Raubling – Einen Augenblick lang sieht es fast aus wie ein Spiel. Ein großer Heuballen kippt nach vorn, die Kinder schauen gespannt zu, dann schlägt der Ballen mit seinem ganzen Gewicht auf eine Melone. Was eben noch rund, massiv und unversehrt auf dem Boden lag, ist im nächsten Moment zerquetscht. Das Bild wirkt nach. Genau darum geht es an diesem Vormittag auf dem Paul-Hof in der Raublinger Schullerstraße: Gefahren sichtbar zu machen, die im Alltag eines Bauernhofs oft selbstverständlich wirken – und gerade deshalb leicht unterschätzt werden.
Sicherheit erfahren,
nicht nur erklären
Rund 80 Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren aus dem Landkreis Rosenheim sind zum Kindersicherheitstag des Bayerischen Bauernverbands gekommen. Viele von ihnen leben selbst auf einem Bauernhof, andere sind Freunde oder deren Geschwister. Für sie alle wird der Hof der Familie Paul für einige Stunden zu einem Lernort, an dem Sicherheit nicht trocken erklärt, sondern praktisch erfahren wird.
Zwischen 9 und 14 Uhr ziehen die Gruppen über das Gelände, vorbei an Maschinen, Tieren, Einsatzfahrzeugen und Übungsstationen. Sie hören zu, probieren aus, stellen Fragen – und merken schnell, dass auf einem Hof vieles gefährlich werden kann, wenn man es nicht richtig einschätzt.
Wie wichtig solche Präventionsarbeit ist, zeigen die Zahlen der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau. Im Jahr 2024 registrierte die SVLFG bundesweit 57.816 meldepflichtige Arbeits- und Wegeunfälle in der grünen Branche, 99 davon endeten tödlich. Allein in der Landwirtschaft wurden 31.959 meldepflichtige Unfälle gezählt, 54 Menschen kamen dabei ums Leben. Häufig geht es um Tiere, um Wege auf dem Betriebsgelände, um Schlepper und andere Fahrzeuge.
Für Kinder sind solche Risiken besonders schwer einzuschätzen, vor allem dann, wenn sie mit dem Hofalltag vertraut sind. Ein Traktor ist normal, ein Heuballen harmlos, eine Güllegrube unscheinbar. Doch gerade das Vertraute kann gefährlich werden.
Durch das Programm führt Christian Satzl von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau. Er koordiniert die Gruppen, verbindet die einzelnen Stationen und achtet darauf, dass die Kinder nicht nur zuhören, sondern selbst aktiv werden. Besonders freut ihn die Aufmerksamkeit der jungen Teilnehmer. „Mich begeistert, wie die Kinder motiviert sind und mitmachen“, sagt Satzl. Tatsächlich ist auf dem Hof wenig von Ferienmüdigkeit zu spüren. Die Kinder melden sich, probieren Verbände aus, steigen in Fahrzeuge, schauen sich Warnzeichen an und reagieren mit sichtbarem Staunen, wenn aus einer Erklärung plötzlich ein Erlebnis wird.
Eine der eindrücklichsten Stationen ist der tote Winkel. Die Kinder dürfen aus dem Führerhaus eines landwirtschaftlichen Fahrzeugs blicken und erleben, wie schnell Personen aus dem Sichtfeld verschwinden. Was von außen kaum vorstellbar ist, wird vom Fahrersitz aus sofort begreifbar: Selbst eine ganze Gruppe kann für den Fahrer unsichtbar sein. Manche Kinder reagieren überrascht, andere erschrocken.
Sepp kennt den
toten Winkel schon
„Ich weiß, was ein toter Winkel ist“, erzählt der neunjährige Sepp. „Mein Vater hat mich mal auf dem Traktor mitgenommen und neben den Traktor einen Pappkarton gelegt. Den konnten wir nicht sehen. Das hätte ein Mensch sein können.“ Genau solche Erfahrungen sind wertvoll, weil sie mehr erklären als viele mahnende Worte. Wer einmal verstanden hat, wie wenig ein Fahrer aus der Kabine – oder auch dem Auto – heraus wahrnimmt, hält künftig eher Abstand.
Auch an der Station zu Gefahrstoffen und Güllegasen geht es um Risiken, die man nicht immer sehen kann. Fachleute der Berufsgenossenschaft zeigen Behälter, Warnzeichen und Beispiele aus dem Hofalltag. Sie erklären, warum bestimmte Bereiche tabu sind, weshalb Gase unsichtbar bleiben und warum Geruch kein verlässlicher Hinweis auf Gefahr ist. Für Kinder, die auf Höfen aufwachsen, sind Kanister, Werkstätten, Silos oder Gruben oft Teil der vertrauten Umgebung. Gerade deshalb sollen sie lernen, dass nicht alles, was alltäglich aussieht, auch ungefährlich ist.
Wenige Schritte weiter übt das Bayerische Rote Kreuz Rosenheim mit den Kindern Erste Hilfe. Auf Bänken sitzen Mädchen und Buben in Warnwesten, manche mit einem Verband um den Kopf, andere mit frisch verbundenen Händen. Die Ausbilder zeigen, wie man Pflaster klebt, Verbände anlegt und einen Notruf absetzt. Dabei geht es nicht darum, aus Kindern kleine Sanitäter zu machen, sondern ihnen Sicherheit in einfachen Handgriffen zu geben. Wer weiß, was im Notfall zu tun ist, verliert weniger schnell die Ruhe.
Bei der Station „Fitte Kids“ der Landwirtschaftlichen Krankenkasse stehen Bewegung, Körpergefühl und Aufmerksamkeit im Mittelpunkt. Die Kinder lernen, wie schnell Stolperfallen entstehen können und warum man auf einem Hof anders unterwegs sein muss als auf einem Spielplatz. Die Feuerwehr Nicklheim zeigt, wie man sich im Brandfall verhält: wie Rauch sich ausbreitet, warum Türen geschlossen bleiben sollen und wie man sich bemerkbar macht, wenn der Weg ins Freie versperrt ist. Die Feuerwehrleute vermitteln das ruhig und anschaulich, ohne Angst zu erzeugen, aber mit dem nötigen Ernst.
Sicherheit ist eine Frage
der Aufmerksamkeit
Begleitet wird der Tag auch von Sepp Andres, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands. Für ihn ist der Kindersicherheitstag wichtig, weil Sicherheit auf landwirtschaftlichen Betrieben nicht allein eine Frage von Technik und Vorschriften ist, sondern vor allem von Aufmerksamkeit und Verantwortungsbewusstsein. „Wir sind als Bauernverband froh darüber, dass wir diesen Tag hier und heute für die Kinder und deren Sicherheit durchführen konnten“, sagt Andres.
Zum Abschluss kommen auch die stellvertretende Landrätin Marianne Loferer, Bürgermeisterin Franziska Pfaffenhuber und weitere Vertreter aus der Landwirtschaft auf den Paul-Hof, um sich die Stationen anzusehen und mit Kindern, Betreuern und Organisatoren ins Gespräch zu kommen.
Zwischen den Übungen bleibt immer wieder Zeit für kurze Pausen, für neugierige Blicke in den Hofladen, für Gespräche und Beobachtungen auf dem Hof. Gerade diese Mischung macht den Tag aus: Er ist ernst im Thema, aber leicht in der Form. Die Kinder werden nicht belehrt, sondern beteiligt. Sie dürfen ausprobieren, nachfragen, staunen – und manchmal auch erschrecken.
Am Ende nehmen sie keine langen Regelkataloge mit nach Hause, sondern Bilder, die bleiben: die zerdrückte Melone unter dem Heuballen, die unsichtbare Gruppe im toten Winkel, den Verband an der eigenen Hand. Es sind einfache Erfahrungen. Aber auf einem Bauernhof können gerade solche Erfahrungen entscheidend sein. re