Stephanskirchen – „Ich musste schon suchen, um unsere Gemeinde zu finden“, sagt Karl Mair, Bürgermeister und Heimatforscher der Gemeinde beim Festabend zum 100. Jubiläum der Gemeindebücherei. Für die Veranstaltung hatten sich Büchereileiterin Ursula Dreischl und der Rathauschef etwas Besonderes überlegt: Unter dem Motto „Stephanskirchen Er-Lesen“ wollten sie zeigen, wo die Gemeinde in Büchern auftaucht. Dafür lasen Gemeinderat Christian Ladner, Lehrerin Christiane Kirschner und Otfried Preußlers Enkel Lorenz Bitsch aus mehr und weniger bekannten literarischen Werken.
„Er-lesenes“ Heimatgefühl
Das Jubiläum ist geprägt von einer Reihe Veranstaltungen rund ums Buch – für Alt und Jung. Der Leseabend markierte etwa die Mitte des Programms und fand passend zum Thema am Welttag des Buches statt. Insgesamt rund 320 Besucher seien bereits zu den Veranstaltungen gekommen, freute sich Dreischl in ihrer Eröffnungsrede.
Auf sie folgte Sabine Adolph, Diözesanbibliothekarin des Michaelsbunds, des ältesten Büchereiverbands Bayerns, bei dem die Gemeindebücherei Stephanskirchen bis heute Mitglied ist. Sie überreichte der Büchereileiterin zum 100. Geburtstag der Bibliothek eine Spende von 3.000 Euro zum Medienerwerb.
Nachdem Karl Mair einen Rückblick auf die Geschichte der Bücherei und des Rote Schulhauses gegeben hatte, tauchten die Gäste ein in die Werke, die von ihrer Heimat erzählen. Zunächst las Christian Ladner, der seit vielen Jahren als Schauspieler im Theaterverein aktiv ist und aufgrund seiner schönen Stimme zum Vorlesen eingeladen wurde, aus alter Reiseliteratur vor. Die Zuhörenden bekamen einen Einblick in die Anfänge des Tourismus am Simssee.
Anschließend las Christiane Kirschner aus der Biografie von Louise Dumont „Ein Leben für das Theater“. Sie war eine der bedeutendsten deutschen Schauspielerinnen des frühen 20. Jahrhunderts. In ihrer Biografie fanden sich zahlreiche Beschreibungen ihres Lebens in Sonnenholz am Simssee.
Düsterer wurde die Stimmung, als Kirschner aus dem Roman „Geisterkinder“ las. Der Bestseller aus dem Jahr 2017 erzählt von der Familie von Cäsar von Hofacker, der am Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt war. Die Textstelle erzählt aus der Perspektive der Familie, die zu jener Zeit in Krottenmühl (Gemeinde Söchtenau) lebte. Sie verdeutlicht die Gefühle und Wahrnehmung der Familie, die sich in diesem Moment des Zusammenbruchs des Widerstands bewusst wird – und der Konsequenzen, die das Scheitern des Anschlags für sie haben wird.
Auch die Biografie des deutschen Schauspielers Ernst Hannawald „Das Leben ist kein Film“, aus der Ladner las, sorgte für bedrückte Stimmung. Der Schauspieler wurde 1959 in Haidholzen geboren. „Die Stimmung in der ehemaligen Vertriebenensiedlung war in den ersten Nachkriegsjahren geprägt von einer Aufbruchstimmung einerseits, aber andererseits auch von sozialen Missständen“, erklärte Karl Mair vorab. So berichtet Hannawald in seinem Buch auch von seiner schwierigen Kindheit in Stephanskirchen zwischen Aufenthalten in Kinderheimen und problematischen Familienverhältnissen.
Auf eine Reise in die Vergangenheit von Otfried Preußler machten sich die Zuhörer, als Lorenz Bitsch, Enkel des weltberühmten Stephanskirchener Kinderbuchautors, aus dem Rübezahl-Buch seines Großvaters vorlas. Darin berichtet Preußler in seiner gewohnt packenden Erzählweise und in dritter Person von sich, wie er und seine Familie das Haus im Rübezahlweg in Haidholzen erwarben – und dass es purer Zufall oder gar eine Fügung war, dass sich das angebotene Grundstück ausgerechnet am Rübezahlweg befand. Denn, so schreibt es der Geschichtenerzähler, eine Fügung sei es, da es „ohne unser Zutun“ passierte.
Dorfskizzen von Gertruda
Gruber-Goepfertova
Heimelig wurde es dann wieder bei Eugen Ränkls Gedicht „D‘ Hofleit‘n“ und abschließend mit den „Dorfskizzenblättern“ der Rosenheimer Künstlerin Gertruda Gruber-Goepfertova, die Mitte der 1970er-Jahre regelmäßig im Kulturteil des OVB veröffentlicht wurden.
Musikalisch abgerundet wurde der Abend von der Jazz-Band Swing Melange, die an diesem Abend ihren ersten Auftritt hatte. Bei Häppchen und einem Gläschen ließen die Gäste den Abend in den Räumen der Bücherei ausklingen.