Zugunglück: Rettungskräfte proben den Ernstfall

von Redaktion

Bei einer groß angelegten Übung am ehemaligen Bahnhof in Rohrdorf probten zahlreiche Rettungskräfte den Ernstfall. Das Szenario umfasste ein Zugunglück mit 35 Verletzten, Rauchentwicklung und austretenden Chemikalien, bei dem es auch unerwartete Hindernisse zu überwinden galt.

Rohrdorf – Rauch umhüllt den Personenzug, aus den Waggons sind Rufe, teilweise Schreie zu hören. Für Alfred Fischbacher, den Kommandanten der Rohrdorfer Feuerwehr, der sich als Erster ein Bild von der Lage zu verschaffen versucht, ist sofort klar: Hier müssen Rettungskräfte nachalarmiert werden – nicht nur um die Verletzten retten und versorgen zu können, deren genaue Zahl ja noch unbekannt ist, von denen es bei einem Zugunfall jedoch zweifellos mehr gibt. Sondern auch, weil es sich bei dem zweiten Zug, der an diesem Unfall beteiligt ist, um einen Güterzug handelt, der offenbar Chemikalien transportierte. Hier sind die speziellen Feuerwehreinheiten des Landkreises vonnöten, die auf Gefahrgutunfälle spezialisiert sind.

Zusammenspiel
der Rettungskräfte

Und genau um das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Rettungskräften geht es bei solchen Großübungen wie der, die am Samstag, 30. Mai, in Rohrdorf stattfand: Beteiligt sind bei solchen Übungen nämlich nicht nur die örtliche Feuerwehr, spezielle Feuerwehreinsatzgruppen, Bahnstreckenbetreiber, Eisenbahnverkehrsunternehmen, sondern je nach Einsatzlage auch viele andere Organisationen der „Blaulichtfamilie“ – neben dem BRK etwa auch Bergwacht, Wasserwacht, das THW und viele andere. Und natürlich sind die Abläufe, die Kommunikations- und Alarmierungswege samt Kommandostrukturen festgelegt – aber theoretisch vorgegebene Ablaufrichtlinien sind das eine, wie sie „in echt“ funktionieren kann etwas ganz anderes sein: Etwaige Probleme werden erst bei einer praktischen Übung deutlich.

Seit rund drei Jahrzehnten bietet die Feuerwehrabteilung für Gefahrgut und Schienenverkehr des Landkreises für alle, die bei einem Ernstfall in irgendeiner Weise betroffen wären, nicht nur Fortbildungen an, sondern einmal im Jahr auch eine Großübung, erklärt Kreisbrandmeister Christian Hof. Er hat zusammen mit Martin Gruber, der der Kreisbrandinspektor fürs Inntal ist, und David Dietl von der Bayerischen Regiobahn die Übung in Rohrdorf organisiert. Und er betont, dass die Übungsszenarien den jeweils beteiligten Einsatzkräften im Vorfeld nur ganz grob bekannt sind – in Rohrdorf etwa war die Vorabinformation nur die, dass ein Unfall mit einem Schienenfahrzeug geübt werden würde, im Bereich des ehemaligen Bahnhofs in Rohrdorf.

Wo genau und unter welchen Gegebenheiten – das stellte sich für die Übungsteilnehmer erst vor Ort heraus. Etwa die Tatsache, dass die Züge nicht schön am von allen Seiten leicht zugänglichen Rangierbereich des einstigen Rohrdorfer Bahnhofs standen, sondern weiter in Richtung Zementwerk, bei dem ein Zugang zu den Waggons nur über den dortigen schmalen Fahrradweg möglich war. Was nichts anderes bedeutete, als dass ein Großteil der benötigten Ausrüstung vom Parkplatz der Firma ORO bis zum Einsatzort getragen werden musste.

Anfangs völlig unbekannt ist natürlich auch die Zahl der Verletzten, die beim Übungstag aus gut 35 „Opfern“ bestand, Mitgliedern aus verschiedenen Jugendfeuerwehren der Region und anderen Freiwilligen. Deren Zahl festzustellen, war eine der ersten Aufgaben bei Beginn der Einsatzübung – nicht leicht, wenn man den Zug wegen der Rauchentwicklung eines simulierten Brandes, dessen Herd und dessen Gefährlichkeit zunächst auch nicht abzuschätzen ist, nur in schwerer und sichtbeschränkender Atemschutzausrüstung betreten kann.

Auch hier – und nicht nur bei der Kommunikation mit der Leitstelle – ist der Aufbau einer klaren Handlungsstruktur entscheidend, sprich das Zusammenspiel der einzelnen Rettungskräfte, deren Zahl im Verlauf der Übung – wie bei einem echten Unfallgeschehen eben auch – immer größer wurde. Dass aus den nacheinander eintreffenden verschiedenen Wehren und den Sondereinsatzgruppen kein Chaos entsteht, sondern ein Zusammenspiel wie bei einem Uhrwerk – das muss eben einfach geübt werden. Und deshalb, so sagt der Rohrdorfer Kommandant Alfred Fischbacher, wäre eine absolut perfekt und reibungslos verlaufene Übung eigentlich gar nicht wirklich wünschenswert. „Denn es geht vor allem darum, Schwachstellen zu erkennen, zu sehen, wo etwas nicht optimal läuft. Wir versuchen nicht, uns selbst unseren guten Ausbildungsstand zu beweisen, sondern wollen erkennen, wo etwas zu verbessern ist.“ Und solche Erkenntnisse gibt es auf allen Ebenen – von den örtlichen Ersteinsatzkräften vor Ort bis hinauf zur Leitstelle.

Realitätsnahe
Großübung

Aus diesem Grund sind bei solchen Übungen auch viele „Zuschauer“ dabei: von der Deutschen Bahn, der Bayerischen Regiobahn und der Salzburger Eisenbahn Transportlogistik GmbH (SETG), also allen, die in der Region Züge betreiben. Und sie alle profitieren von den Erkenntnissen, die bei einer solchen realitätsnahen Großübung sozusagen unmittelbar zu gewinnen sind. Erwähnt werden sollte auch, dass man immer versucht, die Tatsache, dass hier Züge auf einer vorübergehend verkehrslosen Strecke bereitstehen, zusätzlich zu nutzen. Am Samstag waren es zwei solcher Sonderübungen. Bei der einen galt es, einen Waggon mit einem Hebekissen etwas anzuheben. Bei der zweiten ging es darum, die Stromversorgung eines Triebzuges der Bayerischen Regiobahn über einen Stromaggregat-Anhänger zu üben, den der Landkreis bei der Rohrdorfer Feuerwehr stationiert hat. Diese Möglichkeit der externen Stromversorgung ist eine Besonderheit der bei der BRB eingesetzten Züge: Dank ihrer können Heizung oder Klimaanlage auch dann betrieben werden, wenn aus der Oberleitung kein Strom mehr kommt. Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass dann auch das Lautsprechersystem des Zuges weiter funktioniert.

Kurz: Ein solcher Übungstag erfordert viel Aufwand und Vorbereitung, allein schon, um bei dem dicht getakteten Bahnverkehr die benötigten Züge vor Ort bringen zu können. In dem Zusammenhang wollten die drei Organisatoren zudem ausdrücklich der Gemeinde Rohrdorf ihren Dank aussprechen, die die Übung tatkräftig unterstützt habe, sowie der Firma ORO, die für die Einsatzkräfte Getränke bereitstellte.

Insgesamt – das ist die Meinung aller Beteiligten – ist die Nutzung der Erkenntnisse, die aus einer solchen Großübung sowohl kurz- als auch langfristig gezogen werden kann, den Aufwand auf jeden Fall wert.

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