitswelt Chiemgau sind sogenannte Mischanstalten, da sie stationäre Akutversorgung und Rehabilitation anbieten. So gehören zur Simssee Klinik in Bad Endorf Abteilungen für konservativ-orthopädische und psychosomatische Akutmedizin, orthopädische und geriatrische Rehabilitationsmedizin sowie mobile geriatrische Rehabilitation.

Der Fokus an der Klinik St. Irmingard in Prien liegt auf onkologischer und kardiologischer Rehabilitation sowie psychosomatischer Akutkrankenhausbehandlung mit einer Spezialabteilung für Psychotraumatologie.

Die Privatklinik Chiemsee-Winkel in Seebruck ist auf psychosomatische Akutbehandlung spezialisiert. Zum medizinischen Sektor der GWC gehören außerdem zwei ambulante Rehazentren in Bad Endorf und Rosenheim.

Fachkliniken für Rehabilitation sind von der Krankenhausreform zwar nicht direkt betroffen. Indirekt aber schon. „Wenn Fachabteilungen an regionalen Kliniken geschlossen werden, kann das für uns natürlich auch zu weniger Einweisungen in die Reha führen – beispielsweise in die kardiologische Reha“, betont Hämel. Also müssen neue Netzwerke geknüpft und Kooperationspartner gefunden werden, die mit der Reform stabil bleiben.

„Unabhängig von der Krankenhausreform steht die Reha-Branche vor finanziellen Herausforderungen“, erklärt der GWC-Vorstand: Steigende Kosten, insbesondere bei Personalausgaben und im Energiesektor, belasten die Einrichtungen.

Zusätzliche Unsicherheit bringt das neue Vergütungssystem der Deutschen Rentenversicherung (DRV). „Wir hoffen, dass die zusätzlich zum Basissatz geplante einrichtungsspezifische Komponente für klinikindividuelle Standort- und Behandlungsqualität dafür sorgt, dass wir ab 2027 zumindest den 2025er-Vergütungssatz wieder erzielen“, so Hämel.

Gesundheitsmarkt
in ständigem Wandel

Der Gesundheitsmarkt verändert sich enorm schnell. „Seit Ende der 1990er-Jahre hat es mehr als 30 Reformen gegeben“, macht Hämel klar. Deshalb sei es für die unternehmerische Widerstandsfähigkeit der GWC entscheidend, „gesundheitspolitische Entwicklungen vorausschauend zu erfassen“, um mögliche Risiken für die Kliniken und alternative Wachstumspotenziale zu erkennen.

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