Verletzter Uhu in spektakulärer Aktion gerettet

von Redaktion

Was Saatkrähen verscheuchen sollte, wurde für einen Uhu zum Verhängnis. In einer spektakulären Rettungsaktion wurde der Wildvogel jetzt in Bad Aibling geborgen. Nun ist ein Team von Experten dabei, ihn schnell wieder flugfähig zu machen, denn die Zeit drängt.

Die Rettung ist geglückt: Mit einem Handtuch konnte Falknerin Katharina Weinberger (links) den Uhu beruhigen. Im Korb der Drehleiter steuerte Christian Staudhammer von der Feuerwehr Bad Aibling die Evakuierung des Tieres. Foto Feuerwehr Bad Aibling

Bad Aibling/Eggstätt – Er hatte es bei seiner nächtlichen Jagd auf das Nest von Saatkrähen abgesehen, doch dann ging er selbst in die Falle: In der Madaustraße in Bad Aibling verfing sich ein Uhu in Flatterbändern. Die waren als Vergrämung für Saatkrähen in einem Baum von Ast zu Ast gespannt worden. Die intelligenten Vögel hatten sich davon nicht abhalten lassen und in der Siedlung zwischen Triftbach und Mangfall trotzdem ihr Nest gebaut. Dem Uhu allerdings wurden die Fäden zum Verhängnis.

Opfer von Drahtzäunen
und Fallstricken

„Eigentlich besitzen Uhus ein exzellentes Nachtsehvermögen, das an das Jagen in der Dunkelheit angepasst ist“, erklärt Katharina Weinberger, Falknerin und Beauftragte für Greifvogelschutz der Unteren Naturschutzbehörde im Landkreis Rosenheim. Doch immer wieder werden Uhus Opfer von Zäunen oder – wie im Fall von Bad Aibling – Fallstricken. „Drahtzäune oder dünne Fäden sind bei Dunkelheit für die Vögel kaum erkennbar, noch dazu, wenn sie sich im Jagdmodus befinden und auf ihre Beute fokussiert sind“, erklärt Weinberger.

In der Madaustraße hatte der Uhu großes Glück. Eine Anwohnerin sah ihn am vergangenen Mittwochmorgen im Baum hängen und informierte die Untere Naturschutzbehörde – die löste den Alarm aus. Die Bad Aiblinger Feuerwehr rückte mit der Drehleiter an. Christian Staudhammer beförderte die Greifvogelexpertin in die Baumkrone. „Der Uhu hing in etwa 23 Metern Höhe, wir sind gerade so zu ihm hochgekommen“, beschreibt die Falknerin die Luftrettung.

Dann zieht sie den gefesselten Uhu mit einem Ast zu sich heran, packt ihn bei den Fängen und schneidet die Schnüre ab. „Er muss die ganze Nacht gekämpft und sich immer stärker verheddert haben“, vermutet Weinberger. Der verängstigte Uhu setzt sich auch bei der Rettungsaktion zur Wehr und langt zu. „Uhus haben dolchartige Krallen und eine Wendezehe, damit sie ihre Beute schlagen und festhalten können“, erklärt die Falknerin. „Die Füße sind sehr kräftig und etwa so groß wie eine menschliche Hand.“

Erst als sie dem Uhu ein Handtuch über den Kopf legen und es sanft um seinen Körper wickeln kann, beruhigt er sich. „Damit werden die visuellen Reize reduziert“, erklärt die Expertin. Als sie den etwa 1,7 Kilogramm schweren und 60 Zentimeter großen Vogel mit einer Flügelspannweite von 1,70 Metern in den Armen hält, kann sie sein Gefieder und die Verletzungen begutachten. Mit geübtem Blick erkennt die Falknerin, dass es ein Altvogel ist. Uhus werden in freier Wildbahn bis zu 25 Jahre alt. Die Federn an seinen Handschwingen sind ramponiert. „Damit ist seine Flugfähigkeit beeinträchtigt“, erklärt sie. Den Vogel direkt in die Freiheit zu entlassen, wäre sein Todesurteil.

Also geht es für den Uhu für weitere Untersuchungen in einer gepolsterten Softbox auf die Reise durch den Landkreis Rosenheim – und das möglichst stressfrei. Erste Station – die private Auffangstation von Katharina Weinberger in Eggstätt. Sie hat inzwischen das Hilfsnetzwerk für Wildvögel aktiviert. Am Abend kommt Tierärztin Stefanie Pfohl zum Hausbesuch. Da sie keine weiteren Verletzungen diagnostiziert, darf der Uhu erst einmal ruhen. Am nächsten Morgen wird der Greifvogel in der Tierarztpraxis des vet-teams Prien geröntgt.

Die Falknerin lässt bei ihrem Hausarzt die Wunde an ihrer Hand inspizieren, ehe sie zu Uhu-Fachmann Björn Clauss nach Soyen aufbricht. Wenn seine Uhus ihr Gefieder wechseln, fallen alte Federn aus und neue wachsen nach. Diese Mauserfedern hebt Clauss auf, denn für verletzte Tiere wie den Aiblinger Uhu könnten sie lebensrettend sein.

Dann endlich eine gute Nachricht aus der Tierarztpraxis: Der Uhu hat keine weiteren Verletzungen, nur die ramponierten Federn. In der kommenden Nacht wird sich herausstellen, dass der Uhu ein Männchen ist. „Das erkennt man am Ruf des Vogels“, erklärt Katharina Weinberger. „Ein Männchen ruft ein tiefes, einsilbiges Buuh, ein Weibchen mit einer etwas helleren Stimme ein zweisilbiges Buh-buh.“

Doch die Videoüberwachung soll auch eine weitere Frage beantworten: Repariert der Uhu sein Gefieder durch Gefiederpflege selbst? „Wenn er es nicht tut und Hilfe benötigt, müssten wir schiften“, beschreibt die Greifvogelexpertin die Reparatur durch den Menschen. Dabei werden die gebrochenen Federn oberhalb des Federkiels abgeschnitten und die Spenderfedern von den Artgenossen aus Soyen mit Sekundenkleber vorsichtig angeklebt. Eine filigrane Arbeit, für die der Uhu in Narkose versetzt werden müsste. Doch diese Methode würde ihm bis zum nächsten natürlichen Gefiederwechsel das Fliegen ermöglichen.

Am gestrigen Freitagmorgen gibt es in Eggstätt erste Gewissheit: „Dem Uhu geht es besser“, sagt Weinberger. Er hat in der Wasserschüssel, die sie ihm in der Voliere aufgestellt hat, gebadet – und er hat auch ein wenig gefressen. Erst in den kommenden zwei Nächten wird sich herausstellen, ob er auch sein Gefieder richtet. Am kommenden Montag wird Tierärztin Stefanie Pfohl noch einmal in Eggstätt vorbeischauen. „Dann entscheiden wir, ob wir schiften müssen oder nicht“, so die Falknerin.

Auswilderung bei
Bad Aibling geplant

Sobald der Uhu wieder flugfähig ist, soll er ausgewildert werden. „Die Zeit drängt ein wenig, denn es ist möglich, dass er eine Partnerin und Jungvögel hat, die auf ihn warten“, sagt Katharina Weinberger. Wo sich sein Horst befindet, kann sie nur erahnen. Das Jagdrevier eines Uhus ist etwa 50 Quadratkilometer groß. Die Greifvögel brüten in verlassenen Horsten anderer Vögel, gern in Felsnischen, aber auch am Boden. Sie bevorzugen alte Steinbrüche und Kiesgruben, Wald und Moor.

„Ich könnte mir gut vorstellen, dass er aus den Filzen bei Bad Feilnbach und Raubling kommt“, sagt Weinberger. Einen geeigneten Platz für die Auswilderung wird sie gemeinsam mit den Bad Aiblinger Jägern finden. Doch wo auch immer er im Umfeld des Fundortes in die Freiheit entlassen wird: „Uhus sind standorttreu und haben einen ausgeprägten Orientierungssinn“, ist sich Katharina Weinberger sicher, dass er zurück zu seiner Familie findet.

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