Bad Endorf – „Ich möchte keine Entschädigung, ich möchte wirtschaften, das ist meine Aufgabe“, sagt der eine Landwirt. Sein Frust über den Biber ist spürbar. Der andere Landwirt hat akzeptiert, dass er in einem Biberlebensraum nicht mehr so wirtschaften kann, wie es seine Vorfahren gewohnt waren. Also holt er sich Förster und Biberbeauftragte ins Revier und lässt sich über Möglichkeiten der friedlichen Koexistenz beraten.
Beide Landwirte haben am Brandbach Wiesen- und Waldflächen. Beide müssen mit den Schäden leben, die der Biber verursacht: unterhöhlte und eingestürzte Uferbereiche, abgenagte und gefällte Bäume, überflutete Wiesen und Waldbereiche. Was sie unterscheidet, ist ihre Herangehensweise.
Illegale Aktionen gegen
den Artenschutz
Der Brandbach verbindet den verlandeten Arxtsee mit dem Pelhamer See. „Am Südufer des Arxtsees hat der Biber vor Jahren seine ersten Dämme gebaut“, berichtet Robert Weinberger. Er ist Biberberater und kennt den Brandbach wie seine Westentasche. Seit Jahren beobachtet er hier das Wildtier und stellte dabei auch immer wieder illegale Aktionen gegen den strengen Artenschutz fest.
Ihre Spuren sind entlang des Bachlaufs auf einer Länge von fast 500 Metern zu sehen. Überall stapeln sich Asthaufen. „Ehemalige Biberdämme, die entfernt wurden“, erklärt Weinberger und macht klar: „Der Biber würde nie so viele Burgen und Röhren bauen, wenn man ihm eine ließe.“
Löcher in den Uferböschungen zeigen, wie oft der Biber mit Dämmen Wasser angestaut und seine Burgen neu gebaut hat. Doch immer wieder wurden die Dämme zerstört, die Eingänge der Biberburgen fielen trocken – eine Straftat nach dem Bundesnaturschutzgesetz. „Dabei muss klar sein, dass jeder zerstörte Damm dazu führt, dass der Biber neu bauen muss“, beschreibt Weinberger die Endlosspirale aus Artenschutzvergehen und Überlebenskampf des Bibers. Die Folge sind neue Fraßspuren im Wald und neue Röhrensysteme im Uferbereich.
An einem Waldstück südlich des Brandbachs ist deutlich zu erkennen, dass der Biber seinen Lebensraum gestaltet hat. „Der Uferbereich beinhaltet mehrere Biberröhren in Reihe“, beschreibt Robert Weinberger. Bäume wurden gefällt, andere angenagt. Für die Waldbesitzer ist teilweise wirtschaftlicher Schaden entstanden, für den sie Ausgleichszahlungen beantragen können. Der Biberberater hilft dabei. „In Bayern gibt es ein ganzes Bündel an Strategien, wie Land-, Teich- und Forstwirtschaft mit dem Biber statt gegen ihn funktionieren“, sagt Weinberger. Ein Baustein ist das Vertragsnaturschutzprogramm Wald, das unter anderem Biotopbäume und Totholz in Biberlebensräumen fördert, aber auch vom Biber verursachte Ertragsausfälle ausgleicht: darunter Fraßschäden in Kulturen und an Einzelbäumen, Vernässungs- oder Flurschäden.
„Mit einer extensiven Nutzung oder einem Nutzungsverzicht in Teilflächen kann der Lebensraum des Bibers erhalten und zugleich die Entwicklung von Auwäldern oder Feuchtbiotopen gefördert werden“, erläutert Robert Weinberger. Der ideale „Förderfall“ wäre seiner Meinung nach eine Kombination aus Vertragsnaturschutz und Waldförderung: „Damit könnten Biotopbäume geschützt und Teilflächen mit Zukunftsbäumen aktiv umgebaut werden.“
Gezielt helfen bedeutet
weniger Ärger
Auch mit Wasserbau gestaltet der Biber seinen Lebensraum. Der Mensch kann das Wildtier dabei sogar gezielt unterstützen. Flussabwärts passiert der Brandbach mehrere Durchlässe. Gepflegt werden sie vom Boden- und Wasserverband. Damit die alten, teils defekten Betonrohre nicht verklausen, könnten sie mit etwas kleineren, glatten Kunststoffrohren ausgekleidet und mit Gitterkörben gesichert werden, schlägt Weinberger vor. „Wir helfen auch gern dabei mit“, bietet er die Finanzierung des Baumaterials durch das bayerische Bibermanagement und die ehrenamtliche Hilfe der Naturschützer an. Ein paar Hundert Meter weiter flussabwärts hat sich ein Kompromiss gefunden. „Mit einem Drainagerohr im Biberdamm regulieren wir den Abfluss so, dass die Nutzflächen nicht überflutet werden, der Eingang der Biberburg aber trotzdem unter Wasser bleibt.“ So wird bei Landwirt und Tier ein Schaden vermieden. Das Baumaterial hat sich der Biber aus dem angrenzenden Waldstück geholt. Für die Entschädigung des Waldbesitzers werden die Bäume vom Biberberater vor Ort detailliert aufgelistet.
Doch wie soll es weitergehen mit einem Waldstück, das der Biber erobert hat? „Totholzbäume werden gefördert. Einzelne kräftige Bäume könnte man mit Drahthosen vor Verbiss schützen“, schlägt der Biberberater den Waldbesitzern vor. Das sei vor allem bei Edellaubhölzern, Eichen oder Zukunftsbäumen sinnvoll. Man könne das Waldstück aber auch als Lichtung belassen und auf Naturverjüngung setzen. Oder man forstet es auf – etwa mit Erlen oder Eschen. „Für den Uferbereich bieten sich auch Weiden an“, erklärt Weinberger. „Sie verjüngen sich schnell und reagieren auf Verbiss mit intensiven Stockausschlägen.“ Vom drainierten Biberdamm bis zum Pelhamer See sind es noch knapp 1,5 Kilometer. Auf dieser Strecke hat die landwirtschaftliche Nutzung Priorität. „Hier dürfen Biberdämme mit Erlaubnis der Naturschutzbehörde entnommen werden“, erklärt Weinberger. Das Beispiel Brandbach zeigt: Kompromisse sind möglich. Es gibt Lösungen für die Bewirtschaftung von Wald und Wiesen an der Seite des Bibers – auch wenn der Weg dahin lang und bürokratisch ist.