Bad Endorf/Rimsting – Kaum ein Wildtier polarisiert so sehr wie der Biber. Lange Zeit war er verschwunden, nahezu ausgerottet. Nun ist er zurück, streng geschützt und auf Eroberungszug. Der Mensch stört ihn auf der Suche nach neuen Lebensräumen kaum. Doch der wilde Baumeister verunsichert den Menschen. Seine Dämme an Flussläufen überfluten Felder und Wiesen. Und je stärker sich „Meister Bockert“ vermehrt, desto lauter werden Fragen nach dem Gleichgewicht: Wie viel Biber verträgt die Natur? Und wie viel Biber verträgt der Mensch?
Biber „fällt“
150 Jahre alte Rotbuche
Am Stettner See in der Nähe von Bad Endorf wird der vermeintliche Widerspruch deutlich. Der See gehört zur Eggstätt-Hemhofer Seenplatte und damit zu einem der ältesten Naturschutzgebiete Bayerns. Hier hinterlässt der Nager schon seit Langem seine Spuren. Kürzlich entdeckte Hans Fritz am nordöstlichen Ufer sein jüngstes Opfer: eine etwa 150 Jahre alte Rotbuche mit doppeltem Stamm, deren Rinde der Biber bis zu einer Höhe von etwa einem Meter nahezu komplett abgenagt hat.
„Das ist einer von circa 20 betroffenen alten Bäumen und einer der letzten in der Nähe des Ufers“, bedauert Hans Fritz und fragt, was schützenswerter sei: „Der Biber oder 150 Jahre alte Baumpersönlichkeiten?“ Doch mit seiner Frage will er keine Zwietracht säen. Vielmehr soll sie Perspektiven eröffnen – nicht nur die von Waldbauern wie ihm und seinem Sohn Johannes (50), die ihren Wald seit Jahrzehnten hegen. Auch die Perspektive des Bibers, der Lebensraum sucht und überleben will.
Wie sich der Wald ohne
den Menschen entwickelt
Die Verantwortung für den Wald und den Stettner See haben Hans und Johannes Fritz von ihren Vorfahren geerbt. Sie beobachten, wie sich der Wald mit und ohne menschlichen Einfluss entwickelt. Fernab der Wege und des Sees ließen sie die Natur Natur sein. Hier entwickelte sich die Vegetation ohne den Einfluss des Menschen und ähnelt mit betagten Rotbuchen, Eichen, Weißtannen, Fichten, Eiben, Totholz und natürlicher Verjüngung teilweise einem Urwald. In anderen Bereichen haben sie nach Windwürfen neu gepflanzt. Fast 40 Jahre später zeigt sich, dass es sich gelohnt hat, den Wald sinnvoll zu bewirtschaften, den Bestand genau zu beobachten und so auszulichten, dass Zukunftsbäume stabil wachsen konnten.
Entlang des Rundweges am See aber stoßen die Interessen von Mensch und Tier aufeinander. „Der See hatte noch nie so wenig Wasser“, weiß Hans Fritz aus der Erfahrung seiner 79 Lebensjahre. Der Stettner See ist mit seinen eiszeitlichen Geschwistern wie Langbürgner See, Schloßsee, Kautsee, Hartsee oder Pelhamer See unterirdisch verbunden. Ihr Wasserhaushalt reagiert sensibel auf Niederschläge. Das Jahr 2025 und der letzte Winter waren zu trocken, die Grundwasserpegel in Bayern sanken auf ein Rekordtief.
Was das bedeutet, spüren Mensch und Tier auch am Stettner See. Der Holzsteg am Badeplatz ragt auf seinen Stelzen weit aus dem Wasser heraus. Ein Kopfsprung ins kühle Nass ist da schon nicht mehr ganz ungefährlich. Der Pegel des Sees ist so niedrig wie nur ganz selten.
Wasserpegel sinkt, Biber
muss neue Burg bauen
Der Biber ist schon umgezogen. „Der Eingang zur Biberburg ist trockengefallen, also musste er eine neue Burg bauen, deren Eingang weit genug unter der Wasseroberfläche liegt“, erklärt Hans Fritz. Entdeckt hat er den neuen Bau noch nicht. Doch dass der Nager noch am Stettner See lebt, ist am Ufer deutlich zu erkennen. Nicht nur an den jungen Bäumen, die er fällt, um an die saftigen Äste in den Kronen zu gelangen. Auch die Rinde mächtiger Buchen hat er sich schmecken lassen. „Das Kambium, die Wachstumsschicht zwischen Rinde und Holz, ist sehr nahrhaft“, erklärt Manfred Schölch, Professor für Waldbau und Waldwachstumslehre an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in Bayern.
Der Biber weiß, was er zum Überleben braucht. Doch zugleich scheint das geschützte Tier ein geschütztes Gebiet zu verändern. Die alte Buche wird sterben, denn am offenen Holzkörper siedeln sich Pilze an. Innerhalb von etwa zehn Jahren wird sie zerfressen sein, in etwa 15 Jahren umfallen. „Alles hat seine Zeit“, sagt Manfred Schölch und macht klar, dass der Biber nur aus der Perspektive des Menschen den Baum „zerstört“. Denn das Verhalten wild lebender Tiere sei Teil des Prozesses in einem Ökosystem, das im Zusammenspiel aller Lebewesen und Umwelteinflüsse funktioniere.
„Wenn wir Biodiversität wollen, müssen wir uns an wilde Tiere gewöhnen, ihre Existenzansprüche akzeptieren und die Probleme anerkennen.“ Im Wald konkurrieren Mensch und Biber um die gleichen Ressourcen. Damit beide in friedlicher Koexistenz leben können, zahlt der Freistaat Bayern die „Zeche“ für den Biber, der lange vor dem Menschen die Erde besiedelte, als „Schädling“ fast ausgerottet wurde und nun wieder zum Ökosystem gehört. Über das „Vertragsnaturschutzprogramm Wald“ werden unter anderem Biberlebensräume oder das Belassen von Totholz gefördert, aber auch vom Biber verursachte Ertragsausfälle ausgeglichen.
Buche muss für
Spaziergänger weichen
Die Zukunft der alten Rotbuche am Nordufer des Stettner Sees ist noch nicht besiegelt, denn zur Interaktion von Mensch und Natur gehört auch das allgemeine Betretungsrecht des Waldes. Im Naturschutzgebiet beschränkt sich das zwar auf ausgewiesene Wege. Doch genau die führen am Stettner See entlang des Ufers, das auch der Biber für sich beansprucht. Vermutlich wird die alte Buche am Badeplatz also gefällt werden müssen, um die Sicherheit von Spaziergängern nicht zu gefährden.
Am steilen Ostufer hingegen verläuft der Wanderweg oberhalb des Ufers. Daher konnten hier Biberbuchen über die Jahre zu Totholz verrotten. Ein Geschenk an die Natur, denn „es gibt nichts Lebendigeres als Totholz“, macht Forstwissenschaftler Schölch klar. Für Hans Fritz der schönste Satz des philosophischen Waldspaziergangs, bei dem es nicht allein um Biber und Buche ging, sondern vor allem um die Frage: „Wie gehen wir mit einer Welt um, die vielfältiger ist, als wir sie kennengelernt haben?“
Wildes Leben in
der Region im Fokus
Ob Biber, Wolf oder Bär. Wildtiere werden auch weiterhin im Fokus unserer Berichterstattung stehen. In kommenden Beiträgen beleuchten wir, welche Alternativen es zur Wiederaufforstung von Waldstücken im Lebensraum der Biber gibt und wie gefährlich das Kopf-an-Kopf-Schwimmen mit dem Biber im See ist. Wer weitere Anregungen für Themen rund um das Leben mit wilden Tieren hat, kann uns unter dem Stichwort „Wildes Leben“ unter land@ovb.net kontaktieren.