Europa – was bist du bunt

von Redaktion

Kreatives Erasmus+-Projekt verbindet Jugendliche aus Raubling und Portugal

Raubling – Eine Woche lang wurde am Inntal-Gymnasium nicht nur gelernt, sondern gemeinsam gestaltet, diskutiert, gelacht – und am Ende sogar geweint. Im Rahmen des Erasmus+-Projekts „Upcycling Urban Art Animal Care“ (kofinanziert von der EU) waren acht Schülerinnen des Inntal-Gymnasiums Gastgeberinnen für sieben Schülerinnen und einen Schüler des Kunstzweigs der portugiesischen Partnerschule Agrupamento de Escolas Marcelino Mesquita do Cartaxo. Begleitet wurden die Jugendlichen von zwei Lehrerinnen aus Portugal und den Raublinger Lehrkräften Astrid Strasser und Christian Röhring.

Nach einer gemeinsamen Projektwoche im portugiesischen Cartaxo traf sich die deutsch-portugiesische Gruppe nun zum Gegenbesuch in Raubling. Im Mittelpunkt stand dabei ein dauerhaftes Kunstprojekt direkt am Schulgebäude: An einer Außenwand links neben dem Haupteingang des Gymnasiums – unmittelbar unter Sekretariat und Direktorat – entstand ein buntes großformatiges Wandbild mit Tieren und Pflanzen der nahegelegenen Moorlandschaft Nicklheimer Filze. Unterstützt wurde das Projekt dabei auch von der Firma Hoegner, die die Farben für das Wandbild zur Verfügung stellte.

Viele der dargestellten Arten gelten als bedroht oder stehen unter Schutz. Vereinzelt findet man auf dem Wandgemälde auch Abbildungen von Unrat – eine Erinnerung daran, wie fragil unsere Ökosysteme sind.

Ein Kunstwerk entsteht mitten im Schulleben

Besonders eindrucksvoll war dabei die Atmosphäre bei der Arbeit: Zwischen Unterrichtsbeginn, Pausentrubel und dem ständigen Kommen und Gehen am Haupteingang entstand ein Kunstwerk mitten aus dem Leben der Schule heraus – sichtbar für alle.

Wie rasch aus anfänglicher Zurückhaltung Vertrautheit wurde, schildern die Jugendlichen selbst bemerkenswert offen. „Bei der Abholung der Portugiesen am Bahnhof war die Stimmung anfangs etwas steif“, erzählt eine Schülerin. „Doch schon nach kurzer Zeit war das Schweigen gebrochen – als wären wir nicht über Wochen getrennt gewesen.“ Überrascht habe sie vor allem, wie mühelos die Verständigung funktionierte: „Wir haben nicht nur auf Englisch gesprochen, sondern auch mit Gestik und Mimik kommuniziert.“

Überhaupt schien die Gruppe innerhalb weniger Stunden zusammenzufinden. Viele Jugendliche berichten, dass sie zu Beginn durchaus aufgeregt gewesen seien und sich gefragt hätten, wie die gemeinsame Woche verlaufen würde. Doch diese Unsicherheit wich schnell einer entspannten Atmosphäre. „Während des Kunst-Projekts war alles sehr cool“, erzählt eine Teilnehmerin. Besonders schön sei gewesen, „dass die Wand immer mehr Form angenommen hat und die Gruppe genug Zeit hatte, auch Details gemeinsam zu besprechen“.

Das Projekt verband Umweltbildung, Kunst und internationale Begegnung. Bereits am ersten Projekttag erhielten die Gäste Einblicke in nachhaltiges Arbeiten bei einer Führung durch das Raublinger Recyclingzentrum. Wenige Tage später führte eine Exkursion in die Nicklheimer Filzen, deren Tier- und Pflanzenwelt das Wandbild inspiriert hat.

Dabei ergaben sich nicht nur Gespräche über Kunst und Naturschutz, sondern auch über kulturelle Unterschiede der Jugendlichen. Viele deutsche Schülerinnen staunten über die Herzlichkeit ihrer portugiesischen Gäste. „Mit den ganzen Umarmungen war ich anfangs etwas überfordert“, erzählt eine Teilnehmerin schmunzelnd.

Andere Unterschiede zeigten sich im Alltag – etwa beim Essen. Während in Bayern oft eine kalte Brotzeit auf den Tisch komme, werde in Portugal auch am Abend meist warm gegessen. Auch das Ausziehen der Schuhe im Haus sorgte bei manchen Gästen zunächst für Verwunderung. 

Trotz kleiner Unterschiede funktionierte die Zusammenarbeit bemerkenswert gut. Zwar wurde bei der Gestaltung der Wand immer wieder über Farben, Motive oder Details diskutiert, doch gerade darin lag für viele eine wichtige Erfahrung. „Wir haben immer versucht, Kompromisse zu finden, mit denen alle zufrieden waren“, berichtet eine Schülerin. „Man hat richtig gemerkt, dass wir ein Team sind.“

Das kulturelle Programm spielte während der Austauschwoche ebenfalls eine zentrale Rolle. Bayerisches Brauchtum erlebte die portugiesische Schülergruppe bei einer spontanen Volksmusikeinlage während der Schulpause und bei einem gemeinsamen Abendessen in einem Rosenheimer Traditionslokal.

Zugleich setzte sich die deutsch-portugiesische Gruppe intensiv mit zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum auseinander: Zur Inspiration für das eigene Wandbild erhielten die Jugendlichen in Rosenheim eine Führung zu Transit-Art-Kunstwerken, die sich eindrucksvoll über mehrere Stockwerke ganzer Hausfassaden erstrecken.

Auch München stand auf dem Programm. Dort besuchten die Schülerinnen und Schüler das Museum Brandhorst, verbrachten einen Abend im Glockenbachviertel und erlebten eine Aufführung im Staatstheater am Gärtnerplatz. Besonders das Rock-Ballett hinterließ bei vielen bleibenden Eindruck. „Ich war gespannt, wie die Mischung aus Rockmusik und Ballett auf mich wirken würde“, erzählt eine Teilnehmerin – und war begeistert von dem ungewöhnlichen Abend.

Besonders prägend waren für viele Jugendliche die Begegnungen in den Gastfamilien. „Die Familie meiner Austauschschülerin hat mich direkt aufgenommen“, erzählt eine deutsche Teilnehmerin. Eine andere berichtet von einem Gespräch mit ihrer Austauschpartnerin am letzten Abend: „Da ist mir erst richtig klar geworden, dass sie eine echte Freundin geworden ist – jemand, mit dem man über alles reden kann, obwohl man sich erst seit zwei Monaten kennt.“

Beim Abschied flossen
ein paar Tränen

Emotional wurde schließlich der Abschied am Bahnhof in Raubling: Nach intensiven Tagen voller gemeinsamer Arbeit, Ausflüge und Gespräche flossen Tränen. Viele Jugendliche wollen weiterhin Kontakt halten; eine portugiesische Austauschschülerin kündigte bereits an, schon bald „wieder nach Deutschland kommen“ zu wollen.

Das großformatige Wandbild an der Fassade des Gymnasiums bleibt mehr als nur ein gemeinsames Kunstprojekt. Es erzählt auch von Europa selbst: von unterschiedlichen Perspektiven, kleinen Reibungen, gemeinsamen Ideen – und von dem Versuch, aus Vielfalt etwas Verbindendes entstehen zu lassen. Vielleicht liegt genau darin die Pointe dieses Projekts: Europa ist nicht schön, weil alles gleich ist. Europa ist schön, weil es bunt ist.

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