Minimaler Komfort, maximale Leistung.
Die Teilnehmer des Radrennens wecken unterwegs auch die Neugier und das Interesse der Einheimischen.
Eggstätt – Ruhephasen von maximal einer halben Stunde, Essen während der Fahrt und „Toiletten“-Besuche unter freiem Himmel – für die Extremsportler Florian Reiterberger und Tina Gröne aus Eggstätt ganz normal. Zumindest wenn sie unterwegs sind. Denn das Paar nimmt seit einigen Jahren gemeinsam an Bikepacking-Rennen teil.
Mit dem Rad in der
ganzen Welt unterwegs
Vor knapp 20 Jahren entdeckte Florian Reiterberger seine Leidenschaft für Langstreckenrennen. Lange war der 46-Jährige mit seinem Mountainbike alleine unterwegs. In Kanada, Alaska oder Lappland auch gerne mal mit dem Fatbike. Seit sieben Jahren muss er aber nicht mehr alleine mit seinem Bike durch die Wildnis fahren. Denn er hat seine Partnerin Tina Gröne an seiner Seite. Gemeinsam sind sie auf zwei Rädern in der Region, ganz Europa und der Welt unterwegs.
Gleich und gleich oder
anziehende Gegensätze?
„Es ist ein Geschenk, dass wir das Gleiche mögen“, sagt Gröne im Gespräch mit dem OVB. Dabei wäre beinahe nichts aus den beiden geworden, erinnert sich die 53-Jährige. 2019 hätten sie sich bei einem Spinning-Marathon kennengelernt. Sein Rad stand neben ihrem. Und Gröne war alles andere als begeistert von Reiterberger. „Er saß die ganze Zeit am Handy und ich dachte mir: Was für ein Wichtigtuer.“ Er wiederum dachte: „Wos is des für a Zwiderne.“ Glücklicherweise kamen sie doch ins Gespräch und merkten schnell, dass sie viele Gemeinsamkeiten haben – und spürten die Anziehung zueinander.
Gröne stammt aus dem hohen Norden, Reiterberger aus dem Süden Bayerns. Sie eine ehemalige Triathletin, er schon immer ein Rad- und Bergsport-Fan. Sie steht eher auf Rennräder, er setzt aufs Mountainbike. „Wir ergänzen uns gut“, sagt Gröne lächelnd. Das erste Mal eine längere Tour unternahmen sie 2020 während der Corona-Pandemie. Es ging an den Gardasee. Es folgte eine Reise auf die friesischen Inseln, Grönes Heimat. „Die erste Fahrt komplett ohne Ruhetag“, erinnert sich Reiterberger.
Das erste gemeinsame Rennen folgte im Jahr darauf beim „Race around Germany“. 3.300 Kilometer und 23.000 Höhenmeter legten sie dabei in zwölf Tagen zurück. Unterwegs versorgten sie sich selbst. Das Besondere daran: Gröne war damals die zweite Frau überhaupt, die dieses Rennen abgeschlossen hat.
Seitdem suchen sie regelmäßig gemeinsam das nächste Abenteuer: 2023 nahm das Paar am „Trans Balkan Race“ teil, das sie an acht Tagen durch vier Länder führte. Nach über 1.100 Kilometern über unwegsames Gelände und frühere Minenfelder wurden sie etwa eine Tagesetappe vor dem Ziel in Montenegro von der „Bora“ – einem besonders starken und kalten Wind, der in Küstengebieten auftritt – überrascht. „Über Stunden lagen wir klatschnass am Berg und haben gewartet, dass es aufhört“, so Gröne. Die halbe Ausrüstung sei davongeflogen oder durchnässt. Sie mussten abbrechen. Für Gröne und Reiterberger aber „ganz normales Risiko“ bei Rennen – und Erlebnisse, die zusammenschweißen. Mehr Erfolg hatten sie beim „B-Hard Ultra Race Bosnien“, wo sie als einziges Pärchen gemeinsam ins Ziel kamen.
Die Erfahrungen ließen bei den beiden den Wunsch reifen, gemeinsam an einem Rennen außerhalb Europas teilzunehmen. Reiterberger hatte sofort eine Idee: Das „Race around Rwanda“. Und während er sich bereits durch das ostafrikanische Land radeln sah, sagte sie: „Afrika ist saugefährlich.“
Ein wenig Überzeugungsarbeit später war es beschlossene Sache: Im Februar 2025 reiste das Paar in die Hauptstadt Kigali. 1.000 Kilometer und 19.000 Höhenmeter lagen von dort aus vor ihnen. Vorbei an Dörfern, durch das Bergland und über Teeplantagen radelten sie überwiegend über die rote Erde Afrikas.
Das Land, das nur ein Drittel der Fläche Bayerns bedeckt, dafür aber rund eine Million Einwohner mehr hat, ist dicht besiedelt, bietet spektakuläre Ausblicke sowie vielfältige Natur und Landschaft. Aufgrund der autoritären Regierung sei die Sicherheitslage gut, aber auch für die Radler spürbar gewesen. Unterwegs sei ihnen immer wieder das Militär mit schwerem Gerät begegnet. Außerdem sei das Land sehr sauber gewesen. „Einmal im Monat müssen alle Bürger zum Müllsammeln antreten“, berichtet Reiterberger. Das sogenannte Umuganda ist laut der offiziellen Homepage von Ruanda eine staatlich vorgeschriebene Gemeinschaftssammelaktion, die seit mehreren Jahren jeden letzten Samstag im Monat stattfindet.
K.O. nach
Lebensmittelvergiftung
Dreieinhalb Tage haben sie die Wertung als Paar angeführt. 170 Kilometer vor dem Ziel war klar: Es geht nicht weiter. „Wir mussten abbrechen“, berichtet Reiterberger und wirft seiner Partnerin dabei einen Blick zu. „Mich hatte es erwischt. Lebensmittelvergiftung“, sagt Gröne. Es begann mit leichtem Unbehagen und Appetitlosigkeit und endete in Erbrechen, kompletter Erschöpfung und Zuckungen am ganzen Körper. „Es ging nichts mehr.“
Nach wenigen Tagen war der Infekt überstanden. Enttäuscht, aber entschlossen traten Gröne und Reiterberger die Heimreise an. Im darauffolgenden Jahr wollten sie wiederkommen – und das Rennen zu Ende fahren. Den Entschluss haben sie kurz nach dem Abbruch getroffen. Im Februar 2026 wollten sie sich erneut auf die Räder schwingen und bis ins Ziel fahren.
Radfahren als
Trauerbewältigung
Doch kurz vor dem zweiten Anlauf dann der Schicksalsschlag: Reiterbergers Schwester Sabine verunglückte drei Wochen vor ihrer Abreise tödlich durch einen Lawinenabgang. „Ich wollte alles abbrechen“, erinnert sich Reiterberger unter Tränen. Aber sein Umfeld und vor allem seine Partnerin Tina bauten ihn auf, ermutigten ihn, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Im Gegenteil sei dies die beste Gelegenheit, um den Kopf frei zu radeln. Und er folgte ihrem Rat. Und so machten sie sich erneut auf den Weg, die rote Erde entlang. Und dieses Mal bis zum Schluss. „Für Sabine.“ Obendrauf holten sie die beste Wertung als Paar und gewannen in ihrer Kategorie.
Und auch künftig hat das Paar viel vor: Anfang Mai ist das Duo beim „Race across Italy“ am Start, im Juni planen sie die Teilnahme an der „Midnight Sun Randonnée“ in Schweden.