Fünf Stolpersteine für Aschau

von Redaktion

Am Wanderweg zwischen Aschau und Sachrang wird künftig an Opfer des NS-Regimes erinnert. Nachdem der Gemeinderat die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund ablehnte, ermöglicht nun ein privater Grundstücksbesitzer das Gedenken. Künstler Gunter Demnig wird fünf Steine verlegen.

Aschau – Im Dezember 2025 entschied der Aschauer Gemeinderat, vorerst keine Stolpersteine für NS-Opfer im Gemeindegebiet zu verlegen. Die „Initiative Erinnerungskultur – Stolpersteine für Rosenheim“ sowie der Heimat- und Geschichtsverein Aschau hatten den Antrag gestellt, elf Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen – stellvertretend für etwa 50 bekannte NS-Opfer im Priental.

Gemeinde lehnt Antrag
im Dezember ab

Die wissenschaftliche Basis hatte Dr. Maria Anna Willer gelegt. Über viele Jahre war die Kulturwissenschaftlerin in Gesprächen mit Zeitzeugen und Recherchen in Archiven auf 50 konkrete Namen und Leidenswege von Verfolgten des Naziregimes gestoßen. Für elf Menschen aus verschiedenen Opfergruppen sollten nun Stolpersteine verlegt werden, so der Vorschlag: am Rathaus, an der Grundschule, am Bahnhofsvorplatz, nahe der orthopädischen Kinderklinik in Aschau, an der Villa Elisabeth in Hohenaschau und am Museum Sachrang. Für die meisten der elf Stolpersteine waren auch schon Paten gefunden worden.

Der Gemeinderat stellte die Verlegung der Stolpersteine aber erst einmal zurück und bat um eine angemessene Sondierungsphase. Mit der Begründung, dass die Gemeinde an einem Konzept für eine zentrale Gedenkstätte für alle Opfer von Kriegen und Gewalt im oder am Areal des Aschauer Friedhofs arbeite. Für die Angehörigen der NS-Opfer, die mit Stolpersteinen gewürdigt werden sollten, war das eine bittere Enttäuschung.

Nun hat sich ein privater Grundstücksbesitzer gefunden, der die Verlegung von Stolpersteinen unterstützt. „Am 21. Mai wird der Künstler Gunter Demnig fünf Stolpersteine am Wanderweg zwischen Aschau und Sachrang auf Privatgrund verlegen“, kündigt Dr. Thomas Nowotny von der Initiative Erinnerungskultur an. Sie sollen an Johanna Weißensteiner, Ludolf und Elisabeth Bodmer sowie Ingrid und Gudny Dybwad erinnern.

Nowotny ist besonders glücklich darüber, dass ein Mitglied des neuen Aschauer Gemeinderates bei der Verlegung sprechen wird: „Johanna Stegherr, die Enkelin von Johanna Weißen-steiner, wird über das Schicksal ihrer Großmutter berichten.“ Sie war Widerstandskämpferin der „Roten Kapelle“, wurde 1942 von der Gestapo verhaftet und war bis 1943 im Frauengefängnis Berlin-Moabit inhaftiert. Nach ihrer Entlassung kehrte sie nach Aschau zurück, setzte sich nach dem Krieg gegen die deutsche Wiederbewaffnung ein und engagierte sich als Mitglied der KPD in der Frauenfriedensbewegung. Sie lebte bis zu ihrem Tode in Aschau. In Stein wird künftig ein Stolperstein an Johanna Weißensteiner erinnern. Die Patenschaft übernimmt der Aschauer Verein „Filmriss“.

„Zwei weitere Steine werden für Ludolf und Elisabeth Bodmer verlegt“, erklärt Thomas Nowotny. Die jüdische Familie Bodmer entkam nur knapp der Deportation und suchte im „Margaretenhäusl“ im Sachranger Ortsteil Grattenbach Schutz vor der Verfolgung durch das Naziregime. 1933 waren die Opernsänger am Stadttheater Dortmund entlassen worden. Die Nazis raubten ihr gesamtes Eigentum. Ludolf verstarb seelisch zerstört und körperlich entkräftet am 2. Dezember 1943.

Elisabeth, die als Ehefrau in „Mischehe“ verfolgt wurde, überlebte zurückgezogen und verarmt in Sachrang. Der gemeinsame Sohn Franz wurde als „Halbjude“ ins Zwangsarbeitslager Boulogne-sur-Mer deportiert. Er überlebte. Die Patenschaft für die Stolpersteine für Ludolf und Elisabeth Bodmer übernehmen das Stadttheater Dortmund und ein Bürger aus der Gemeinde Aschau im Chiemgau. Zwei weitere Steine erinnern an Ingrid Dybwad und ihre Schwester Gudny. Ingrid Dybwad wurde als Jüdin 1934 beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Berlin entlassen, wo sie das Akademische Hauptreferat leitete und damit eine wichtige Position in der Betreuung von Stipendiaten innehatte. Sie zog 1935 auf den Berghof Hochleit bei Sachrang, wo sie 1940 plötzlich verstarb. Nach ihrem Tod führte ihre Schwester Gudny Dybwad das Anwesen weiter. Sie war Goldschmiedin und musste 1936 ihre Werkstatt in Berlin aufgeben. Gudny überlebte die NS-Zeit in Sachrang. Die Angehörigen der Dybwad-Schwestern leben heute in Norwegen. Sie unterstützen die Verlegung der Stolpersteine. Die Patenschaften übernehmen der Deutsche Akademische Austauschdienst und Professorin Natascha Mehler, die Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Aschau.

Stolpersteine weltweit
größtes Flächendenkmal

Stolpersteine werden vom Künstler Gunter Demnig (78) seit fast 30 Jahren für die Opfer des NS-Terrors verlegt. Mit über 120.000 Steinen ist das Projekt das größte Flächendenkmal der Welt. „Ein kleines Stück des Wanderweges wird gepflastert, damit die Steine verlegt werden können“, ist Thomas Nowotny dankbar für die Unterstützung aus der Bevölkerung. Am Donnerstag, 21. Mai, um 15 Uhr, setzt Demnig die fünf Stolpersteine ein. Am Freitag, 22. Mai, verlegt er in Surberg einen Stolperstein für die Sintezza Ernestine Reinhardt.

Artikel 8 von 11