Abschied nach 24 Jahren

von Redaktion

Nach 24 Jahren endet die Amtszeit von Georg Huber als Bürgermeister der Gemeinde Samerberg. Im Gespräch blickt er auf seine Zeit im Amt zurück, spricht über Krisen und die Herausforderungen der Kommunalpolitik in einer sich wandelnden Gesellschaft.

Samerberg – Es sind die letzten Tage im Amt, aber von Leerlauf kann keine Rede sein. Auf dem Schreibtisch von Georg Huber läuft noch immer das Alltagsgeschäft, Termine stehen an, Entscheidungen sind zu treffen. Nach 24 Jahren als Bürgermeister der Gemeinde Samerberg endet am morgigen Donnerstag seine Amtszeit.

Ein Amt im
Wandel der Zeit

Wer erwartet, dass einer in dieser Lage nur zurückblickt, wird eines Besseren belehrt. Huber wirkt nicht entrückt, nicht überhöht, nicht sentimental. Eher so, wie man ihn in den vergangenen Jahrzehnten kennengelernt hat: nüchtern, bodenständig, mit einer Mischung aus Pragmatismus, Heimatverbundenheit und trockenem Realitätssinn.

Natürlich sei Emotion dabei, sagt er. „Manchmal auch eine gewisse Gefühlsunsicherheit: Was war? Was kommt?“ Doch zugleich sei noch so viel zu tun, dass er oft nicht zum Nachdenken komme. „Aber mir geht es gut.“ Der Abschied, sagt Huber, fühle sich nach einem guten Zeitpunkt an. Dass viele Menschen bedauern, dass er gehe, empfinde er als schönes Gefühl – und auch als Genugtuung. „Es zeigt einem, dass man dieses Amt offenbar einigermaßen gut erfüllt hat.“

Als Georg Huber im März 2002 zum Bürgermeister gewählt wurde, wusste er nicht, worauf er sich einließ. Der Moment, als sein Vorgänger ihm am Wahlabend gratulierte, ist ihm bis heute in Erinnerung geblieben. „Was man zu diesem Zeitpunkt nicht weiß – und das ist wahrscheinlich auch gut so –, ist: Worauf lässt man sich eigentlich ein?“ Vielleicht sei es ein Glück, dass man nicht in die Zukunft schauen könne. „Sonst würde man manches vielleicht gar nicht wagen.“

In diesen 24 Jahren hat sich der Samerberg verändert – und mit ihm das Amt des Bürgermeisters. Huber spricht von Digitalisierung, von wachsender Bürokratie, von schnelleren Kommunikationswegen und einer Gesellschaft, die individueller geworden sei. Früher habe es zwischen Bürgern und Gemeinde noch eine Art Puffer gegeben. Heute sei der Bürgermeister über Handy, E-Mail, soziale Medien oder Whatsapp nahezu in Echtzeit erreichbar. „Die Knautschzone von früher gibt es nicht mehr.“ Das sei in einer kleinen Gemeinde einerseits schön, weil Nähe dazugehöre. Andererseits sei es auch anstrengend.

Auch die Erwartungen seien gestiegen. Bürger seien anspruchsvoller und ungeduldiger geworden. Es müsse vieles sofort funktionieren – und möglichst so, wie der Einzelne es gerne hätte. Gleichzeitig wachse die Bürokratie. „Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine E-Mail von einer übergeordneten Behörde kommt, was wieder neu zu beachten, auszufüllen oder zu dokumentieren ist.“ Für ein kleines Rathaus sei das schwierig, weil dort nicht für jedes Thema Spezialisten bereitstünden. „Bei uns muss fast jeder alles machen.“

„Die Knautschzone
gibt es nicht mehr“

Wenn Huber auf seine Amtszeit zurückblickt, nennt er keine einzelne Großtat. Er spricht vom Alltag eines Bürgermeisters, der ohnehin ausfüllend sei. Doch natürlich bleiben große Projekte: der Umbau des Schwimmbads, die Übernahme und Sanierung der Hochriesbahn, neue Betreuungsangebote von der Grundschule bis zur Kinderkrippe, Kindergarten, Musikschule, Feuerwehrhäuser sowie die Dorfplätze in Roßholzen und Törwang. „Die sichtbaren Dinge bleiben natürlich farbiger in Erinnerung.“

Besonders prägend war die Hochriesbahn. Schon 2003 und 2004 hatte das Thema den Samerberg gespalten, bis hin zu einem Bürgerentscheid. Später folgte die Übernahme der Bahn durch die Gemeinde und den Alpenverein Sektion Rosenheim. Damals sei nicht sicher gewesen, ob das gut gehen würde. Heute sagt Huber knapp: „Die Bahn fährt noch.“ Und sie schreibe schwarze Zahlen. „Das ist schon ein großer Erfolg.“ Nicht alles sei gelungen, sagt er offen. Verkehrsprobleme an stark frequentierten Tagen, schwierige Grundstücksfragen, offene Themen für die Zukunft – all das bleibe. „Man muss ja für die nächste Generation und für meine Nachfolgerin auch noch ein paar Aufgaben übrig lassen.“ Die Belastung durch Verkehr sei zwar zeitlich begrenzt, aber spürbar. Größer noch sieht Huber den Druck auf den Baugrund. Es gehe darum, eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen, ohne den Charakter der Gemeinde zu verlieren.

Zu den schwierigsten Phasen seiner Amtszeit zählt Huber eine schwere Krankheit im Jahr 2003, als er mehrere Monate ausfiel. Damals sei nicht klar gewesen, ob er das Amt weiter ausüben könne. Auch die Corona-Zeit habe sich tief eingeprägt. Er selbst war im März 2020 früh betroffen. „Da war eine große Unsicherheit im privaten Umfeld, im Arbeitsumfeld, in der ganzen Gemeinde.“ Niemand habe zu Beginn geahnt, welches Ausmaß die Pandemie annehmen würde.

Ein Bürgermeister in einer kleinen Gemeinde muss nicht nur verwalten, sondern aushalten. Kritik gehört dazu. Entscheidend sei, nicht nachtragend zu werden. Auch wenn man mit jemandem im Streit auseinandergehe, müsse man ihm später auf dem Dorfplatz oder beim Einkaufen wieder freundlich begegnen können. „Das muss man sich antrainieren.“ Jeder Bürger müsse den gleichen Zugang, die gleichen Chancen und das gleiche Recht haben.

Gute Kommunalpolitik, sagt Huber, funktioniere nicht nach Patentrezept. Jede Kommune sei anders. Wichtig sei ein Grundvertrauen zwischen Bürgermeister und Gemeinderat. Darauf ist Huber besonders stolz. In den vergangenen Jahren habe es über Fraktionsgrenzen hinweg viel Konsens gegeben, viele einstimmige Beschlüsse und auch bei schwierigen Themen tragfähige Mehrheiten. „Kommunalpolitik funktioniert, wenn man überparteilich nach guten Lösungen sucht.“ Es gehe um Teamwork – und darum, dass alle am Tisch spürten, Teil des Ganzen zu sein.

Was das Amt mit ihm persönlich gemacht hat? „Man wächst mit dem Amt“, sagt Huber. Man werde erfahrener, lerne Menschen von unterschiedlichen Seiten kennen, erfahre Dinge, die man manchmal nicht wissen wolle. Vielleicht werde man in manchen Fragen härter, in anderen reicher an Erfahrung. Negativ verändert habe ihn das Amt nicht.

Seiner Nachfolgerin wünscht Huber einen guten Start und eine gute Amtszeit. Mit Ratschlägen hält er sich bewusst zurück. Bewahrt werden müsse vor allem das, was den Samerberg ausmache: die Landschaft, die Eigenheit, der Charakter der Gemeinde. Gleichzeitig dürfe eine Gemeinde nicht stehen bleiben. „Die Vergangenheit zeigt, was positiv war. Die Zukunft zeigt, wo man hinwill. Und daraus ergibt sich, was man heute tun muss.“

Dankbar ist Huber den Menschen, die ihn unterstützt haben: den Mitarbeitenden im Rathaus, den Ehrenamtlichen, den Vereinen, den Partnern der Gemeinde – und seiner Familie. Ohne Rückendeckung im privaten Bereich gehe ein solches Amt nicht.

Positive Erinnerung
ist Dank genug

Und nach dem letzten Arbeitstag? Der Terminkalender werde sich verändern. Es werde angenehm sein, abends nicht mehr so oft wegzumüssen. Vielleicht werde ihm genau das aber auch fehlen. „Ich muss es ausprobieren.“ Auf mehr Zeit mit der Familie freue er sich. Für ein klassisches Rentnerdasein fühle er sich aber noch zu jung. Er könne sich vorstellen, mit seiner Erfahrung auch künftig bei Projekten mitzuhelfen.

Ein Denkmal für seine Amtszeit braucht Georg Huber nicht. „Ich brauche keine Straße, die nach mir benannt wird.“ Er habe seine Rolle erfüllt, sagt er. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Wenn sich die Menschen positiv an diese Zeit erinnerten, „dann ist das Genugtuung genug“. Am Ende bleibt ein Satz, der diesen Abschied vielleicht am besten beschreibt: „Ich scheide in Frieden aus diesem Amt aus.“

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