Mit der Wendelsteinbahn zurück ins Jahr 1912

von Redaktion

Am 1. Mai startete die Wendelsteinbahn in ihre Nostalgiesaison. In historischen Wagen aus dem Jahr 1912, geschoben von einer modernen Lok, geht es für die Fahrgäste wieder hinauf zum Gipfel. Die Fahrt verbindet Technikgeschichte mit einem besonderen Bergerlebnis.

Brannenburg-Waching – Der Morgen beginnt in Waching mit jener bayerischen Zurückhaltung, die der Frühling Anfang Mai gern noch an den Tag legt: Es ist hell, aber von der Nacht her noch kühl. An der Talstation der Wendelsteinbahn stehen die ersten Fahrgäste mit hochgezogenen Krägen, Kaffeebechern in den Händen und diesem erwartungsvollen Schweigen, das immer dann entsteht, wenn Menschen nicht bloß irgendwohin fahren, sondern ein kleines Stück Zeitreise gebucht haben.

Erste Nostalgiefahrt
der Saison

Es ist die erste Nostalgiefahrt der Saison 2026. Am 1. Mai setzte sich der historische Zug wieder in Bewegung: Personenwagen aus dem Jahr 1912, Holz, Messing, schmale Fenster, ehrliche Kanten. Gebaut in einer Zeit, in der man Berge noch nicht mit Erlebnisplattformen erschloss, sondern mit Ingenieursmut, Sprengstoff und einer gewissen Sturheit. Die Wagen wirken, als hätten sie sich für diesen Tag besonders herausgeputzt – nicht eitel, eher würdevoll. Ein bisschen wie ältere Herrschaften, die genau wissen, dass sie noch immer Eindruck machen.

Dahinter steht Lok 5. Modern, kräftig, nüchtern. Die gut 100 Jahre jüngere Schweizerin aus dem Hause Stadler ist an diesem Morgen die eigentliche Arbeiterin. Eine historische Lokomotive wäre natürlich das vollkommenere Bild für Kalender, Bücher, Prospekte und nostalgisch veranlagte Herzen. Nur: Sie sind für den heutigen Fahrplan zu langsam. Also schiebt nun die Neue die Alten den Berg hinauf. Man könnte darin ein Symbol unserer Zeit sehen. Oder einfach eine vernünftige Lösung mit Charme.

Drinnen suchen die Fahrgäste ihre Plätze. Talseite oder Bergseite, das ist hier keine Kleinigkeit, sondern fast eine Weltanschauung. Ein älterer Herr streicht mit der Hand über die Holzkante der Sitzbank und nickt, als habe er gerade eine alte Bekannte wiedergetroffen.

Punkt zehn vor zehn Uhr setzt sich die Garnitur in Bewegung. Kein Theater, kein großes Zeremoniell. Ein kurzes Rucken, ein tiefes Brummen, dann rollen die alten Wagen aus der Station. Sie ächzen leise, als müssten sie sich nach dem Winter erst einmal strecken. Es ist kein Geräusch von Schwäche, eher eines vieler Erinnerungen. Holz arbeitet, Metall antwortet, und irgendwo dazwischen beginnt der Berg.

Schon nach wenigen Metern übernimmt das Zahnrad die Hauptrolle. Die Steigung nimmt zu, bis auf 23,7 Prozent. Die Lok beißt sich in die Zahnstange, der Zug arbeitet sich nach oben, und im Wagen wird es stiller. Nicht feierlich, eher aufmerksam. Man hört das Rollen, das Greifen, das Knarren. Man hört, dass diese Fahrt nicht einfach nur Transport ist. Sie ist eine Bewegung gegen die Schwerkraft – und gegen die Hast.

In rund 25 Minuten steigt die Bahn von 508 Metern auf 1.723 Meter. 1.215 Höhenmeter, ohne Umsteigen, ohne Serpentinen im Auto, ohne sportliche Selbstüberschätzung. Das schafft sonst nur ein Steinadler – und der muss dabei selbst arbeiten.

Draußen öffnet sich die Landschaft. Erst Wiesen im kühlen Schatten, dann Felsen, Wald, Kurven, Galerien. Immer wieder Tunnel, dann plötzlich Licht. Das Tal beginnt, sich zu entfernen, als würde es langsam aus der Hand gleiten. Unten bleiben Straßen, Dächer, Alltag. Oben wartet dieser helle, immer weitere Himmel, der im Gebirge so tut, als gehöre er einem ganz allein.

Man kann sich gut vorstellen, wie die ersten Fahrgäste 1912 hier saßen: neugierig, vielleicht ein wenig angespannt, sicher mit mehr Hut als heute. Für sie war diese Bahn eine Sensation. Die elektrische Zahnradbahn auf den Wendelstein, erbaut unter Otto von Steinbeis und eröffnet 1912, galt als technische Pionierleistung. Sie machte den Berg nicht nur erreichbar, sondern verwandelte ihn in ein Ausflugsziel für Menschen, die bis dahin allenfalls von unten hinaufgeschaut hatten.

Heute ist die Fahrt bequemer, sicherer, planbarer. Aber sie hat sich etwas bewahrt, das vielen modernen Ausflügen fehlt: Widerstand. Man spürt den Berg. Man spürt die Konstruktion. Man merkt, dass hier nicht einfach ein Knopf gedrückt wird – und oben ist man. Diese Bahn erklärt Geschichte nicht mit Schautafeln. Sie lässt sie knarren, rucken, glänzen und bergwärts arbeiten.

Saisonauftakt mit Patina,
aber ohne Pathos

An der Bergstation angekommen, ziehen sich die Passagiere ihre Jacken enger und schauen hinunter auf die Strecke, die sie gerade zurückgelegt haben. Das Licht ist inzwischen wärmer geworden. Unten liegt das Inntal, oben beginnt der Wendelstein-Tag, und dazwischen steht dieser Zug, der für einen Moment so wirkt, als sei er weniger angekommen als zurückgekehrt.

Die erste Nostalgiefahrt des Jahres ist damit keine bloße Sonderfahrt. Sie ist ein kleiner Saisonauftakt mit Patina, eine Einladung zum Staunen ohne Pathos. Fünf weitere Nostalgiefahrten der Wendelsteinbahn sind in diesem Jahr bis zum Oktober geplant. Wer mitfahren will, sollte nicht zu lange überlegen: Die besten Plätze sind bekanntlich jene am Fenster – und genau dort sitzen meistens die Schnellentschlossenen. re

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